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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-30 · Heft 40 (30.9.1904) · p. Seite 471

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
Seite 471 (sequence 3)
Language
German
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471 Aushebung der Maigesetze wagten auch sie nicht einmal in ihren kühnsten Träumen zu denken. Nicht allein forderten sie die Aufhebung der 60 Werstzone und die Gewährung des Wohnrechts aus dem flachen Lande, sie verlangten sogar auch die Erweiterung des 25 Gouvernements umfassenden Ansiedlungsrahons um die weiteren sechs Gouvernements Smolensk, Tschernigow, Pskow, Kurland, Livland und Estland. Sie motivierten diese Forderung damit, daß die Zahl der Juden in genannten Gouvernements jetzt schon sehr groß wäre. Ferner verlangten sie die Wiedereröffnung der den Juden nach Erlaß der Maigesetze gesperrten weiten Gebiete Sibirien, Zentralasien, Kaukasus. Diese letztere Forderung wurde damit begründet, daß diese Ländereien nicht weniger als zwei Drittel des Zarenreiches repräsentieren und daß absolut gar kein Grund vorliegt, weshalb diese so wenig bevölkerten Gebiete den Juden verschlossen bleiben sollten. Die Forderungen der Juden wurden als „ungeheuerlich" abgelehnt und nur die Aufhebung der 60 Werstzone akzeptiert. Auch wurden in zwei Erlassen 160 Dörfer in den Ansiedelungsrayon hineinbezogen. Aber an Stelle der Juden trat der Justizminister Graf Murawjew als neuer Faktor ein. Er forderte, daß die gegen Japan kämpfenden jüdischen Soldaten zu den privilegierten Juden gerechnet werden sollen. Dieses wichtigste Zugeständnis in den: ganzen Zarenerlasse haben die Juden also dem Grafen Murawjew, und nicht, wie Zangwill behauptet, Herrn v. Plehwe zn verdanken. Ferner danken die Juden diesem aufgeklärten Justizminister die Bestimmung des § 10, wonach die einmal von den Korporationen in den Gebieten außerhalb des Rayons als ortsansässig registrierten Juden nicht mehr behelligt werden dürfen, selbst wenn die Registrierung zu Unrecht erfolgt sein sollte. Endlich muß noch als sehr wichtiger, bei dem Zustandekommen des Erlasses tätig gewesener Faktor, der Name des — Marschalls Oyama erwähnt werden. Ohne die Siege dieses großen Japaners würde der Erlaß, über den im Schoße einer Kommission fünf Jahre lang beraten wurde, überhaupt nie das Tageslicht erblicken. * Der r nssische Minister des Innern Fürst Swiatopolk- Mirski gibt einstweilen den Juden tröstliche Versicherungen. Der Gemeinde Bialystvk telegraphierte er ans den Glückwunsch : „Ich danke der Gemeinde und ihrem Rabbiner für die mir ausgedrückten Wünsche und Gefühle. In Ausführung der Befehle des Monarchen, dem die Bedürfnisse aller treuen Untertanen gleich wichtig sind, werde ich mich bemühen, diesen Bedürfnissen in jeder Beziehung entgegenznkommen." Und auf eine Ansprache des Gemeindevorstandes zu Wilna erwiderte der Minister: „Da er mit ihren Bedürfnissen genau bekannt sei, sei er in der Lage, bei der demnächst bevorstehenden Bearbeitung der ernsten israelitischen Frage mit voller Kenntnis an dieselbe heranzutreten. Bon Seite der Israeliten erwarte er, daß sie volles Vertrauen den Negierungsmaßregeln entgegenbringen. Die Israeliten könnten völlig darüber beruhigt sein, daß er, an die Quelle der Gerechtigkeit, an die Seite des Zaren berufen, darüber wachen werde, daß ihnen immer Gerechtigkeit widerfahre." In Amerika wird eine Serie von sehr interessanten Aktenstücken betreffend die rumänischenJuden veröffentlicht. Dieselben sind dem amerikanischen Rotbuch entnommen und bestehen aus einem Briefwechsel zwischen dem Staatssekretär Mr. Hay und dem Vertreter der Vereinigten Staaten in den Balkanlündern, Mr. Jackson. In einem Schreiben vom 5. März 1903 informierte Mr. Hay seinen Gesandten über die zwischen den Vereinigten Staaten und Rumänien wegen der Judenfrage entstandenen Differenzen und bezieht sich dabei auf die bekannte amerikanische Zirkularnote an die europäischen Mächte. „Es ist der Wunsch des Präsidenten," schreibt dann Mr. Hay, „daß Sie bei Ihrem nächsten Besuch in Rumänien sich vorsichtig darüber zu informieren versuchen, ob und welche Wirkung jene Note an die Vertragsmächte gehabt, resp. ob irgend eine Macht der rumänischen Regierung wegen ihrer schlechten Behandlung der Juden, irgend eine Vorstellung gemacht hat. Der Präsident nimmt ein sehr lebhaftes Interesse an dieser Angelegenheit." In seinen: Antwortschreiben vom 23. März 1903 berichtet Mr. Jackson, daß, laut Mitteilung des amerikanischen Botschafters zu Berlin, Herr v. Nichthosen erklärt habe, „die Angelegenheit werde von deutscher Seite mit der Beachtung behandelt werden, die ihr nach ihrer großen Bedeutung gebührt." Daß ferner die englische Negierung gleich nach Empfang der Note dieselbe, ohne eine eigene Meinung über dieselbe zu äußern, den andern Mächten mitgeteilt und sich erkundigt hat, was sie in dieser Sache zu tun gedenken. „Soviel ich jedoch erfahren konnte," schreibt weiter Mr. Jackson, „hat keine von den Signatarmächten bis jetzt etwas darin getan und selbst die Tatsache der Versendung der Zirkularnote ist der rumänischen Regierung offiziell von ihnen nicht bekannt gegeben worden." Des weitern sucht Mr. Jackson das Verhalten der rumänischen Regierung den Juden gegenüber durch die bekannten, von den Antisemiten aller Länder zu allen Zeiten vorgebrachten Gründe zu erklären resp. zu entschuldigen. In seinem Bericht vom 18. April desselben Jahres kann Mr. Jackson konstatieren, daß bis dato keine Macht die Initiative ergriffen habe. Deutschland habe absolut nichts getan, und Frankreich und England haben die rumänische Regierung bloß von der Versendung der amerikanischen Zirkularnote informiert. Der Gesandte fährt dann fort, die rumänische Regierung zu entschuldigen. In seinem Schreiben vom 7. September 1903 berichtet Mr. Jackson über eine mit Premierminister Sturdza gehabte Unterredung. Es gebe in Rumänien zwei Arten Juden. Die spanischen Juden seien von einer höheren Art, während die aus Oesterreich und Rußland eingewanderten ininderwertiger seien. Herr Sturdza, der seine Abstammung der Rumänen von den alten Römern keinen Moment bezweifelt, ist der Ansicht, daß die nichtspanischen Juden überhaupt keine Inden, sondern Mongolen wären. Selbstredend denkt er nicht daran, den Juden in Rumänien Bürgerrechte zu gewähren. Der Judenhaß sei in Rumänien absolut unbekannt, wobei Sturdza, um diese unverfrorene Behauptung zu bekräftigen, die Tatsache mitteilte, daß er selbst und einige seiner Ministerkollegen in voller Uniform und geschmückt mi sämtlichen Orden in der Synagoge einer jüdischen Trauung beigewohnt haben. Selbstredend unterließ es Herr Sturdza nicht, zur Begründung der Mißhandlung der Juden in Rumänien auch den — Zionismus zu zitieren. Die Juden dächten nicht daran Rumänen zu werden, sondern träumten von der Errichtung eines eigenen Judenstaates in Palästina. Mr. Jackson schließt seinen Bericht mit der Behauptung, daß nach allgemein in Rumänien verbreiteter Ansicht die Naturalisation der Juden nur sehr langsam und nur in dem Maße, als die Juden sich in „wirkliche Rumänenverwandeln würden, vor sich gehen könne! Zum Schluß veröffentlicht die „Menoräh" noch den Bericht eines Mr. Eharlas S. Wilson, der von der Regierung der Vereinigten Staaten speziell mit den: Studium der Lage der rumänischen Juden beauftragt wurde. Der Mann hat seinen Auftrag schlecht ausgeführt, da er seine Kenntnisse fast ausschließlich aus gegnerischen und trüben Quellen geschöpft hat. e»ir

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