Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- Seite 473 (sequence 5)
- Language
- German
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473 in seinem Berufe tätig ist und der gegenwärtig in Wien lebt. Er hat Rußland drei Monate lang bereist, eine Zeit, die für gründliche Studien über Vergangenheit und Gegenwart eines Landes, für die Erkenntnis seiner Zukunft natürlich nicht ausreicht; er hat dank journalistischer Verbindungen in den verschiedensten Kreisen: bei Schriftstellern, Rechtsanwälten, Politikern, hohen Staatsbeamten Zutritt erhalten. Von den Unterredungen mit diesen Männern gibt er in seinem Buche Kenntnis. Nun verlangen aber alle diese Großwürdenträger und Geistesaristokraten, daß ihre Namen verheimlicht werden, weil sie keine Lust haben, Märtyrer für ihre Ueberzeugung zu werden, und so ist der Leser, der weder seine eigene Erfahrung geltend machen, noch die Verantwortung auf die Zeugen schieben kann, in der Zwangslage, ausschließlich dem Autor vollkommen zu vertrauen. Die Ueberzeugung, die der Autor verficht, ist im wesentlichen die: alle gebildeten, nach Freiheit strebenden Russen ersehnen schwere Niederlagen ihres Vaterlandes, weil sie der festen Meinung sind, daß nur durch diese das absolutistische Willkürregiment vernichtet werden könnte. Die Inkarnation dieses Systems sei der vor kurzem ermordete Minister Plehwe gewesen, der den Zaren seinem System geneigt machte dadurch, daß er beständig Furcht vor revolutionären Bewegungen in ihm nährte. Unter diesem Willkürregiment leiden nun die Juden besonders. Die für sie geltenden Ausnahmemaßregeln. die gegen sie mit Duldung der Behörden, ja geradezu auf Veranlassung der höchsten Beamten in Szene gesetzten Revolten in Kischinew und an anderen Orten hätten in den höheren Klassen einen völligen Umschwung der Gesinnung hervorgerufen, teils einen ausgesprochenen Philosemitismus, teils eine Mischung von Mitleid und Beschämung. Zur Erklärung der grausamen Behandlung der Juden wird hauptsächlich die Ansicht geltend gemacht, daß der schon genannte Minister Plehwe es verstanden habe, die Juden als die unlautersten, dem Verbrechen geneigten, besonders auch von revolutionärer Gesinnung erfüllten Elemente hinzustellen. Sieht man das Inhaltsverzeichnis durch, so meint man, nur zwei Kapitel kämen für jüdische Interessen in Betracht: „Die Judennot" und „Zur Judenfrage". Der erste Aufsatz sucht darzutun, daß fünf Umstände dazu beigetragen hätten, die Juden Rußlands in die üble Lage zu versetzen, unter der sie seufzen. 1. Der große Einfluß der reichen russischen christlichen Wucherer, die eben in den Juden und den auch unter ihnen zahlreich vorkommenden Wucherern ihre Konkurrenten sehen, auf die Behörden. 2. Der Geist Pobjedonoszews, der als Stützen des mächtigen Reiches die Autokratie, die Orthodoxie und das Rufsentum auffaßt, den kritischen Geist der Juden dagegen fürchtet und mit aller Macht unterdrücken will. 3. Der bereits angedeutete Gedanke, daß es ohne die Juden keine Opposition gäbe, daß sie also die eigentliche Schuld an den revolutionären Kundgebungen und an den regierungsfeindlichen Gesinnungen trügen. 4. Der fanatische Haß der verwitweten Zarin-Mutter und des Großfürsten Sergius, die an dem Wahn leiden, jüdische Lieferanten hätten die russischen Niederlagen im Türkenkriege veranlaßt. 5. Die sichere Rente, die für jeden gewissenlosen Beamten aus der Judengesetzgebung sich ergebe. Denn da die Gesetze nicht oder nur sehr schwer durchführbar seien, so lasse sich durch Bestechungen allerlei erlangen. Die Erzählungen des Verfassers in diesem Kapitel zum Beweise der Folgen der Absperrung und Einzwängung der Juden in bestimmte Bezirke sind zum Teil haarsträubend: Ein unschuldiges jüdisches Mädchen, das in Petersburg studieren wollte, und diesen Plan auf keine gesetzmäßige Weise durchführen konnte, ließ sich als Prostituierte einschreiben, wurde natürlich entdeckt und abgeschoben; ein siebzigjähriger Mann, der in Moskau Geschäfte zu erledigen hatte und vor Abend mit deren Abwicklung nicht fertig werden konnte, mußte, da niemand ihn aufnahm, eine Nacht im Bordell zubringen. ... In dem zweiten Kapitel, das nach seiner Aufschrift jüdischen Dingen gewidmet ist, trägt der Verfasser als neue Erkenntnis den Satz vor: „Das Judenproblem ist nichts als ein relatives Uebervölkerungsproblem, die Juden werden unerträglich nur da, wo sie sich selbst Konkurrenz zu machen gezwungen sind." Ich halte diesen Satz für keine, große Weisheit, und vor allem für nicht sehr ermutigend orientalischen Herrschern gegenüber. Denn sie könnten gerade durch ihn angeregt werden, durch Ansnahmemaßregeln jeder Uebervölkerung vorzubeugen. Viel wichtiger als diese beiden Kapitel sind aber die durch das ganze Buch zerstreuten Bemerkungen über Juden, speziell die Mitteilungen über die Gesinnungen der Gebildeten und Hochstehenden, soweit sie die Israeliten betreffen. Von ungemeinem Interesse ist das Kapitel „Der Fall Sänger", wo die plötzliche Demission des ehemaligen Ministers für Volksaufklärung, eines früheren Professors, als Wirkung seiner nicht genügend starken antijüdischen Gesinnung dargelegt wird. Oder ein anderes, „Die Freuden der russischen Advokatur", wo die Schicksale des Juristen Sokolow und anderer, die als Verteidiger in Kischinew tätig waren und die Machinationen der russischen Negierung enthüllten, in lebendiger Weise dargestellt werden. Auch in den meisten anderen Kapiteln kommen gelegentlich Aeußerungen über jüdische Fragen vor, die sich im wesentlichen mit den Hauptanschauungett decken, die schon oben berührt sind. Denn das Ungeschickte an dem Buche, wegen dessen der Verfasser sich übrigens in der Einleitung entschuldigt, besteht darin, daß es aus lauter einzelnen Feuilletonartikeln zusammengesetzt ist, die für mehrere Zeitungen und zu verschiedenen Zwecken geschrieben waren; man kann indessen dem Autor den Vorwurf nicht ersparen, daß er bei der Vereinigung der Artikel zu einem.Buche etwas zu sorglos vorgegangen ist. Ich vermag an dem vom Verfasser Mitgeteilten keine Kritik zu üben, da ich durchaus keinen Grund habe, an seiner vollständigen Aufrichtigkeit zu zweifeln, aber nicht imstande bin, die russischen Zustände aus eigener Kenntnis zu beurteilen. Ich kann nicht verhehlen, daß ich durch die Lektüre den Eindruck empfing, der Verfasser trete der Zukunft zu optimistisch gegenüber, d. h. er sehe die Tage des jetzigen Regimes gezählt und erblicke in den geistig und amtlich Hochgestellten die sicheren Stützen für ein demnächstiges freies System in Rußland. Dieser Optimismus scheint mir unberechtigt, vor allen Dingen, weil er der großen sozialistischen und nihilistischen Strömung keine Rechnung trägt, die gewiß in Rußland besteht, und die zu ganz anderen Konsequenzen sühren muß als zu einem milden oder aufgeklärten Liberalismus. Für übertrieben halte ich ferner die mehrfach vorkommende, oft kraß ausgesprochene Ansicht, daß man in den ersten Monaten des russisch-japanischen Krieges nur Polen, Juden, Armenier auf den Kriegsschmrplatz geschickt habe, teils um die wirklichen Russen zu schonen, teils um das Land von unzufriedenen Elementen zu säubern. Wie weit dies für Polen und Armenier zutrifft, geht uns hier nichts an; da es aber keine jüdischen Regimenter und Divisionen, auch keine Heeresabteilungen gibt, in denen das jüdische Element vorherrscht, so sind solche Angaben gewiß phantastisch.