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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-23 · Heft 39 (23.9.1904) · p. Seite 467

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 39 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
Seite 467 (sequence 11)
Language
German
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Treitschke noch. einen Rest Vorurteile bis heute bei uns hinterlassen. Wollte urir doch, der kluge Königsberger Arzt und Universitäts-Professor gestern aus dem Korso einreden, der liberale, gebildete Ostpreuße halte den russischen, beziehungsweise polnischen Juden sür „eine ganz andereRasse" als uns deutsche Juden. Nein und nochmals nein, 'wir sollten, statt unser höchstes Gut, die Vermittelung idealer Güter (ebenso wie materieller) zwischen den Völkern, leichtsertig gegen unnütze, störende, verhetzende Vorurteile aufzugeben, uns ein Beispiel an dem Kaiser Wilhelm II. nehmen, der, bei Aalesund, wie bei dem Brande des jüdisch-russischen Grenznests, jede Gelegenheit benutzt, um der Welt zuzurufen: Zuerst bin ich — Mensch! Darum sollen auch wir Juden, die geborenen Vermittler im Völkerleben, nicht in unserer Mission des Friedens, wenn sie auch schwer ist, erlahmen. Es gilt, die traurigen Ueberreste einer früheren Aera der Verhetzung -an unserer Grenze, die durch Ausweisungen rc. entstanden sind, zu beseitigen. Dann wird auch der Chauvinismus wieder verschwinden, vor dem trotz aller Klagen über die Lage der jüdischen Gesamtheit auch unsere Brüder in Rußland jetzt noch nicht ganz frei sind. Man muß oft gerade bei ihrer trostlosen Lage den patriotischen Kern in ihnen bewundern, den Patriotismus gegenüber einem Lande, das ihnen noch so viele Beschränkungen auferlegt. Als ich vor Jahren hier am Ostseestrande den Oberrabbiner Dr. Drabkin aus St. Petersburg sprach, erzählte er nur, wie furchtbar ihm und Baron Günzburg als den Deputierten der russischen Juden der Minister Jgnatiew bei einer Audienz wegen der berüchtigten Maigesetze gegenübergetreten sei. „Sehen Sie,'das schreiben Ihre Juden!" Damit habe der Minister die russischen Juden sür einen im Anslande in einem politischen Blatte erschienenen Artikel verantwortlich gemacht. Und heute! Wo ist Jgnatiew, wo ist Plehwe? Aber der Sohn des Dr. Drabkin (der übrigens das Breslauer Räbbinerseminar besucht hat), der damals als Knabe mit seinem Spazierstöckchen den Takt für die Kranzer Badekapelle auf dem Korso schlug oder Steinchen mit nur in die Ostsee warf, er ist freiwillig in den Krieg nach Japan gezogen und schwimmt jetzt mit dem Dampfer „Mongolia", auf dem er als Provisor die Hospitalapotheke verwaltet, wenn er noch nicht von den Japanern abgefangen ist. Und welche Freude herrschte hier gestern, als wir gerade am Strande saßen, bei den Russen, als die Nachricht von dem Manifest anläßlich der Taufe des Zarewitsch anlangte. Man hofft dadurch auf eine Sicherung des unterwühlten Bodens. Gott gebe es, daß es irgendwie einmal besser werde. Schlimmer kann es kaum werden! Draußen gab es, während wir so sprachen, bewegte See. Wie Bleistifte wurden die Kähne am Strande her- und hingeschleudert, das Bollwerk schien in allen Fugen zu krachen, der Himmel hing trübe voller Wolken. Und heute liegt die See wieder spiegelklar und heiter strahlt des Himmels Bläue auf uns zur Erholung träumende Menschenkinder hinab. Ein „Rabbinerbad" wie Kolberg oder Salzbrunn, wohin unsere geplagten Kultusbeamten zur Stärkung ihrer Halsorgane ja zumeist gehen, wird Kranz wohl nie werden. Außerdem Pinsker „Godel", der hierher zur Nachkur aus einem böhmischen Bade kam, sah ich nur noch den jüdischen Religionslehrer aus Mariampol, der als vom russischen Staate besoldeter Ghmnasialhilfslehrer auch die dort allerwärts übliche Uniform, einen blauen Rock mit. blanken Knöpfen, trug. Kultur und Religion ist ja in der Tat — das sieht selbst die russische Regierung ein — noch das einzige, was diesem durch Mißwirtschaft und inneren Hader unterwühlten Lande helfen kann. Wer aber jemals hier diese, weit über das preußische Militärmaß hervorragender: hohen Gestalten mit' den intelligenter: Zügen unter den russischen Juden gesehen hat, der begreift nicht, warum die russische Regierung in ihrer:: mit Intelligenz nicht gerade überhäuften weiten Lande nicht die Freizügigkeit gerade denen gestattet, die das in der Kultur zurückgebliebene Reich bald etwas in die Höhe bringen würden. Nach den Niederlagen in der Krim kam sür das Volk die Aufhebung der Leibeigenschaft. Was wird die nächste Zukunft bringen? Noch beschäftigt sich der russische Tschin damit, den Wischen Soldaten im Felde zu verbieten, „jüdische", d. h. im Jargon geschriebene Briefe zu erhalten. Hier in Kranz hat man in diesen Wochen viel „Jiddisch" sprechen hören, aber ich konnte nichts Staatsgefährliches darin entdecken. Und wenn die russische Militärverwaltung jemals einen solchen jüdischen Brief einer um das Wohl ihres dem Tode täglich entgegengehenden Sohnes besorgten jüdischen Mutter gelesen hätte, das Herz würde ihr in der Brust erstarren über die Rohheit, welche ihr letzter Geheirnerlaß gerade enthält. Und nicht nur gegenüber den Juden, deren Intelligenz und starkes Gerechtigkeitsgefühl das böse Gewissen der Beamten besonders fürchtet. Da hört man allerdings auch hier am weiten Meere in diesem Herbst manche Elternklage, und wenn, wir zusarnmentreten, um des Schofars Klängen zu lauschen, wird dieses Mal gar manches jüdische Mutterherz hier um so schmerzhafter aufstöhnen, als man ihr zwar den Sohn täglich in Gefahr schickt, ihr aber selbst verbieten will, ihn zu grüßen, ihn zu Tugend und Gottesfurcht zu mahnen. Denn etwas anderes steht nicht in solchen „jüdischen Briefen". M. F. Literarische Mittrilungem — Deutsch-hebräisches Wörterbuch von Dr. M. Margel, Bezirksrabbiner in Pozega (Slavonien). Pozega, 1904/5. Die hebräische Sprache hat gerade in jüngster Zeit einen ungeahnten Aufschwung genommen. Dennoch gibt es sehr viele literarische Erscheinungen auf dem Gebiete der neuhebräischen Literatur, deren Lektüre so manchem Universitätsprofessor für semitische Sprachen Kopfzerbrechen verursacht. Die uns vorliegenden Wörterbücher, so sorgfältig sie sonst auch gearbeitet sind, versagen ihren Dienst, wenn es gilt, eine eigenartige hebräische Redewendung und -Formel dem allgemeinen Verständnisse zuzusühren. Außerdem finden in den bisherigen hebräischen und neuhebräischen Wörterbüchern nur die Bücher der heiligen Schrift und die sogenannte rabbinische Literatur (Talmud und Midrasch) Berücksichtigung. Dagegen hat noch kein hebräischer Lexikograph (einen Versuch machte nur Schulbaum) sein Augenmerk auf das ungeheuer große Gebiet der neuhebräischen Literatur, welches von der Neasplüm- Zeit bis zum heutigen Tag die hervorragendsten jüdischen Geister in Galizien und Rußland zu ihren Schöpfern und Bildnern zählt, gerichtet. Diesem Mangel zu steuern und diesem Nebel abzuhelfen hat sich der gelehrteste Rabbiner Slavoniens, Dr. M. Margel, mit dankenswertem Fleiß der schwierigen Aufgabe unterzogen, ein deutsch-hebräisches Wörterbuch zu schaffen, das ein „Führer der Irrenden" sein soll. Aus den sieben Heften, welche bis heute erschienen sind, zu schließen, wird vorliegendes Wörterbuch in Wirklichkeit eine große Lücke in der neuhebräischen Hilfsliteratur ausfüllen, da hier alles, was die hebräische und neuhebräische Literatur von ihrem Entstehen bis zu ihrer heutigen hohen Entwicklung besitzt, berücksichtigt wird. Der Philologe und Etymologe kommen hier ebenso gut auf ihre Kosten, wie der Talmud-, Midraschforscher und der neuhebräische Stilist und Schriftsteller. Zum Schluffe sei noch erwähnt, daß zum vorliegenden deutsch-hebräischen Wörterbuch ein Anhang über die Geschichte und Entwicklung der neuhebräischen Sprache und Literatur erscheint, in welchem der neuhebräischen Belletristik ein großer Platz eingeräumt wird und die in bezug ans

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