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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-30 · Heft 40 (30.9.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 30. September 1904. 68. Jahrgang. No. 40. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Spedition in Berlin unter Streisband bezogen vierteljährl. 3 Dl. Redakteur: Gustav Tkarprls». Begründet von Rabbiner D*« Ludwig PhiliPpson. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., gerusalemer Straße 4:6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Lum Frlte der Thors. Berlin, 28. September. Schüchternheit gehört gewiß nicht zur Signatur des Geschlechtes unserer Zeit. Unsere Feinde werfen uns ja eher das Gegenteil vor, wenn auch mit Unrecht. Aber es ist doch nicht zu leugnen, daß — nicht nur in jüdischen Kreisen — Ereignisse und Zustände im Familienleben, in der bürgerlichen Gesellschaft, wie im Verhältnis der Völker zueinander, denen wir täglich begegnen, es unzweideutig und unwiderleglich gewiß machen, daß die Dreistigkeit den Grad weit überschritten, auf dem sie einen gewissen Adel hat, weil sie dem Mut verwandt ist und aus dem lebendigen Selbstbewußtsein fließt. Was man heute Freimut zu nennen wagt, ist sicherlich näher betrachtet nichts geringeres als das Außerachtlassen gebotener Rücksicht selbst dem Ehrwürdigen und Heiligen gegenüber. Selten war das Reden über Personen und Sachen schneidender, die Kühnheit größer, das Durchbrechen aller Schranken allgemeiner; auch in jüdischen Kreisen hat die Achtung und Scheu vor dem religiösen Leben aufgehört, weil es machtlos ist. Und doch herrscht auf einem Gebiete merkwürdigerweise eine große Schüchternheit, eine ängstliche Scheu, eine feige Zurückhaltung, welche dem Bilde von dem trotzigen Dünkel die tiefsten Schatten bietet, nämlich auf dem des religiösen Bekenntnisses. Wie sorgfältig sucht doch heute mancher Jude aus der Religion, zu der er sich bekennt, vor Nichtjuden ein Geheimnis zu machen, und wie deutlich malt sich die Verlegenheit auf seinem Gesichte, wenn es doch verraten wird! Wenn Zweifelsucht und Geringschätzung gegen geheiligtes Herkommen sich geltend machen, wo ist der kühne Freimut, der entschlossen in die Schranken tritt? Schüchternheit gehört überhaupt nicht in die Kategorie der Tugenden; sie ist aber entschieden verwerflich, wenn sie beim Bekenntnis der religiösen Ueberzeugung herrschend wird. Denn kein religiöses Bekenntnis ist weniger dafür geschaffen, als das jüdische. Spartas Gesetzgeber ließ sich von einer runzligen Sybille ein Zeugnis erteilen, das ihn zum Halbgott erklärte, und der römische ging in den dunklen Hain, um sich von der Nymphe Egeria begeistern zu: lassen — Israel empfing die Prinzipien seiner Religion, hell und laut. Denn so sprach der Prophet im Namen den Herrn: „Nicht im Verborgenen habe ich geredet, an einem Orte finsteren Landes; ich habe nicht gesprochen zum Samen Jakobs: In der Oede sucht mich, denn ich, der Ewige, spreche Gerechtigkeit, verkünde Wahrheit." Eine Religion, welche das Ziel aller rnessianischen Verheißung in dem Zustande findet, „wo voll sein wird die Erde der Erkenntnis, wie Wasser die Meerestiese bedecken", eine Religion, deren erster und vorzüglichster Verkünder die wundervolle Aeußerung getan: „O, daß doch das ganze Volk des Ewigen Propheten wären und Gott seinen Geist auf sie legte" — eine solche Religion braucht keine Geheimnistuerei; sie bedarf keines Schutzmantels der Heimlichkeit; die kann ihren Bekenner nicht schüchtern und feige machen, die . muß ihm vielmehr Freiheit und Entschiedenheit geben, mit gehobener Brust und stammender Begeisterung selbst im Augenblick der drohendsten Gefahr auf die Frage: Von welchem Volke bist du? zu antworten,'wie wir es am Versöhnungstage gehört haben: „Ein Jude bin ich und den Ewigen, den, Gott des Himmels, fürchte ich, der die Erde und das Meer geschaffen hat." Woher aber dennoch diese feige Schüchternheit im Bekenntnis des Glaubens? Haben wir sie von unseren Vätern gelernt? Gewiß nicht! Sie suchten ja so wenig Hüllen und Masken, , um ihre Religion zu verbergen, daß sie im Gegenteil schon nach außen sich als Juden kennzeichneten, selbst im Angesicht des Hohns, der Schmach und der Unbill, derer sie gewärtig sein mußten. Wie jvären sie fähig gewesen solches beispielslosen Martyriums, das nicht erst im Moment des Todes sich darstellte, sondern das ganze Leben hindurch andauerte! Hat die Masse vernunftwidriger Satzungen, die nicht zu leugnende geschmacklose Darstellung der religiösen Gedanken, der Rost, den trübe Einflüsse selbst den edlen Formen gläubiger Uebungen durch Jahrhunderte aufgetragen haben, hat die Unwürde undOrdnungs- , losigkeit des Gottesdienstes, wie sie hier und da gewiß noch vorhanden und tief zu beklagen ist, daran schuld, daß die Freudigkeit im Bekenntnis, in der Gegenwart so sehr getrübt und herabgesetzt ist? Zum Teil wohl, aber ganz nicht. Denn auch da, wo allen Anforderungen des besseren Geschmacks, der veredelten Gesittung und dem Fortschritt der Zeit Rechnung getragen wurde, wo man die Zeugenschaft von Nichtjuden beim Gottesdienste durchaus nicht mehr zu scheuen hat, selbst da, ja gerade da, ist die beklagenswerte Schüchternheit im Bekenntnis des Glaubens nicht geschwunden, wird die warme Innerlichkeit mehr als je vermißt. Nein! Die Unkenntnis des Judentums, die Unkenntnis seines Geistes, seines Wesens und seiner Geschichte, die uns so viel Verkennung'von außen zuzieht, trägt allein die Schuld an der -täglich zunehmenden religiösen' Lauheit! Unser Geschlecht ist dem ewig lebendigen Quell der' religiösen Erkenntnis zu fern. .Wenn ihm ein Tropfen der Labung und Kräftigung aus jenem unversiegbaren Born gereicht wird, so ist er so vielfach aus Gefäß in Gefäß gegossen, daß er das Aroma eingebüßt, und so sehr mit Beisatz vermischt, daß die lebenweckende Kraft fast schon

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