Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-23 · Heft 39 (23.9.1904) · p. Seite 464

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 39 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
Seite 464 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228621--61127-3274934
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

msm flus der guten allen Leit. Historische Erzählung von Edmund Gregory. VII. H^elche Empfindungen in der Brust des Jünglings während des Lesens wechselten, davon mag jeder selbst sich eine Vorstellung machen, der in nachfolgenden Zeilen die getreue Abschrift des Briefes liest; er lautete: Vielgeliebter Joseph!' Mein Wille, Dich diese Schrift erst am sechsten März lesen zu lassen, hat keinen anderen Grund, als weil dieser Tag — Dein Geburtstag ist, an welchem ich Dir durch meine Mitteilungen ein bedeutungsvolles Angebinde in die Hand gebe. Das Angebinde besteht, kurz gefaßt, in zwei wesentlichen Enthüllungen: erstens nämlich, daß ich — Dein Vater bin; und zweitens, daß Du dem unglücklichen Judenvolke angehörst. Um die scheinbaren Widersprüche zu lösen, die Dir in diesen zwei Wahrheiten auffallen dürften, ist es notwendig, daß ich Dir die Geschichte - Deiner Geburt erzähle. Mein Vater war der reichste Jude in Steiermark, und ich, sein einziger Sohn, war von. ihm bestimmt, ein Gelehrter zu werden. Bis in mein fünfzehntes Jahr genoß ich im väterlichen Hause eine angemessene Erziehung, da stets für die besten Lehrer gesorgt wurde; und,dann ward ich zu meiner weiteren Ausbildung nach Venedig geschickt,, wo mir alljährlich eine nicht unbedeutende Summe zur Verfügung gegeben wurde. - Der Ruf von dem Reichtum meines Vaters öffnete inir die Türen der vornehmsten Häuser; ich war in allen jüdischen Zirkeln ein willkommener Gast, und ich wurde von allen Seiten mit Freundschaftsanträgen überhäuft. Rach einem dreijährigen Aufenthalte in Venedig rief mich der plötzliche Tod meines Vaters zurück in die Heimat. Hier führten mich Rechnungsverwicklungen oft in das Haus einer reichen Witwe, namens Phöbes, deren Gatte ebenfalls vor kurzem das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht hatte, bei welcher Gelegenheit ich die ältere Tochter kennen lernte: Schewa sehen und in heftige Liebe für sie entbrennen, war so natürlich, wie das Anstaunen der Natur bei dem Erscheinen der Sonne in ihrer Morgenpracht. Zu meinem seligen Entzücken fand ich weder bei der Mutter noch bei der Tochter einen Widerstand: Schewa tpurde meine Gattin. Ich wäre nunmehr der glücklichste Mensch auf Erden zu nennen gewesen; denn ein Jahr nach meiner Verheiratung gestand mir das geliebte Weib mit holder Schamhaftigkeit, daß mir auch Vaterfreuden in Aussicht stünden. Zu selbiger Zeit aber fing — leider! — die politische Atmosphäre der Juden sich zu trüben an und süllte sich nach und nach mit vergiftenden Miasmen. Aus Nah und Fern kamen die betrübendsten Berichte von Pöbelanklagen und von ungestraft verübter Lynchjustiz; und mit der Zunahme unserer Furcht und Angst traten auch unsere Feinde immer kecker und drohender aus. Wir waren wie ein wehrloser Ameisenhaufen. Eines Tages fuhr ich nach Pettau, wo ich bei einem Prälaten eine bedeutende Einkassierung zu machen hatte. Mein Schuldner leugnete zwar seine Schuld nicht, machte mir jedoch bemerklich, daß er seine Zahlung vor der Hand zu verschieben gedenke, weil von Wien eine völlige Annullierung der Schulden von Christen an Juden, in naher Aussicht stehe. Als ich ihm die Unbilligkeit einer solchen Maßregel zu Gemüte führen wollte, sagte er: „Lieber Herr Regnat" — das war damals mein Familiennamen — „ich .will Ihnen einen Beweis geben, daß kein niedriger Eigennutz mich abhält, meine Zahlung zu leisten. Ich bin bereit. Ihnen die ganze Summe , samt Zinsen prompt zu entrichten; jedoch müssen Sie vorher Ihre bisherigen Glaubensirrtümer abschwören." Als ich diese Zumutung zurückwies, fuhr er fort: „Verschmähen Sie meinen Rat nicht, lieber Regnat, er ist der eines Freundes, und ist allein geeignet, den Blitz von Ihrem Haupte, abzuleiten!" Diese Worte machten mich sehr unruhig; denn, der bei weitem größte Teil meines Vermögens bestand in Forderungen an christliche Schuldner. Nach Marburg zurückgekehrt, wurde ich eingeladen, einer Gemeindeversammlung in dem Tempel beizuwohnen, deren Zweck darin bestand, über die geeigneten Mittel zur Abwendung des herannahenden furchtbaren Sturmes zu beraten. Der größere Teil der Zeit jedoch wurde mit traurigen Berichterstattungen und Wehklagen zugebracht. Endlich stellte ich mich auf die Anhöhe und sprach die Leute an. „Wie wäre es," sagte ich, „wenn wir uns allesamt entschlössen, scheinbar den aufgedrungenen Glauben anzunehmen, im Herzen aber treu zu bleiben dem Bunde Abrahams mit Gott, und im Geheimen sogar die zeremoniellen Observanzen zu üben?" Wohl merkte ich, daß viele der Anwesenden bereit waren mir beizustimmen; allein die Fanatiker erhoben einen furchtbaren Lärm. Brüllend und tobend stürzten mehrere von ihnen über mich her und mißhandelten mich auf das gröblichste, so daß ich nur mit genauer Not und nur mit Hilfe einiger Freunde, die mir beisprangen, mein Leben zu retten vermochte. Diese mir widerfahrene Schmach erbitterte mich dermaßen, daß ich sogleich wieder nach Pettau fuhr und dem Prälaten, meinem Schuldner gegenüber, mich bereit erklärte zur Annahme seines mir erteilten Rates. — Am nächstfolgenden Tage sprach ich in der Pfarrkirche mein neues Glaubensbekenntnis aus. Als ich nach zwei Tagen wieder in Marburg anlangte, war mein Uebertritt bereits stadtkundig geworden; ich wurde von der christlichen Bevölkerung mit großem Jubel empfangen, und von den Honoratioren des Ortes mit Glückwünschen begrüßt. Ich bewirkte es auch, daß der gegen die Juden beabsichtigte Schlag aus einige Zeit hinausgeschoben wurde, da ich die Voraussetzung geltend machte, daß viele von ihnen gewiß meinem Beispiele folgen würden, was sich hinterher auch in der Tat bestätigte. Mit meinem Weibe aber hatte ich nun die traurigsten Stürme zu bestehen. Sie war nicht nur auf keine Weise zu bewegen, ihren Glauben zu verleugnen, sondern gebärdete sich untröstlich darüber, daß ich es zu tun über mich vermocht hatte: sie weinte Tag und Nacht und wünschte sich den Tod. Auch von Seite der Geistlichkeit wurde ich ihretwegen hart bedrängt; denn man fand es anstößig, mich noch stets in einem ehelichen Verhältnisse mit einer Jüdin leben zu sehen. Durch Einwirkung meines hohen klerikalen Beschützers in Pettau gelang es mir endlich, eine sechsmonatliche Frist zu erlangen, während welcher Zeit — das versprach ich — ich mein Weib entweder zum Uebertritte bewegen, oder sie verstoßen werde — leider mußte ich bald die Hoffnung aufgeben, sie für meine Wünsche zu gewinnen! Der tiefe Gram ihrer Seele warf sie auf das Krankenlager. Eines Abends ließ sie mich zu sich rufen. „Ich werde mich," so sprach sie mich an, „aller Vorwürfe gegen Dich enthalten. Bin ich ja doch, selbst eine Sünderin, da ich in meines Herzens Schwäche trotz Deines Verrates an Gott, keinen Augenblick aufgehört habe. Dich zu lieben.. Zu meinem Tröste jedoch fühle ich das Herannahen der Erlösung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.