Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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68. Jahrgang. No. 39 Allgemeine Berlin, 23. September 1904. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Reöaktenr: Gustav ittarpeles. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philipps»«. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums". Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Tum SuKKotkelte. Berlin, 21. September, er es unternähme, die ethnographischen Elemente aus unseren Festen herauszulösen, der würde einen -dankenswerten Beitrag zur Kenntnis der jüdischen Volksseele bieten. Obwohl ja die Festtage von der Religion ausgehen, und von ihr eingesetzt, auf historische Ereignisse, auf das Walten der Natur oder auf Vorgänge des inneren Lebens zurückgeführt werden, so nehmen sie doch im Laufe der Zeit zum Teil den Charakter des Volkes an, das sie feiert, und geben uns so Gelegenheit, einen Blick in das charakteristische Wesen desselben zu Wersen. So hat ein hervorragender Kenner des Judentums einmal behauptet, daß das Hüttenfest für die jüdische Stabilität ein beredtes Zeugnis ablege. Ursprünglich mit dem Ackerbau, der Getreideernte und der Weinlese zusammenhängend, werde es von denen, welche jetzt zumeist Handel zu treiben genötigt sind, doch in derselben altertümlichen Weise gefeiert, wie in früheren. Tagen. Das ist auch richtig, aber der tiefere Grund liegt vielleicht darin, daß die großen Gedanken, von .welchen die Idee dieses Festes getragen ist, damals wie heute in Israel noch wirksam sind und hoffentlich auch für alle Zukunst wirksam bleiben werden. Als einer dieser Grundgedanken erscheint uns die Idee der Gleichheit. In luftigen, leicht zusammengefügten Hütten, die uns daran erinnern sollen, daß unsere Häuser und Paläste nur die vorübergehende Heimat bilden, und daß wir nur als Pilger über die Erde wandeln, soll das Fest begangen werden. Neben dem historischen Gesichtspunkt, baß der Gott, der 40 Jahre lang die Väter durch die Wüste geleitet und in Hütten beschirmt, auch unser Gott ist, steht hier der ethische, daß wir alle gleich sind im Leben, in der Kraft, aber auch in der Vergänglichkeit, und daß es nur Gottes Segen sei, der uns schützt, und der Hütten und Paläste mit gleicher Liebe beschirmt. Diese Idee der Gleichheit ist ein köstliches Gut der jüdischen Lehre, auf das wir gerade in unseren Tagen immer und immer wieder .zurückkommen müssen. Feierlich stellt das sozialpolitische Programm der heiligen Schrift den Satz an die Spitze: „Ihr sollt keine Knechte sein." Jeder weiß, wie die biblische Verfassung sogar eine.mögliche Gleichheit des Besitzes zu erzielen strebte. Sie kennt weder Rangesnoch Standesunterschiede in ihrer Gesellschaftsordnung, weder Geburts-noch erworbene Vorzüge. Die gewählten Richter und Vorsteher haben nur die öffentlichen Angelegenheiten zu verwalten und die Wahl ist rein persönlich. Nichts davon wird vererbt; selbst die Söhne und das Geschlecht des Gesetzgebers verlieren sich spurlos in der Menge des Volkes. Und als Moses sein Heiligtum errichtet, nahm er zu diesem Zweck von jedem Israeliten einen halben Schekel; von Reichen nicht mehr,, von Armen nicht weniger, damit alle ohne Unterschied ein gleiches Anrecht darauf haben. Und diese Gleichheit aller Volksglieder wird sogar noch auf diejenigen ausgedehntdie sich dem Volke angeschlossen. Das israelitische Bürgerrecht wird allen erteilt, die sich in Israel niedergelassen. Wiederholt wird es feierlich ausgesprochen: Ein Gesetz, ein Recht soll dem Einheimischen wie dem Fremdling sein. Von dieser Idee ist die Heilige Schrift durchdrungen. Das ist die Grundlage des Mosaismus so gut wie des rabbinischen Judentums, und das Sukkotfest ist so recht dazu geeignet, uns diese Idee gerade in den Wirren unserer Tage immer wieder nahe zu bringen. Diese Idee und noch eine andere nicht minder große und erhabene und ebenso zeitgemäße wie jene. Nicht bekümmert und nicht traurig sollte man in die Sukkah einziehen, sondern .in dem. Bewußtsein,'daß. man unter Gottes Schutz lebt, sollte man sich ungetrübter, reiner, herzlicher Freude, besonders ap diesem Feste hingeben, Auch das müßte immer und immer wieder betont werden gegenüber allen Entstellungen und Verdrehungen: das Judentum ist eine Religion der Freude! Es weiß nichts von einem ursprünglichen Elend in der menschlichen Seele; es sieht die Erde nicht als ein Jammertal an. Sehr fein hat Lazarus in seiner Ethik darauf hingewiesen, daß gerade das Hebräische reich sei an sprachlichen Benennungen der Freude. Die Ausdrücke seien so mannnigfaltig und fein abgetönt, daß sie eine vorzügliche Stufenleiter abgeben, um das Wohlgefallen von dem einfachen Behagen bis hinauf zum Jubel der Seelenwonne zu bezeichnen. Dieser Reichtum der Wörter für heitere Seelenzustände wäre bei einer trüben Grundstimmung des Volksgemüts unmöglich. Das ganze Leben des Juden war durch die Tradition von ethischen und religiösen Pflichten durchzogen, aber auch die Freude gehörte mit zu diesen Pflichten und die biblische Spruchweisheit hat sie vielfach verherrlicht. .. Noch wichtiger aber ist das Gesetz, andere an der Freude, die man sich selbst bereiten kann, teilnehmen zu lassen. Derselbe feinsinnige Philosoph hat treffend darauf hingewiesen, daß im jüdischen Schrifttum die Ausdrücke für Licht und Freude (orah we—simchah) oft hei einander stehen, wie ein Doppelwort für einen Begriff, durch den angedeutet werden soll, daß die Freude wie das Licht sein sollte. Dieses leuchtet nicht bloß demjenigen, der es für sich selbst anzündet, sondern es sendet weithin seine Strahlen. So ist auch die Freude dem jüdischen Gemüte erst dann eine ganze, wenn sie auch denen sich mitteilt, die sie entbehren.