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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-23 · Heft 39 (23.9.1904) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 39 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
Seite 466 (sequence 10)
Language
German
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Lin tzerbltbnek vom LMrktrsnV^ Kranz an der Ostsee, im September, in junger Glaubensgenosse, seines Zeichens studierter Chemiker, den einige elektrotechnische Erfindungen nervös gemacht haben, fragte mich vor einigen Wochen, in welches Seebad er gehen solle. „Gehen Sie nach Kranz an der Ostsee/ mit seinen: herrlichen Wellenschlag und den idyllischen Spaziergängen!" antwortete ich ihm. „Dort sind mir zu viel Polnische Juden!" Wenige Tage darauf saß dieser übrigens unter unseren Glaubensgenossen nicht so vereinzelte nervöse Geist, der sich sonst durchaus nicht von unserer Glaubensgemeinschaft ablöst — in Tirol zur Erholung von seinem „Sommer-Rischeß" und — Ihr Korrespondent schlendert hier an wundervollen Herbsttagen am Strande in dein „polnischen Judenbade" Kranz noch immer herum und fühlt sich sogar sehr wohl dabei. Wahr ist es: hierher nach Kranz kommen, da die russische Bureaukratie den Juden die Bäder an der baltischen Küste verschließt, schon^ seit 50 Jahren gerade polnische Juden — vereinzelt selbst mit Kaftan und Löckchen noch — in großer Zahl. Das ist einmal ein anderes Bademilieu als das gewohnte und um so interessanter, als ich seit 1867, wo ich zum ersten Male Kranz besuchte, die Wandlungen verfolgen kann, welche die Zeit auch hier an den letzten „polnischen" Parias Europas allmählich vornimmt. Der Oberlandesgerichtsrat Passarge, der feinsinnige Uebersetzer Ibsens, erzählt in einem Buche, daß er Kranz gekannt habe, als eine einzelne Badebude aus Stroh am Strande stand, und er gibt als freidenkender Christ eine lange Unterhaltung wieder, die er am Meere mit einem armen polnischen Juden hatte, der weit hinten in Volhynien zu Hause war und hier Genesung suchte. Unsere modernen Glaubensgenossen aus dem Osten rc., die sich im Besitze der deutschen Kultur schon solchem armen polnischen Juden gegenüber als eine Art Aristokratie fühlen, vergessen mitunter, daß auch sie, d. h. ihre Eltern und Großeltern, gar oft nichts anderes waren als diese Juden, denen man hier aus der Kurpromenade und auf dem Korso allerseits so ängstlich ans dem Wege geht. Offen gesagt, diese ernst denkenden, oft sehr hohen und keineswegs gebückt einherschreitenden Gestalten machen sich nicht viel aus diesem Gegensatz, dieser Abneigung, ja mitunter zahlen sie uns mit gleicher Münze heim und murmeln mitunter, aber nur dann, wenn ihnen ein moderner Geck zu nahe tritt, ihr „Jecke teitsch" d. h. „Deutscher Narr!" Die Kurverwaltung bleibt neutral; sie hält. im Lesesaal auch russische Zeitungen; kommen doch in jeder Saison mehrere Tausend Badegäste hierher allein aus Russisch-Polen! Und es sind reiche und angesehene Leute darunter. Welch ein Stück Geld hat seit Jahren schon der Unternehmer der gesamten Dampfschiffahrt auf dem Memel-Niemen, dessen schöne Töchter von den Königsbergs Referendaren angeschwärmt wurden, alljährlich hier mit Kind und Kindeskindern „zu gesund" verzehrt. Vier jüdische selbstbewußte und gebildete Männer, Stadtverordnete aus Kowno, lernte ich allein in einer Sommerwoche in Kranz mit ihren Familien kennen. Wie schnell geht in der sozialen Entwicklung auch hier die Zeit vorwärts! Vor 20 Jahren noch hörte man unter diesen älteren Russen fast nur den „Jargon", jene Allerweltsmisch-, Sprache, und heute haben ihre Söhne fast durchweg das russische Gymnasium absolviert. Die Töchter wurden damals lange Zeit meist in Dresden oderauf anderen,, deutschen Pensionaten erzogen. Der Grund hiervon, den der eine Kownoer Stadtverodnete erzählt, ist zwar nicht appetitlich, aber er sei um seiner kulturgeschichtlichen Charakteristik hier wahrheitsgetreu wiedergegeben. Die höhere Töchterschule Kownos besuchen, entsprechend dem hohen Prozentsätze bemittelter jüdischer Einwohner, zur ' Halste jüdische Mädchen. Eines Tages war eine Unsauberkeit in der obersten Klasse vorgekommen und die Lehrerin äußerte schlankweg: „Das kann nur eine Jüdin getan haben!" — woraus sie behufs Vornahme einer Untersuchung sämtliche Jüdinnen auf die andere Seite der Klasse treten ließ. Diese von der Gestrengen provozierte konfessionelle „reinliche Scheidung" hatte aber für sie ungeahnte Folgen. Särntliche bemittelten jüdischen Familien meldeten ihre Töchter sofort aus der „vornehmen" Erziehungsanstalt ab und schickten, soweit sie es erschwingen konnten, ihre Kinder in Erzieh ungsinstitute nach Deutschland. Durch dieses Bildungsuchen in Deutschland wird, da uns jetzt nicht mehr so gemeinhin der „Jargon" von unseren Glaubensgenossen jenseits der schwarz-weißen Grenzpfähle trennt, allmählich eine innere Annäherung wieder zustande kommen, denn an ernsten:Bildungsbestreben geben unsere Juden „drüben" uns wahrlich nichts nach? Drollig soziale Verhältnisse lernt n:an allerdings in Kranz kennen. Auf der Userpromenade an: Strande saß ich mit einem jungen Techniker aus Riga, dessen mir vom gemeinsamen Baden her bekannter Bruder in den ersten Semestern stud. jur. in Moskau war. Eines Tages sehe ich am Arme des jungen Juristen eine Dame und bei dem vorgeschrittenen Grade unserer Bekanntschaft war die Frage an den Techniker wohl berechtigt, wer diese Dame sei. „Nun, das ist ja die Frau meines Bruders, des Studenten!" Und in der Tat, wenige Minuten später stellte nur der 8tuä. jur. seine Frau, die er im dritten Semester geheiratet hatte und die gleichfalls in Moskau studierte, vor. Von den: kräftigen Händedruck der Dame, die übrigens geradezu eine Schönheit war, tut mir jetzt noch der eine Knöchel weh. Es war eine richtige Liebesheirat gewesen. Man hatte sich auf der Universität kennen gelernt und da die Eltern des Studenten in die Heirat mit der mittellosen Studentin, welche aus derselben litauischen Stadt stammte, nicht willigen wollten, so war eines Tages ein Telegramm gekommen: „Fait accompli.“ Ein willfähriger russischer Rabbiner hatte seinen Segen gegeben und die Ehe war nach russischem Gesetz rechtsgültig» Soweit könnte sich diese romantische Geschichte ja auch hierzulande ereignet haben, aber was nur „drüben" bei den: starken patriarchalischen Inhalt des jüdischen Familienlebens passieren kann/ ist, daß der Vater des Studenten über ein halbes Jahrzehnt die „studierende Familie" unterhielt und daß sie auch hier in Kranz, etwa 15 Köpfe zusammen an Zahl, in Frieden unter einem Dache wohnten. Die frühen Heiraten, welche bei Nichtstudierten „drüben" ja noch an der Tagesordnung sind (oft lebt der Schwiegersohn jahrelang, bis er selbständig wird, im Hause des Schwiegervaters), scheinen ihrer Kraft und Frische nichts geschadet zu haben. Es sind zumeist edle Gestalten, die unseren Durchschnitt um Haupteslänge überragen — und daß sie kräftig sind, kann ich beim Baden wohl beobachten. Da sieht man keine Spur von physischer Degeneration! Ja, das Baden in den klaren stärkenden Meeresfluten! Wenn so die hohen Wellen einem plötzlich über den Kopf sausen, da sind vor der Gleichheit der Natur alle sozialen und künstlich vom Chauvinismus der Völker gezüchteten Vorurteile fast so schnell in ein Nichts verschwunden, wie der sprudelnde Gischt und der gelbe Schaum, der hier eben noch hoch oben die flüchtige Welle krönte, ins Bodenlose gar rasch zerfloß. Wie man von Verleumdungen sagt „semper aliquid haeret“ („es bleibt immer etwas hängen"), so hat auch die Aera Stöcker-

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