Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- Seite 474 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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4 74 Auf eine andere Stelle mag hier kurz hingewiesen werden, die Wohl schon den Weg in die allgemeine Presse gefunden hat. Bei der sehr anmutigen Schilderung eines Besuches bei Tolstoi, dem mitunter recht seltsame Anschauungen über Shakesspeare und Goethe in den Mund gelegt werden, und der durch seinen Besucher zum erstenmal den Namen Gottfried Kellers gehört haben soll, wird auch eine Unterredung über Dreysus mitgeteilt. Tolstoi hatte es abgelehnt, über diese Angelegenheit zu schreiben, teils weil er sie nicht aus eigener Kenntnis beurteilen konnte, teils weil er sie nicht für so bedeutend hielt, wie die übrige Welt sie ansah. Aber der Verfasser versichert, Tolstoi sei kein Antisemit und fährt dann fort: „Tolstoi liebt die merkantilen Juden nicht, die am wenigsten vom christlichen Geiste erfüllt seien, aber er verurteilt den Antisemitismus aufs entschiedenste. Der Antisemitismus, sagte er, ist nicht ein Unglück für die Juden. Denn wer Unrecht erduldet, ist nie zu beklagen, sondern der Unrecht übt. Der Antisemitismus demoralisiert. Er ist das ärgste Uebel unserer Zeit, denn er vergiftet ganze Generationen. Er macht sie blind gegen Recht und Unrecht und ertötet jedes moralische Gefühl. Er verwandelt die Seele in eine Trümmerstütte auf der alles Gute und Edle vernichtet ist." Den Lesern dieses Blattes sei das Buch dringend empfohlen. Man braucht keineswegs in allen Anscharrungen mit ihm übereiuzustimmery aber man wird von seinen lebhaften, belehrender: und unterhaltenden Schildernngen stets gefesselt sein. Die entsetzliche Lage der Juden in' dem gewaltigen Zarenreiche erfährt hier zwar keine neue Schilderung, aber merkwürdige Streiflichter werden auf sie geworfen. Möchte nur die Meinung des Verfassers richtig sein, daß die Stinrrnung der eigentlich leitenden Kreise oder der Männer, denen in Zukunft die Gesetzgebung anvertraut ist, keine den Juden ungünstige ist und möge die Hoffnung sich bewähren, daß bei der Neuordnung der Verhältnisse, mag sie nun ganz nahe bevorstehen oder noch eine Weile auf sich warten lassen, wirklich die Meinung dieser Kreise oder Männer die Oberhand gewinnen würden. Die energetische Mellissidee. Von Dr. Ludwig Stein, Universitätsprofessor in Bern. aufen allen großen Religionstypen, wie ich es einmal an anderer Stelle in einer Betrachtung über die „energetische Gottesidee" des weiteren ausgeführt habe, philosophische Systeme parallel, so wird man es begreiflich finden, daß die verschiedenen Fassungen des Monotheismus auch ganz analoge Gedankenbildungen des Pantheismus heraufbeschworen haben. Seitdem nur eine Kultur haben, stehen zwei große Religionstypen einander unerbittlich und unversöhnlich gegenüber, aber ebenso zwei große Typen des Pantheismus. Dem Buddhismus mit seiner Lehre von Nirwana, vom ungeschiedenen Ursein, dem die mythendichtende Religionsphantasie die Märchen vom goldenen Zeitalter, von: verlorenen Paradies, vom Sündenfall überwuchernd angehängt hat, steht der Parsismus, der optimistische Religionstypus Zarathustras, mit seiner vorwärts gerichteten Phantasie, mit den Märchen vom kommenden tausendjährigen Reich, von: Chiliasmus, mit der apokalyptischen Dichtung vom „Ende der Tage", der Eschatologie gegenüber. Der pessimistische Religionstypus der Inder hat eine historisch rückwärtsgebogene, die Lichtreligion des Parsismus eine vorwärtsgerichtete religiöse Phantasie. Die Inder substanzialisieren oder vergöttlichen ihr Ruhebedürfnis, der Parsismus den Tatendrang, die Bewegung. Dort wird das volee far niente, hier das Sempre avanti in die Substanz verlegt. Der Buddhismus verherrlicht das Plusquamperfektum, der Parsismus das Plusquamfuturum. Dort ist das Paradies des unschuldigen Urseins für irmner verlosen, hier ist. es ein durch Arbeit zu erringendes Gut. Dort bilden starre Untätigkeit, Leidlosigkeit, Friedfertigkeit den Ausgangspunkt, hier den Schlußpunkt alles Weltgeschehens. In der Philosophie entspricht diesem Gegensatzpaar der religiösen Deutung das ndwa b,uoi der antiken Stillstandsdenker, und das nävza qu der Allfortschrittsdenker. Dort Ontologismus, hier Evolutionismus. Dort ewiges Sein, hier ewiges Tun und Geschehen. Nach der einen Auffassung ist Gott die ewige Ruhe, nach der anderen der ewige Prozeß, die ewige Bewegung, die ewige Kraft. Die einen übertragen die Symbolik der Ruhe und des Leidens, die anderen die Symbolik der Arbeit auf die Substanz. In schärfster Ausprägung stehen einander der Emanatismus der Neuplatoniker und der Evolutionismus Herbert Spencers gegenüber. Nach jener Auffassung geht die Welt in wachsender Vergröberung und Verschlechterung aus Gott hervor, nach dieser entfaltet sich umgekehrt die Welt in auffteigender Vervollkommnung zu Gott enrpor. Dort geht die Entwicklungslinie des Universums kontinuierlich abwärts, hier aufwärts; dort Emanatismus, hier Evolutionismus; dort endlich pessimistische, hier optimistische Wirkung des Weltprozesses. Und hier setzt nun die Religionsphilosophie der Gegenwart ein. Schopenhauer warf den: Judentum verruchten 'Optimismus vor, während ich den größten Ruhm der Religion Israels gerade darin erblicke, daß sie eine zukunstsfreudige, den Blick unverwandt auf das Kommende gerichtete Weltanschauung kündet. Denn jedes Volk hat den Gott, ben es verdient, und j>ede Kulturstufe eines Volkes eine solche Gottesvorstellung, die ihr angemessen ist. Der energetischen Philosophie der Gegenwart ist Gott gleichbedeutend uüt Weltenergie: Urkraft. Gott ist ihr die ewige Gesetzmäßigkeit im wunderbaren Wandel und Wechsel der Erscheinungen. In diesem Gottesbegriff sind nicht Ruhe und Leidlosigkeit, ivie in: Buddhismus, sondern das Licht, die ewige Energiequelle, wie im Parsismus, kondensiert. Dabei spielt sich folgender Zirkel ab. Erst übertragen die Völker ihre höchsten und edelsten Eigenschaften auf ihren Gottesbegriff, dann werden sie von eben diesem Gottesbegriff erzogen und gebildet. Passive Gottesbegriffe abererziehen Memmen und Mollusken. Sv erklärt sich der Niedergang der ältesten Kultur der Welt, Indiens. 30 000 englische Germanen, die von einem aktiven Gottesbegriff zur Tat, zu Unternehmungslust, zur Herrschaft erzogen sind, reichen aus, 300 Millionen Inder in Schach zu halten. Denn passive Gottesideale wirken schwächend, machen schlaff und energielos, während aktive Gottesvorstellungen zu höchster Entfaltung der Lebensenergien anspornen. Was nun in der Religion Messianismus heißt, das nennen wir in der Philosophie Evolutionismus. Es ist dies die gemeinsame Deutung des Sinnes der Welt, daß das Heil des Menschengeschlechtes nicht hinter uns, sondern vor uns liegt. Beiden ist die Auffassung gemeinsam, daß das Paradies nicht verloren, sondern erst zu erringen ist. Kein seufzendes, traurig-resigniertes „Es war", sondern ein jauchzendes, freudig-erregtes „Es wird sein". Der Weltprozeß ist kein ewiger Abstieg, kein perpetuierlicher Abfall vom Vollkommenen zum Unvollkommenen, sondern umgekehrt ein gradweiser Aufstieg von: Unvollkommenen zum Vollkommenen.