Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- Seite 458 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228621--61121-3274928- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
458 Der ethnologische Charakter des Sukkotfestes scheint uns durch diese beiden Grundgedanken umschrieben zu sein. Jeder, der sich solcher Festtage aus seiner Jugend erinnert, wird uns recht geben; jeder, der die Schilderung des Laubhüttenfestes zur Zeit des Tempels aus der einschlägigen Literatur kennt, wird diese Grundanschauung bestätigen. „Wer die Feier dieses Festes nicht gesehen, der hat nie eine rechte Freude gesehen," sagt der Talmud, und er teilt uns auch manche von den Sprüchen und Reden mit, die bei solchen Festen gehalten wurden. Die Frommen riefen aus: Heil unserer Jugend, sie beschämt nicht unser Alter", die anderen: „Heil unserem Alter, es versöhnt unsere Jugend." Viele meinen ohne Zweifel in unserer Zeit, daß die nationalen Feste des Judentums im Grunde genommen veraltet seien. Wollten sie sich aber in den historischen und ethnologischen Grundcharakter dieser Feste vertiefen, dann würden sie zu einer ganz anderen Ansicht gelangen. Die Idee der Gleichheit und die Sehnsucht nach der Freude sind ja auch die bestimmenden Grundzüge der neuen Zeit, die alle Fesseln brechen, und in dem Lebensglück des Einzelnen ihr höchstes Ziel erkennen Null. O, daß auch wir wie ene am Sukkotfest verkünden dürften: „Unsere Jugend beschämt unser Alter nicht", sondern zwischen beiden sei jene innige Harmonie hergestellt, die allein die Zukunft einer Gemeinschaft verbürgen kann. MM Die Woche. Berlin, 20. September, ie vom Kultusminister angeordneten amtlichen Erhebungen über die konfessionellen Verhältnisse der Volksschulen in Preußen sind im Gange. Sie berühren, wie aus der nachfolgenden Aufzählung hervorgeht, auch unseren Jnteressenkreis. Der Statistik wird der Stand der Dinge vom 1. Juli 1904 zugrunde gelegt und zwar sowohl bezüglich der öffentlichen Volksschulen als auch der Privatschnlen mit dem Ziele der Volksschule. Insbesondere sind ins Auge zu fassen : a) Schulen mit - nur 1. evangelischen, 2. katholischen und 3. jüdischen Lehrpersonen; b) Schulen 1. mit evangelischen, katholischen und jüdischen Lehrpersonen, Schulen, an denen der oder die Lehrer einer Minderheitskonfession im wesentlichen nur zur Erteilung des Religionsunterrichts an die konfessionelle Minderheit angestellt sind (konfessionelle Schulen mit einem Lehrer einer anderen konfessionellen Minderheit; 2. Schulen, an denen die Anstellung von Lehrern mehrerer Konfessionen auf Gesetz, Herkommen oder Ortsverfassung beruht (eigentliche Simultanschülen). Bei a) und b) sind außerdem in den einzelnen Rubriken die Zahl der Schulen, der Lehrpersonen, der evangelischen, katholischen und jüdischen Schüler anzugeben. Dem auszufertigenden Schema sind folgende Anmerkungen, beigefügt: 1. die lediglich für den technischen Unterricht (Zeichnen, Turnen, Handarbeit, Handfertigkeit, Hauswirtschaft) angestellten Lehrpersonen sind nicht aufzunehmen; 2. wo konfessionelle Schulen für Reformierte, Altreformierte, Lutheraner, Altlutheraner, Herrenhuter, Mennoniten, Baptisten, Presbyterianer, Methodisten, apostolische Gemeinden, Altkatholiken re. bestehen, oder wo an Schulen ein Lehrer eines dieser Religionsbekenntnisse neben Lehrpersonen eines anderen Religionsbekenntnisses angeftellt ist oder nach der Ortsvörfassung angestellt sein muß, sind für diese Schulen die Angaben in den betreffenden Spalten gesondert aufzuführen; 3. wo sonst noch Schulen von Schülern der unter 2 genannten Religionsbekenntnisse und von dissidentischen Schülern besucht werden, ist deren Zahl gleichfalls besonders hervorzuheben. I - Die sogenannte deutsche Refo rmparte i hielt in Dresden ihren 10. Parteitag ab. Die Partei, die im Reichstage, durch die Abgeordneten Zimmermann, - Werner, Fröhlich, Bruhn, Gräfe und Böckler vertreten ist, ist zwar im Antisemitismus, der die Grundlage ihres Programms bildet, der deutsch-sozialen Partei des Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg verbrüdert.' Aber Abgeordneter Zimmermann konstatierte, daß eine Wiedervereinigung mit der Lieberinannschen Sezession nicht wahrscheinlich: nur „friedlich" miteinander zu arbeiten sei man bestrebt. Ein Rechtsanwalt Dr. Schnauß-Leipzig klagte über die von jüdischen Ausländern betriebenen Geschäfte; sein Antrag, in den Handelsverträgen das unbeschränkte Recht der Ausweisung zu wahren, wurde einstimmig angenormnen. Auch gegen die ausländischen Studenten an deutschen Hochschulen wandte sich der Parteitag. Abgeordneter - Werner teilte in seinem parlamentarischen Referate mit, daß der durch seine Beleidigungsprozesse bekannte Pfarrer a. D. Krösell in die Reformpartei ausgenommen werden solle — worum sie wahrscheinlich niemand beneiden wird. Der interessanteste Gegenstand der Tagesordnung betraf in der vom Reichstagsabgeordneten Bruhn (Berlin) angeregten Durchsicht des Parteiprogramms den Vorschlag zu Punkt 19,- der bie'attc Forderung des Antisemitismus: „Aufhebung der Gleichberechtigung der in Deutschland lebenden Juden" aufheben würde. Jetzt lautet dieser § 19 nach den Beschlüssen des Erfurter Parteitages vom Jahre 1895: „Aufhebung der Gleichberechtigung der in Deutschland lebenden Juden und Stellung derselben unter ein besonderes Fremdenrecht; namentlich Ausschluß der Juden aus allen amtlichen und einflußreichen Stellungen, Ausstellung und dauernde Führung einer Statistik über die in Deutschland lebenden Personen jüdischen Namens, Verbot der Einwanderung fremder Juden, Schächtverbot, wissenschaftliche Prüfung der jüdischen Neligionsvorschriften event. ihres Inhalts und ihrer Verbindlichkeit." Die neue Fassung soll nach den Vorschlägen des Reichstagsabgeordneten Bruhn folgendermaßen lauten: „Fernhalten der Juden von allen Berufen, in denen ihre Betätigung wegen ihrer Eigenart für unsere Kulturentwicklung schädlich ist, insbesondere Ausschluß von den gesetzgebenden Körperschaften, vom Richterstande, vom Offiziersstaude und vom Berufe eines Lehrers an öffentlichen Schulen, die von Kindern germanischen Stammes besucht werden, Fernhaltung jüdischer Kinder ans den öffentlichen Schulen für Kinder germanischen Stammes, Zulassung der Juden zu den Berufen des Rechtsanwalts oder Notars und des Arztes nur nach der Kopfzahl ihrer in Deutschland ansässigen Rassegenossen. Verhinderung der Aenderung jüdischer Familiennamen, Führung einer Statistik über die in Deutschland lebenden Personen jüdischen Stammes, Verbot der Einwanderung frenrder Juden, Erlaß eines Schächtverbots, wissenschaftliche Prüfung der jüdischen Neligionsvorschriften und deren Uebersetzung ins Deutsche." - Sonst nichts. Uebrigens zeigte es sich auch hier, daß die Führer die Geführten nur schwer im Zaume zu halten in der Lage sind. Es ist kaum glaublich, was für Anträge und Vorschläge die letzteren einbrachten, während die ersteren mit rührender Konsequenz das Mittelstandsprogramm in den Vordergrund rücken und den Antisemitisnms ins Hintertreffen bringen wollten. Das heißt mit anderen Worten: Der Antisemitismus ist außer Kurs gesetzt; es gilt jetzt ein neues Stichwort zu suchen. Nun, wir werden ja sehen, ob sie bald ein solches finden werden. * Eine hübsche Illustration zu dein letzten Erlaß des russischen Kaisers, aus dem übrigens deutlich hervorgeht, daß die jüdischen Volksmasfen, welche unter den am 3., Mai 1882 geschaffenen Beschränkungen gegen die Juden am meisten