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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-30 · Heft 40 (30.9.1904) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
Seite 470 (sequence 2)
Language
German
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WWW NDWWWWMWWW —. 470 — abgeschwächt ist. Aus den Katechismen, welche die religiöse' Wahrheit logisch richtig einteilen, wissenschaftlich gliedern und in regelrechte Form bringen, läßt sich wohl die Anleitung" schöpfen zum Systematisieren und Definieren, aber ebenso wenig warme Lebensfähigkeit im Glauben, herzinnige Durchdrungenheit, festgewurzelte Ueberzeugung und begeisterte Liebe gewinnen, wie aus einem anatonüsierten Kadaver ‘ herzenssrischer, lebendiger Blutstrom und kräftiger Pulsschlag. Wir müssen unsere Jugend znrückführen zu den spru-' delnden Quellen selbst, dorthin, wo sie entspringen, in den ragenden ewigen Bergen des prophetischen Heldentums, und sie leiten die User entlang der großartigen Strömung einer Geschichte, einer religiösen Entwicklung durch die Jahrtausende,! eines beispiellosen Martyriums, wie seinesgleichen die .sittliche' Welt nicht aufzuweisen hat. Tote Formen allein, Nachahmen dessen/ was man in Gedanken üben sieht, genügt zur Erzielung religiöser Innerlichkeit durchaus nicht mehr. Im Herzen muß es warm werden, im Geiste muß es flammen und lebendig muß es sich darstellen in der Tat das religiöse Bewußtsein, wenn es sittliche Kraft, innere Veredelung, Herzensreinheit und Geisteslabung auch dem neuen Geschlechte gewähren soll. Wir müssen zu unserer Jugend frechen mit solchen Flammenworten wie die Gott durchdrungenen Propheten; wieder müssen in ihr den kräftigsten Nachhall finden die Lieder und Gesänge unserer heiligen Psalmisten, wieder muß sie lebendig mahnen und wahren die Weisheit des Geistes der alten Rabbinen und ihrer erhabenen Sittenlehre. Dies anzustreben, so anhaltend unb ernsthaft wie es unsere Väter getan, soll uns das Fest der Thora begeistern. Dann erst wird es auch von dem neuen Geschlechte der Zukunft' heißen können: „Wenn all deine Kinder belehrt sein werden über Gott, dann wird groß sein der Friede deiner Kinder und dann sind sie deine Kinder nicht nur, sondern auch die Bauleute, die da fortsetzen das große Werk, der sittlich-religiösen! Weltvrdnung," welche zur ersten Säule die Thora hat. " Dir Woche. Berlin, 27. September.' er im Frühjahr dieses Jahres begründete Verbands der deutsche n I u d e n hat, wie wir bereits vor kurzem gemeldet, dem Kultusminister eine Petition in Angelegenheit des bevorstehenden Schulgesetz-Entwurfes überreicht. Unter! voller Wahrung des grundsätzlichen Standpunktes der paritä-' tischen Schulen wird darin der Herr Minister ausgesordert, ber Ausgestaltung der konfessionellen Schulen die Gleichberechtigung des israelitischen Religionsbekenntnisses zu wahren und dies in eingehender Weise ausgeführt. Ebenso hat der Verband bei denn Handelsminister und einer Reihe hervorragender Parlatarier Schritte getan, um bei der beabsichtigten gesetzlichen Regelung der kommunalen Schlachthäuser jeden Eingriff in die verfassungsmäßige Gewissensfreiheit der orthodoxen Israeliten durch Verbieten des Schächtens künftighin zu verhindern. * Wir freuen uns, daß der Verband über seine Tätigkeit nunmehr etwas verlauten läßt. Es ist dringend notwendig, nur den Zweiflern und Nörglern gegenüber den Zweck und die Bedeutung des Verbandes klar vor Augen zu führen. Man darf nun aus den Erfolg dieser Petitionen gespannt sein. * Mit der Stellung der Inden g e g enü b er Z en 1 r u in, K o n se rvativen und Polen beschäftigten sich in dieser Woche anläßlich der Landtagsersatzwahl in Pleß-Rybnik und in Hinblick auf den Artikel von Arnold Wiener in Nummer 37 dieses Blattes fast alle Blätter der obengenannten Parteien in eingehender Weise. Und zwar das Zentrum beifällig zustimmend, die Konservativen und Liberalen, beide natürlich von verschiedenen Gesichtspunkten aus, ablehnend, und die Polen — drohend. Deren Hauptorgan, der „Gornoslazak" stellt an die oberschlesischen Juden ein eigenartiges Verlangen. Die .Juden müßten den polnischen Kandidaten unterstützen oder sich der Wahl völlig enthalten. Dieses Verhalten müßte ihnen der politische Verstanddiktieren. Der „Gornoslazak" warne auf alle Fälle die Juden davor, die polenfeindliche Politik zu unterstützen. Ob sie ihre Stimmen auf den konservativen oder auf den Zentrumskandidaten vereinigen würden, in beiden Fällen würden sie gegen die Interessen des polnischen Volkes handeln, von dem sie lebten. Das Blatt würde schon die Namen der Juden erfahren, und sie würden auch wissen, für wen die Juden gestimmt hätten. Der „Gornoslazak" müsse schon heute betonen, daß die Polen zum rücksichtslosesten Kampfe gegen das Judentum gezwungen würden, falls die Juden im Wahlkreise Pleß-Rybnik den Ratschlägen Wieners folgen wollen. Nicht als Juden, sondern als Feinde des Polentums würden dann die Juden bekämpft werden. Hier wird also für die Ausübung des Wahlrechts vom „Gornoslazak" den oberschlesischen Inden der Boykott angedroht. Daß solche Mittel verwerflich sind und nur als politischer Terrorismus bezeichnet werden können, ficht Korfanty und seine Genossen nicht an. Man sieht, die Juden sind dort, wie in allen gemischtsprachigen Landesteilen in einer sehr schwierigen Lage, aus der sie nur durch entschiedene und charakterfeste Haltung im Sinne des Fortschritts sich befreien können. $ Der bekannte Erlaß, in welchem der russische Kaiser seinen jüdischen Untertanen in elf Paragraphen nebst zwei Anmerkungen so wenig gegeben, hat dennoch eine sehr lange Vorgeschichte, die bis zum Jahre 1900 zurückdatiert. Man schreibt uns darüber aus Petersburg: Den ersten Anstoß zu einer „Reform" der Maigesetze gab der damals noch allmächtige Finanzminister Witte, der trotz seiner jüdischen Frau für die Inden zwar nicht das mindeste übrig hatte, aber im Interesse der mit chronischen Defizit und periodisch wiederkehrenden Anleihen arbeitenden russischen Finanzen einige Vorrechte für die reichen Inden haben wollte. Ihm schloß sich der Minister des Innern Durnowo an, der seinerseits Erleichterung für die jüdischen Handwerker forderte. Die Zahl dieser ehrlichen, zum langsamen Verhungern verurteilten Arbeiter hat seit Erlaß der Maigesetze in erschreckender Weise zugenommen. Die in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmten, durch diese Gesetze in ihrem Erwerb stark eingeschränkten Juden wußten in ihrer Not nichts besseres zu beginnen, als immer wieder und wieder zum Handwerk zu greifen, das infolge der erdrückenden Konkurrenz seinem Manne nicht einmal das trockene tägliche Brot mehr geben konnte. Die so in die Enge getriebenen jüdischen Proletarier griffen zum Wanderstab oder verschrieben sich in ihrer Verzweiflung dem von der russischen Regierung so gefürchteten „Bund". Dem Minister des Innern lag daher sehr daran, die Lage des jüdischen Proletariats zu erleichtern, um so dein Bund das Arbeitsfeld einzuschränken. Zu diesen beiden Faktoren trat sehr bald ein dritter hinzu. Auch die Führer des russischen Judentums, die von den Plänen der Regierung erfahren haben, meldeten sich mit ihren Wünschen. Sie baten den Minister des Innern, eine jüdische Deputation zu empfangen, welche die Behörden auf die allgemeine Lage der Juden ansmerksam machen sollte. Allein davon wollte der Minister nichts wissen. Den Juden wurde daher nahe gelegt, als Privatpersonen und in einzelnen Zuschriften ihre Vorschläge zu machen. Das geschah auch, aber die Vorschläge der Juden überstiegen doch alles Maß und alle Grenzen! Zwar an eine völlige

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