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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-23 · Heft 39 (23.9.1904) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 39 (23.9.1904)
Date
1904-09-23
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
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freilich' auch mehr satirische Szene des Buches, ist die, da Eleazar die eingefrorene Wasserleitung mit Salz austauen will und dadurch den derben Spott der ganzen Hausbewohnerschaft erregt. Der größte Unterschied zwischen diesem Werk und denen ähnlicher Art besteht aber darin, daß während alle oder die meisten jüdischen Romane eine Glorifikation des Judentums enthalten, entweder ein romantisches Schwelgen in dem Althergebrachten, oder, wenn sie einen erbitterten Kampf gegen die Verknöcherung führen, eine Verherrlichung der Grundsätze des Glaubens und seiner sieghaften freiheitlichen Ideen oder, wie das jetzt Mode geworden ist, bei voller Gleichgiltigkeit gegen Form und Gedanken der Religion eine Lobpreisende Verteidigung des Stammes und des Stammesbewußtseins odergar die Apotheose eines neuen staatlichen Daseins, — in dem vorliegenden düsteren Kulturgemälde ein erbitterter Kampf herrscht gegen das Judentum, gegen die Abschließung von anderen Glaubensgemeinschaften und Völkern, ein heftiger Streit wider seine religiöse Auffassung und eine Leugnung seines künftigen Bestandes. Das Ganze ist — wenigstens so weit die Reden des Helden Eleazar in Betracht kommen — eine Lobrede auf den Sozialismus, der nach der Meinung des Redners von jeder bestimmten Religionsmeinung absieht, und damit auch auf den Atheismus. Nur eimnal kommt eine Andeutung des Zionismus vor; der Held meint: „Die Hauptsache ist, daß der wahrhaftige Messias auferstanden ist, der uns erlösen und nach Jerusalem führen wird." Und als ein Gesinnungsgenosse seine Freude darüber ausspricht, daß er diese Zeit erlebt, schließt der Held dieses kurze Gespräch mit dem Worte: „Ich auch." Und dem mehrfach erwähnten Unterrabbiner gegenüber braucht Eleazar die Worte : „Wenn wir den Messias nicht fühlen, wenn der nicht in unfern Krauflöchern Worte zu uns gesprochen hätte, Worte, für die Sie keine Ohren haben, dann sähen Sie wohl jetzt nichts als Mord und Brand, dann ständ' kein Stein mehr auf dein andern." Sieht man aber von diesen Bemerkungen ab, die zu vereinzelt dastehen, um als Grundzug des Ganzen gelten zu können, so muß man sagen: der Roman ist eine schwere Anklageschrift gegen das Judentum. Der Held geht so weit, zu denken und zu sagen: „Der Gedanke der Umarmung mit einer Jüdin verlieh ihn:, dem Juden von Raffe, das Gefühl der Blutschande. Und wenn er sich selbst betrachtete, seinen ausgesprochenen Judenkörper, seinen großen Kopf, sein bleiches Gesicht — dann erkannte er in sich die Tausende von Juden, die er überall gesehen hatte. Eine Jüdin nahm er nie. Mit dieser Unzucht nmßte gebrochen werden. Nur durch Auslösung in eine Geineinschaft mit fremden: Blut wurden die Juden wieder gesund, verschwand einer der abscheulichsten Mißstände .... Ja, er war ein herrlich gesunder Antisemit, weil er das Ghettoleben verachtete und durch seine Erkenntnis, daß eine Menschheit solchem Semitismus das Wort nicht reden könne. Haßte man nicht, wenn man bessere Dinge lieb hatte? Hatten die mosaischen Gesetze noch nicht gemtg Unheil angestiftet? Sollten die Augen dennoch länger geschloffen bleiben — lief die heutige gesellschaftliche Tätigkeit denn nicht Sturm auf die gesellschaftliche Tätigkeit früherer Jahrhunderte?" Oder er deklamiert an einer anderen Stelle: „Das zähe Abseitsbleiben der Juden — ihr Verkuppeln untereinander rlange nachdem die Ghettos ausgehoben waren — die Geldheiraten von Glaubensgenossen, Cousins und Cousinen, mit ihrem Ergebnis: Entartete und Irre, das Beleidigende, das Sich-auserkoren wähnen, das Schreiend-Gemeine, die Getränke und Speisen der Christen als verunreinigt anzusehen und noch so viel anderes mehr, das eine beschrankte Religion, die in Urzeiten wurzelte, vorschrieb, das alles war wohl des Hasses, des gewaltigen Hasses wert." Oder endlich: er hält in seinem Geiste die folgende Philippika gegen den Unterrabbiner, die sich nicht bloß gegen den einen Vertreter des Standes, sondern gegen den ganzen Stand und damit gegen die von diesem vertretene Lehre richtet: „Der Mann in seinem warmen Pelz — der Mann, der keine Augen hatte für das fensterlose Loch, worin die Unrattonne stand und der Vater mit den Kindern auf dem Fußboden lag, der Mann, der durch sein Geschäft — ein anderes Wort wußte er nicht dafür — die Hölle kennen mußte, worin sein Judenvolk lebte, die Hölle von Schlupfwinkeln und Gäßchen und nicht mit Blut unterlaufenen Augen seine Raserei über so viel Schandtaten ausschrie; der Mann, der nicht die Treppe hinaufkletterte zu den Armen und Elenden — der Mann, den: das Gehirn nicht brannte, der nicht in wilder Empörung schnob, wenn er Menschen in Kellern und Winkeln wimmern und vertieren sah — der Mann, der auffuhr, wenn erdas Zeichen der Gebote an den Türpfosten vermißte — der Jungens ausschinstifte, wenn sie au: Schabbes rauchten — der eifrig nachschnüffelte, ob das Essen und Trinken auch koscher war — ob auch Mazzoth am Passahfest gegessen wurden — ob die Frauen auch falsche Scheitel trugen — ob's Fleisch auch aus der Halle hergeholt wurde — der Mann, der in seinen: starren Dogina jeden Tag an eben Geborenen die Beschneidung vornahm, jeden Tag das Brandmal der Sklaverei und sklavischen Formendienstes auf wehrlose Körperchen drückte — der Mann, der betete, steht, sang» und segnete — der Mann, der unantastbar in seiner Synagoge war — der Mann, der nun vielleicht gerade in der Tasche seines Rocks ein Cachet Diamanten aufbewahrte — diesem Mann gegenüber nahm er nichts von den: Geschehenen zurück — dieser Mann war ihm und' den anderen ein Feind." Manche Leser, die mir bisher gefolgt sind, werden vielleicht fragen: steht es einem jüdischen Schriftsteller an, in einem jüdischen Blatte derartige Stellen auszuschreiben? Auf eine solche Frage ist zu antworten, daß es sich gewiß nicht lohnte, von derartigen Aussprüchen Notiz zu nehmen, wenn sie von einem Antisemiten herrühren. Aber der Verfasser dieses seltsamen Buches ist ein Jude und zwar ein guter Jude, dem es Ernst ist um die Regeneration seiner Landsleute, um die Veredelung der Juden und des Judentums. Bei solcher Sachlage muß der Beurteiler sagen: der Verfasser wählte wohl nicht den richtigen Weg, er vergriff sich in den Gesetzen der Malerei und jeder echten Kunst, die nun einmal verlangt, daß Licht und Schatten abwechseln und nicht bloß die düstersten Farben vorherrschen, er mutet dem Leser eine peinliche und qualvolle Lektüre zu durch alle diese Aufzählungen und Schilderungen, in denen die Unrattonne nur gar zu oft sichtbar ist. Aber es würde verfehlt sein, das Buch kurzerhand abzuweisen. Vielleicht teilt der Verfasser auch gar nicht die Ansichten oder alle die Ansichten seines Helden. Vielleicht wollte er nur ein Schreckbild zeichnen, um seinen Glaubensgenossen zuzuschreien: dahin kommt ihr, wenn ihr nicht das materielle Elend eurer Brüder vernichtet, ihre geistige und sittliche Verwahrlosung endet. Wie dem aber auch sein mag, man kann das Buch abstoßend, niederdrückend nennen, aber n:an wird zugeben müssen, daß der Verfasser ein unerschrockener Verfechter seiner Ideen und dabei ein Künstler ist.

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