Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- Seite 472 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Lriek aus Osris. Paris, im September, ie jüdische Bevölkerung Frankreichs macht sich allmählich immer mehr mit dem Gedanken vertraut, die eventuellen' Folgen des Konflikts der Republik mit dem Vatikan auch ihrerseits tragen zu müssen. Wenn wir von „der" jüdischen Bevölkerung sprechen, so ist damit allerdings etwas zu viel gesagt. Der religiöse Jndifferentismus der französischen Juden besteht allen optimistischen Erwartungen zum Trotz auch nach der Dxehfusaffäre ziemlich ungeschwächt weiter. Wenn vor kurzem ein katholisches Blatt von einigen Gemeinden in Mittel-- und Westfrankreich berichtete, daß zu dem (christlichen) Gottesdienst nur noch etliche Frauen erschienen, so kann dies ohne weiteres' auch auf manche jüdische Gemeinde, übertragen werden. Konnte doch in einer südfranzösischen Gemeinde, an deren Spitze' ein Rabbiner steht, im vorigen Jahr selbst am Rosch-haschanah kein Gottesdienst veranstaltet werden, obwohl man öfter statt mit zehn schon mit sieben männlichen Glaubensgenossen Minjan machte! (Als „mildernder Umstand" sei jedoch bemerkt, daß der Rabbiner weniger der Gemeinde, als der Kurgäste halber angestellt ist.) Die Gleichstellung der Juden und Christen ist also in unserer Republik selbst bis zum gleichen Grade der Frömmigkeit durchgeführt. Die gleichen Wirkungen sind aber nicht durch gleiche Ursachen bedingt. Wird nämlich in demselben Blatte der Verfall der Religion der übertriebenen Strenge der Priester zugeschrieben, so kann ein derartiger Vorwurf gegen die französischen Rabbiner nicht erhoben werden. Liberalismus und Toleranz haben hier auf der ganzen Linie gesiegt. Es ist also nur ein kleiner Bruchteil der Israeliten Frankreichs, dem die mit Bestimmtheit erwartete Trennung von Kirche und Staat Sorge bereitet. Und dieser ist der Ueberzeugung, daß das französische Judentum stark genug sei, die Folgen tragen zu können. 200 000 Franks gibt der Staat jährlich für den israelitischen Kultus aus. Diese von den 80 000 meist wohlhabenden jüdischen Einwohnern aufzutreiben, sollte nicht gerade allzuschwierig sein. In Deutschland würden die Synagogengemeinden einfach die Kultusfteuer erhöhen. Ob dies in Frankreich den gewünschten Erfolg hätte, scheint jedoch den maßgebenden Persönlichkeiten zweifelhaft zu sein. Man befürchtet nämlich, daß das Interesse der Mitglieder der einzelnen Gemeinden nicht in dem Maße geweckt und dauernd erhalten werden könne, daß sie jährlich bereit wären, den Ausfall des Staatszuschusses zu decken, und irgend ein Zwang kann nicht ausgeübt werden. Den kleineren Gemeinden, die naturgemäß am meisten bedroht sind, wäre in der Weise aber auch sehr wenig odergar nicht geholfen. Manche von ihnen, deren Kantor jetzt, da sie keinen Rabbiner haben, vom Staate besoldet ist, wären kaum imstande, dessen Gehalt aufzubringen. Was würde übrigens, wenn jede Gemeinde sich selbst überlassen bliebe, aus der Konsistorialverfassung werden? Was bedeutete dann noch der Titel eines Großrabbiners von Frankreich? Wäre für einen solchen — in 100 Jahren, wie man zu sagen pflegt — in Paris neben dem Großrabbiner von Parisund den fünf Rabbinern noch Platz? Denn der jetzige allgemein geliebte und verehrte Inhaber dieses Postens hätte nichts zu befürchten, dafür würde schon die Pariser Gemeinde, die zwei Drittel sämtlicher Juden Frankreichs umfaßt, gern sorgen, falls nicht, wie vielfach geglaubt wird, die Regierung die von ihr noch angestellten Geistlichen wenigstens zum Teil weiter in Amt und Würden beläßt und besoldet. Ast diese Fragen werden aber hinfällig, wenn statt der jährlichen 200 000 Franks das entsprechende Kapital zur. Stelle geschasst werden kann. -Und in ausschlaggebenden Kreisen gibt man sich der Hoffnung hin, daß dies möglich sei. Dann bliebe wohl so ziemlich alles beim alten, obwohl es nicht ausgeschlossen wäre, daß die eine oder die andere wohlhabende Gemeinde, die sich schon lange nur widerstrebend dem Konsistorium unterordnete, sich stark genug fühlte, um sich selbstständig und unabhängig zu machen. Diese bereits vielfach in Erwägung gezogene, verhältnismäßig einfache Lösung des schwierigen Problems einerseits, sowie die Gleichgiltigkeit der Mehrheit tragen wohl beide in gleicher Weise dazu bei, daß man jüdischerseits der Entwicklung der Angelegenheit mit Rühe und Gleichmut entgegensieht. Die französischen Juden wissen, -was sie der jetzigen Negierung verdanken und sind jedenfalls weit davon entfernt, wegen einer für sie rein pekuniären Frage ihre Gesinnung zu ändern. Sie erinnern sich dessen, daß es der Schlußstein der Gleichstellung der Juden war, als am 8. Februar 1831 Ludwig Philipp das Gesetz unterschrieb, nach dem die französischen Rabbiner gleich den christlichen Geistlichen ihr Gehalt aus der Staatskasse beziehen sollten, eine Anerkennung ihrer Rechte, wie man sie anderwärts noch heute nicht einmal zu erhoffen wagt! Werden sie nun auch von Verhältnissen, die sie nicht geschaffen haben, in Mitleidenschaft gezogen, so sind sie sich doch dessen bewußt, daß ihre Gleichstellung keine Einbuße erleidet, und ihre Rechte gegenüber denen ihrer nichtjüdischen Mitbürger nicht geschmälert werden. Noch weniger Grund zur Aufregung haben die Gemeinden in den französischen Kolonien, in Algerien. Wenn dort jemand ein Interesse an der Beibehaltung der staatlich angestellten, aus dem Pariser Rabbinerseminar hervorgegangenen Rabbiner hat, so sind es nicht die Gemeinden, die ihre eingeborenen Rabbiner auch jetzt besolden, sondern, abgesehen von den Rabbinern selbst, die dann noch weniger Aussicht auf Anstellung hätten als es bisher schon der Fall ist, die französische Regierung, die daselbst Franzosen zur Gallisierung der jüdischen Bevölkerung braucht. Auch jetzt haben die dortigen Rabbiner wohl mit aus dem Grunde ein bedeutend höheres Gehalt als die in Frankreich selbst. Ein klares Bild von der eventuellen späteren Gestaltung der gesamten jüdischen Verhältnisse in Frankreich wird man jedenfalls erst entwerfen können, wenn die Absichten der Regierung bekannt gegeben sein werden. V. M. HtzOsN Lur Lage und Geschichte der rulylchen Juden. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. in Buch, das Rußland aus eigener Anschauung schildert, wird immer die Aufmerksamkeit eines jüdischen gebildeten Publikums erregen, selbst wenn es die jüdischen Angelegenheiten nur streifen sollte. Um so größeres Interesse muß es aber Hervorrufen, wenn es die Sache der Juden in den Mittelpunkt stellt. Dies ist bei einem eigenartigen Werke der Fall, das soeben von Hugo Ganz erschienen ist?) Der Verfasser ist ein bekannter Journalist, der seit 15 bis 20 Jahren 0 Vor der Katastrophe, ein Blick ins Zarenreich. Skizzen und Interviews aus den russischen Hauptstädten, von Hugo Ganz. Frankfurt a. M. Literarische Anstalt Rütten & Loening. 1904.