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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-23 · Heft 39 (23.9.1904) · p. Seite 465

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 39 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
Seite 465 (sequence 9)
Language
German
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aus meinen Erden quälen: ich werde sterben,'und der Tod, .so hoffe ich, wird mich aussöhnen mit meinem Schöpfer. Was wird aber geschehen mit dem unglücklichen Pfände unserer sonst-so glücklichen Liebe, das ich zurücklassen werde? —Reiche mir denn Deine Hand, mein Gemahl, und schwöre nur, nicht bei dem Glauben, den Du im Munde führst, nein, bei dem Glauben unserer Väter, der gewiß noch nicht verwischt ist aus Deinem Herzen, schwöre mir, daß Du das Kind, daß ich unter meinem Herzen trage, nicht dem Judentums abwendig machen werdest! Schwöre mir, mein Gemahl, und ich werde beruhigt und Dir vergebend von hinnen scheiden!" Konnte ich diesen Schwur verweigern? Ich schwur ihn. In der Nacht vom fünften auf den sechsten März gebar Schewa einen Sohn. Es war Deine Geburt, Joseph! Zwei Tage nachher war Deine arme Mutter eine Leiche. Was ich um jene Zeit empfand? Laß mich einen Schleier ziehen über Empfindungen, die ich um den Preis eines ganzen Lebens -nicht noch einmal durchempfinden möchte! Um meinem Schwur treu bleiben zu können, mußte ich Deine Geburt verheimlichen, was mir durch den Umstand erleichtert war, daß ein Verwandter von mir nebst seiner Frau gleichfalls aus Furcht vor der nahenden Gefahr bei mir im Hause lebten. Die Frau war eben die Amme ihres Kindes und nährte auch Dich. Einige Tage später brach die Emeute gegen die Juden in Marburg aus. . Zum Unglücke ging Deine Amme, die Frau meines Verwandten, während des furchtbaren Getümmels über die Straße; wahrscheinlich war es nicht hinlänglich bekannt, daß sie zu den Renegaten gehöre, es wurde ein Stein nach ihr geworfen, daß sie sogleich tot niedersank. Meine Sorge für Deine Ernährung war nun eine wahrhaft peinigende. Einige Tage half ich mir noch, so gut es ging; da ich aber erkannte, daß auf eine längere Zeit mir Deine Heimlichhaltung zur Unmöglichkeit werden müßte, sann ich auf Mittel, und so kam ich auf die Idee, Dich bei dem braven Märtens und seiner Frau unterzubringen. Er hatte vor kurzem bei mir die Pachtung meines Meierhofes nachgesucht, ich beschloß, ihm diesen zu überlassen, um, wenn ich ihm auch Dich zur Pflege übergebe, wenigstens stets in der Nähe meines Kindes sein zu können. Ich verbarg Dich bei ihm und erklärte absichtlich in einem beigelegten Briefe, Du habest in der Taufe den Namen Joseph erhalten, um zu verhindern, daß Du nicht wirklich zur Taufe gebracht würdest. Ich hatte den Plan, Dich nach erlangter Volljährigkeit zu einer Reise mit mir ins Ausland zu bereden und Dir alsdann mündlich das mitzuteilen, was ich hier schriftlich erzählte. Die Zuneigung aber, die ich zwischen Dir und Leopoldinen, Deiner Schwester, wahrnahm, gebot mir die Maßregel Deiner schleunigen Entfernung. Meine Erzählung ist zu Ende, und ich enthalte mich, irgend etwas hinzuzufügen, um dadurch etwa meine Handlungs- * weise in ein schöneres Licht zu setzen. Beigefügt ist Dein rechtmäßiges mütterliches Erbe, welches besteht in vierhundert Goldgulden und den Schmucksachen Deiner Mutter. Durfte ich Dich auch, mein Sohn, nicht öffentlich an- , erkennen, so hat Dich doch mein Herz niemals verleugnet: Du bist mir so teuer wie jedes meiner anderen Kinder; und das, was Dir als Anteil an meiner zeitlichen Habe gebührt, werde ich Dir seinerzeit ehrlich zukommen lassen. Schreibe mir bisweilen, geliebter Sohn, damit ich zeitweilig von Deinem Aufenthaltsort und von Deinem Befinden in Kenntnis , gesetzt werde, und bist Du in Not, so denke, daß.zu ^eder möglichen Abhilfe gern bereit sein wird; Dein treuer Vater Tanger." Mehrmals überlas Joseph diese Blätter und stets ging Hm das Herz über von Empfindungen, die keine Feder zu beschreiben vermöchte. Und als er endlich darauf kam, die gelesenen Enthüllungen in Verbindung zu bringen mit feinen Gedanken und Empfindungen für Klara, da jauchzte seine Seele auf, und in seinem seligen Entzücken wäre er so gern hinausgeeilt, um alles im Hause aus dem Schlummer zu wecken und seine Hoffnungen und sein Glück allen mitzuteilen. Er zähmte jedoch sein ungestümes Verlangen und brachte den Rest der Nacht zu. mit heißen Dankgebeten gegen Gott. Auch der unglücklichen Mutter weinte er aufrichtige Tränen nach. Als es endlich Morgen ward,' Joseph eintrat in das Zimmer, wo man sich zum Morgenimbiß versammelte und Klara, sein verstörtes Aussehen und seine Blässe bemerkend, «mit zärtlicher Besorgnis fragte, ob er schlecht geschlafen habe, da konnte er nicht mehr an sich halten, er fiel ihr um den Hals. „Klara!" rief er, „Dil bist mein, Gott hat uns zusammengeführt!" Alle Anwesenden im Zimmer erschraken und glaubten, in diesem ungewöhnlichen Ausfall eine Anwandlung von Wahnsinn zu erblicken. „Leset hier," rief Joseph, indem er die ent-! hüllende Schrift hinhielt, „leset, und überzeugt Euch, daß, wenn ich allenfalls wie ein Irrsinniger spreche, dies nur dem Uebermaß meiner Freude zuzuschreiben sei." Herr Marburger nahm die dargereichten Blätter und las mit sichtlich zunehmendem Interesse. Plötzlich sprang er auf und schrie: „Joseph! Schemas Sohn! Unser Neffe!" Diese Ausrufe verfehlten ihre überraschende Wirkung nicht: Klara und ihre Mutter eilten näher und verlangten Aufklärung. Nun begann Herr Marburger von neuem, und zwar mit lauter Stimme zu lesen; und jetzt war es Frau Marburger, welche die Lektüre unterbrach, und, indem sie Joseph um den Hals fiel, schluchzend rief: „Meine bitter beweinte Schwester Schewa! So habe ich denn doch wenigstens das Glück, dein Kind zu küssen! O, Joseph, meiner teuren Schwester Sohn!" Es bedarf keines hohen Grades von Einbildungskraft, um sich vorzustellen, was nun weiter in diesem kleinen Familienkreise geschah. Im nächstfolgenden Jahre sehen wir Joseph als Eigentümer auf dem von Herrn Marburger erkauften Gute eine großartige Oekonomie einrichten, wobei ihm Klara als sein geliebtes Weib emsig beisteht. Bald aber erleben sie auch die hohe Freude — Vater Märtens bei sich zu beherbergen. Die brave ° Ursula war in das Reich der Ewigkeit eingegangen und Märtens wies alle Trostgründe des Herrn Tanger von sich, denn er sah sich nunmehr ganz und gar vereinsamt in der Welt. „So zieht denn zu Euren Kindern!" riet ihm Herr Tanger. Und dieser Rat faßte Wurzel. Als er so unerwartet die Villa betrat, Joseph und Klara nicht aufhören wollten, ihn zu herzen und zu küssen, und in allen ihren Bewegungen und Handlungen die aufrichtigste kindliche Verehrung gegen ihn zu bekunden, da erklärte er, seine letzten Tage nur bei ihnen verleben zu wollen. Nun erhob Klara ihre Hände zu einem feierlichen Schwur, ihn stets mit der kindlichsten Treue zu pflegen. „Vater Märtens!" sprach Joseph bewegt, „Ihr habet uneigennützig uns unsere Jugend versüßt; es wird nunmehr unsere heilige Ausgabe sein, Euch Euer Alter zu verschönen."

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