Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- Seite 460 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228621--61123-3274930- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
460 Ruhe kommen, bis sie erledigt ist. Beide großen Parteien haben ihr in den diesjährigen Parteiprogrammen einen Abschnitt gewidmet. Bezeichnend ist es auch, daß die Vorsitzender: beider Parteikonvente, Elihu Root sowohl wie John Sharp Williams, in ihren Reden diesen Punkt berührten. Inzwischen hat sich auch eine „Liga für gleiche Rechte" gebildet, die durch Pamphlete und auf andere Weise eine ersprießliche Agitation zuwege gebracht hat. Dieser Liga gehören nicht nur Juden, sondern eine Reihe Bürger anderer Bekenntnisse an. Die Tatsache, daß die Juden in einigen der ausschlaggebenden Staaten über ein starkes Votum verfügen — in der Stadt Newhork wird es auf 70 000 geschätzt — trägt natürlich dazu bei, der Bewegung Nachdruck zu verleihen. Mus der Berliner Gemeinde. Berlin, 15. September, er Herbst ist da, die Blätter fallen von den Bäumen. Die Zeit der Politik beginnt wieder, der großen wie der kleinen Politik, in Reichstag, Landtag, Stadt und Gemeinde. Auch in unserer Gemeinde beginnt es sich bereits zu regen. Spät allerdings, aber hoffentlich nicht zu spät. Wir haben schon in der vorigen Woche das Schreiben des Vorstandes zu den Reprüsentantenwahlen, die im November dieses Jahres stattfinden, mitgeteilt. Aus dem Repräsentäntenkollegium scheiden diesmal aus von der liberalen Seite: Professor Dr. S. Blaschke, Kommerzienrat Julius Martin Friedländer, Professor Dr. Ludwig Geiger, Moritz Manheimer, Ad. Mayer, Syndikus Dr. Georg Minden, Stadtverordneter Louis Sachs, Stadtrat Dr. Max Weigert. Von der konservativen Seite: Berthold Israel, Pros. Dr. Landau, Direktor Isidor Sachs- Also acht Liberale und drei Konservative. Die im Repräsentantenkollegium noch weitere drei Jahre verbleibenden zehn Herren (und die Stellvertreter) sind sämtlich konservativ. Wenn bei den diesjährigen Wahlen die Liberalen nicht die Majorität erhalten, wird das Repräsentantenkollegium nur aus sogenannten konservativen Mitgliedern zusammengesetzt sein, und die Entwicklung der Berliner jüdischen Gemeinde würde nicht nur einen Stillstand, sondern einen folgenschweren Rückschritt erleiden. Es ist deshalb dringend im Interesse des Fortschritts zu wünschen, daß diesmal nur liberale Mitglieder in die Versammlung gewählt werden. Denn die Wahl auch nur eines konservativen Mitgliedes gäbe dieser Partei die verhängnisvolle Majorität. Die Gemeinde zählt diesmal ca. 23O00 stimmfähige Mitglieder, im Jahre 1901 waren es ca. 18000 Mitglieder, von denen ca. 7800 sich an der Wahl beteiligt haben. Was haben nun die Liberalen während ihrer Tätigkeit im Repräsentantenkollegium 1899 bis 1902 für Resultate erzielt? Sie haben zwei Rabbiner, einen Liberalen: Dr. Blumenthal u nd einen Konservativen: Dr. Eschelbacher, ferner Dr. Warschauer als Prediger gewählt. Sie haben zwei neue Religionsschulen errichtet, die VI. in der Oderbergerstraße und die VII. in der Annenstraße. Sie haben für Erweiterung des jüdischen Religionsunterrichts an den höheren Lehranstalten gesorgt und haben die Ausdehnung des Religionsunterrichts auch auf die unteren Klassen herbeigeführt. Sie haben die neue Alters-Versorgungsanstalt in der Exerzierstraße im Sinne ihrer Stifterin eingerichtet. Sie haben die Ge meindebibliothek begründet. Sie haben in allen Kommissionen der Gemeinde, in der Armenkommission, in der Fürsorge- und der Subventionskommission, sowie in der Verwaltung des jüdischen Krankenhauses, der Altersversorgungsanstalt, der Waisenhäuser und des Siechenhauses tatkräftig gearbeitet und die Verwaltung im Sinne aller Gemeindemitglieder geführt. Was hat im Gegensätze hierzu die konservative Partei geleistet? Unter ihrem Regime 1902—1904 ist ein absoluter Stillstand auf allen Gebieten eingetreten. Nur daß an Stelle der liberalen Mitglieder in die Ausschüsse, Verwaltungskommissionen und Vorstände der Gemeindeanstalten fast ausschließlich Konservative gewählt wurden, auch wenn sich die Liberalen noch so gut bewährt hatten, und allerseits (selbst von ihnen) anerkannt werden mußte, daß sich gegen die Verwaltung der Hinausgewählten nicht das geringste einwenden ließ. Ferner wurde der Gottesdienst rückwärts revidiert. Das Gebetbuch für die Neue Synagoge und seine Uebersetzung schien plötzlich unbrauchbar und soll „verbessert" werden. Ein Jugendgottesdienst am Sabbat Nachmittag nach altem Ritus wurde eingerichtet, ja man will auch für die hohen Feiertage einen Jugendgottesdienst nach altem Ritus einrichten und die Agende, die gegenwärtig im Gebrauch ist, zurückrevidieren. Den. deutlichsten Beweis aber,.wohin wir bei der Herrschaft dieser Partei gelangen, liefert ihr Beschluß, in der neu erbauter: Synagoge in Berlin N., Rhkestraße, einen Gottesdienst ohne Orgel einzurichten, obgleich der Vorstand einmütig für die Orgel gestimmt hatte und die Rabbiner vom Standpunkte der Religion nichts gegen die Benutzung der Orgel einzuwenden hatten und obgleich die Majorität der dort lebenden jüdischen Bevölkerung für die Orgel war und noch ist! Die seit 40 Jahren in Berlin gebauten Synagogen haben Orgelbegleitung — die konservativen Repräsentanten hielten das nicht mehr für zeitgemäß und lehnten die Orgel ab. Dieser Beschluß hat in den weitesten Kreisen der Wähler berechtigte Entrüstung hervorgerufen; er bezeichnet aber nur den Anfang auf der abschüssigen Bahn, die die sogenannte konservative Partei betreten. Wenn s i e erst die Alleinherrschaft in: Repräsentäntenkollegium besitzen, dann werden sicher weitere Maßnahmen folgen, die mit den religiösen Anschauungen der Majorität unserer Gemeindemitglieder im schroffsten Widerspruch stehen. Denn daß es ihnen hauptsächlich auf die Erlangung der Macht ankommt, haben sie am besten dadurch gezeigt, daß sie sich die Majorität auch in der Subventionskommission gesichert haben, und daß sie für alle diejenigen Synagogenvereine mit großem Eifer eintreten, von denen sie eine Hilfe bei der Wahl für sich erhoffen. Denjenigen Synagogenvereinen, von denen sie annehmen, daß sie auf dem gleichen Boden stehen, oder deren Mitglieder sie in der überwiegenden Anzahl für orthodox halten, haben sie eine höhere Subvention gewährt, als sie früher erhalten hatten und der Vorstand der Gemeinde nach pflichtgemäßer Abwägung der einschlägigen Verhältnisse für notwendig oder zweckmäßig hielt. Es ist ganz klar, daß sie sich auf diese Weise eine Hilfstruppe für die Wahl schaffen wollten. Wir hoffen aber, daß sie sich hierin geirrt haben, und daß wenigstens ein Teil der Mitglieder jener Vereine sich ihnen nicht anschießen wird. Es ist lehrreich zu lesen, wie die Orthodoxie selbst über diese Parteirichtung denkt. Im „Centralorgan für das orthodoxe Judentum", im „Israelit", findet sich (Nr. 74/75) das folgende Urteil über dieselbe: „Die „Konservativen" wissen nicht, was sie wollen. Sie entweihen den Sabbat, übertreten die Speisegesetze nnd kämpfen doch für die Erhaltung der religiösen Institutionen, kämpfen gegen die Einführung der Orgel in die Synagoge. Einige von ihnen wissen, was sie wollen. Sie sagen, wir selbst halten ja von diesen Dingen nicht viel, aber wir wollen das Interesse derer wahren, die sich in ihrem Gewissen bedrückt fühlen könnten. Das ist ein ehrenwerter Standpunkt. Nur schade, daß er den Streiter im Getümmel des ' Kampfes im Stiche läßt. Wie soll man das vertreten, wie soll man das durchsetzen, was man im Innersten des Herzens selber nicht für bedeutsam und wichtig hält?! So kommt es dann zu solchen Seltsamkeiten, wie sie der Kampf um die Orgel in der neuen Synagoge in der Rhkestraße gezeitigt hat. Die konservativen Repräsentanten erklären, im Prinzip hätten sie nichts gegen die Orgel, doch für die Orgel in der Rhkestraße könnten sie nicht stimmen. Vor allem aber können sie gar nicht, selbst beim besten Willen, die Interessen ihrer | strengfrommen Wähler wahren."