Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- Seite 462 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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%. tzkijermans' Lismsntltsdt? Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. estände die Beurteilung eines Romans bloß in einer Jnhaltsdarlegung, so könnte diese ungemein kurz sein; ich bediene mich bei ihr einer Notiz, die ich im „Literarischen Echo" fand. Eleazar kommt aus Amerika zurück zur alten blinden Tante Reggie ins Ghetto. Er lag zuletzt in einem amerikanischen Krankenhaus. Er hat die Welt gesehen, ist erfüllt von den Gedanken des Sozialismus, Leser von Spinoza. Er will Arbeit suchen, aber es ist flaue Zeit. Die Löhne werden gedrückt. Der Streik setzt ein. Die Armut in dem Hause der Tante Reggie, in allen Stockwerken, wird immer drohender; es ist wie eine Gewitterschwüle über dem Elend. Zwischendurch spielt eine Liebesgeschichte zwischen der Tochter des Zigarettenhändlers und Eleazar, in der letzterer durch ein Bekenntnis Rebekkas in die ganze Verkommenheit blickt, die in dieser elenden Kabache haust. Die gleiche Nacht, da Eleazar in der Erkenntnis dieser Schmach herausstürmt, bricht Feuer in dem Hause aus. Eleazar rettet mit Lebensgefahr die alte Blinde, während der Zigarettenarbeiter und seine Kinder, auch Rebekka, in den Flammen umkommen. Eleazar selbst erhält schwere Brandwunden und stirbt im jüdischen Krankenhaus, nachdem er aus den Zeitungen das tragische Geschick entnommen, das ihm die Krankenschwester vorenthalten hatte. Jeder verständige Leser eines Romans weiß indessen, wie jeder finnige Betrachter eines Gemäldes oder einer Vildhauerarbeit, daß bei einem Kunstwerke nicht das Was, sondern das Wie die Hauptsache ist. Und so lohnt es sich vielleicht, zu betrachten, wie der Verfasser zu Werke ging. Heijermans ist kein Deutscher, sondern, wie der Name sagt, ein Holländer; ob dieser Roman von ihm selbst ins Deutsche übertragen ist, vermag ich nicht zu sagen; die Verhältnisse, die geschildert werden, find also nicht deutsche, sondern holländische. Die Personen, die Vorkommen, sind Trödler oder Handwerker: Diamantenschleifer, Gemüsekrämer, herumziehende Zigarettenhändler. Das Zusammenleben dieser geistig armen, körperlich verkümmerten, im Schmutz (im wahrsten Sinne des Wortes) verkommenen Menschen, denen auch jedes sittliche Schamgefühl abhanden gekommen, ist oft ekelerregend; war schon Zola in dieser Darstellung des Leiblichen und Allzumenschlichen deutlich, so wird dieser Meister durch unfern Schriftsteller bei weitem übertrumpft; die Darstellung der Gerüche, Beschreibung der Eiterbeulen u. a. ist oft von abschreckendem Zynismus, die Gespräche der nächsten Verwandten, die mitgeteilt werden, nicht selten von widerlicher Roheit. Ob es in den Judenvierteln Amsterdams so aussieht, ob derartige Gespräche geführt werden, ob solche jeder Sittlichkeit hohnsprechende Zustände herrschen, dafür muß dem Verfasser die Verantwortung überlassen bleiben. Von den meisten jüdischen Erzählungen, die ich kenne, unterscheidet sich dieser Roman aber nicht bloß durch seine ganz naturalistische Darstellungsweise, sondern vornehmlich dadurch, daß unter den wirklich handelnden Personen kein Andersgläubiger vorkommt, denn nur ganz episodische Figuren: Schneeschipper, Schutzleute, Feuerwehrmänner sind Christen. Es handelt sich also nicht etwa um einen Gegensatz der Konfessionen, um Emanzipations- oder Amalgamierungssragen, sondern um Betrachtung der Juden als solcher. Und auch dies nur in beschränktem Sinne. Denn der vornehmere Teil der Juden erscheint so gut wie gar nicht: die reichen und gebildeten greisen i) Roman. Berlin, Egon Fleischel & Comp. 1904. 380 Seiten. in die Handlung gar nicht ein, denn die Diamantenhändler . rind Vorsteher der Schleifereien fuib ganz blasse Figuren, deren Name kaum genannt wird; nur der Arzt, der in einer Schule die kranken, besonders augenkranken Kinder untersucht und heilt, mit rührender Geduld die unsauberen, unvernünftigen Kinder behandelt, ist eine Lichtfigur, aber auch er kommt ganz episodisch vor und greift in die Handlung durchaus nicht ein. Ein anderer dagegen, der Unterrabbiner Druif, der zwar besser gekleidet, gebildeter und wohlhabender ist als die Unseligen, steht deswegen sittlich nicht höher. In den zwei Situationen, in denen er erscheint, läßt er die geistliche Würde vollkommen vermissen: er schachert mit Diamanten und bedient sich da, wo er einen Religionsfrevler strafen will wegen des Abreißens einer Mesusah, so unwürdiger, heftiger Ausdrücke, daß er einem häßlichen Polterer viel ähnlicher ist als einem würdevollen Rabbi, der Respekt heischt und verdient. Noch in einen: andern Umstand unterscheidet sich der Roman von dem, was man sonst unter dem Gesamtbegriff: jüdischer Roman versteht. Diese alle haben eine Handlung, ein Fortschreiten, eine Verkettung von Umständen, die uns interessiert; in dem vorliegenden wird kaum eine Geschichte berichtet, und am Ende herrscht keine wesentliche Veränderung gegenüber dem Anfang. Denn wenn Eleazar, der eigentliche Held, auch stirbt, so hinterläßt er keine Lücke; auch das Mädchen ist tot, mit dem er kurze Liebesfreuden genossen, und die elenden Menschen, die übrig bleiben, sind, nachdem der Streik von den Arbeitenden gewonnen ist, höchstens um ein bißchen weniger elend als vorher. Es ist also keine geschloffene Erzählung, sondern es sind Stimmungsbilder. Der ganze Roman ist voll von solchen, und bei ihrer Zeichnung beweist der Autor eine Kunst, daß man ihn dem größten plastischen. Realisten gleichstellen kann; alles lebt und gewinnt durch ihn Farbe und Klang. Vom Anfänge an,. da der Held sich von dem „Jüdchen" die Stiefel wichsen läßt und die Heimatsstadt mit gemischten Gefühlen wiedersieht, bis zum Schluß, da er im Krankenhaus, von Wißbegier gezwungen, sich von seinem Lager erhebt und aus den Zeitungen die ihn erschütternde Kunde erlangt. Man glaubt, alle diese Menschen vor sich 31t sehen, ihre Stimme zu hören. Frohes und Schauderhaftes mit ihnen zu erleben. Diese Stimmungsbilder find allerdings meist grausig. Nur einzelne seien hervorgehoben: der kranke Pole in seiner Unlust, sich helfen oder retten zu lassen; die Streikversammlung mit Eleazars Rede und deren Wirkung auf die Menge und den Redner selbst; der Kampf der Streikenden; Schneetreiben und Eisläufen; die Hungerphantasie der Blinden; die Unterhaltung Eleazars mit den: schwindsüchtigen Mädchen, die an ihrem Fenster Betrachtungen über Menschen und Umgebung anstellt; der Besuch des Unterrabbiners bei der Blinden. Dies alles ist meist erdrückend, zermalmend, aber mit einer Virtuosität dargestellt, die von dem Können des Schriftstellers den höchsten Begriff gibt. Lichtbilder begegnen sehr wenig; das einzige, größer ausgeführte ist das Fischessen. Eleazar hat nämlich in den Augenblicken größter Not aus den Löchern, die er ins Eis gehauen, mit der Hand Fische gefangen und läßt die Familien des ganzen Hauses am leckeren Mahle teilnehmen, das für viele die Henkersmahlzeit wird. Daneben noch etwa eine kleine, ganz unscheinbare Szene, eine Rede der Blinden über die Freuden, welche die Geburt des ersten Kindes dem Vater gewährt. (In einer Paranthese mag angemerkt werden, daß der Autor einen ganz besonders geschärften Blick für Kinder hat; Zeugnis davon eine Unterhaltung Eleazars mit seiner Nichte und eine andere mit einem frühreifen Burschen, übrigens einem Christen, der durch seine scharfen Beobachtungen den Zuhörer frappiert.) Die einzige humoristische