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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-16 · Heft 38 (16.9.1904) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 38 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
Seite 455 (sequence 11)
Language
German
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seit lange kenne, um ihn alsdann um seiner selbst willen lieb zu haben." Die Eltern und die Geschwister Klaras umarmten der Reihe nach den tief bewegten Jüngling, welcher beteuerte, daß er sich schon durch das Glück Klaras selber beglückt fühle, und daß sonach die besondere Freundlichkeit, die ihm zuteil werden würde, eine unschätzbare Beigabe für ihn sein werde. Klara wurde nach-und nach in die jüdischen Satzungen und Ritualien eingeweiht; und nahm Unterricht in der hebräischen Sprache und der Bibel, um das Langversäumte nachzuholen. Joseph wurde im Hause vielfach und nützlich verwendet, teils als Korrespondenzführer und teils als Verkäufer in dem Geschäft des Herrn Marburger — so wurde Klaras Vater in Görz wegen seiner Auswanderung aus Marburg genannt — dabei wurde er wie ein Glied der Familie behandelt.- Nach einigen Monaten jedoch begann sich dieses schöne Verhältnis zu trüben. Die Eltern Klaras sahen mit Betrübnis zwischen ihrem Kinde und einem nichtjüdischen Jünglinge eine Intimität bestehen, die nur zu sehr geeignet war, sie für die Zukunft besorgt zu machen; dennoch hatten sie nicht den Mut, störend einzuwirken. Die beiden jungen Leute waren ihnen viel zu lieb, um sie irgendwie zu kränken; was sollte aber am Ende daraus werden? Joseph war sich über die Natur seiner Neigung zu der Ziehschwester klar geworden und hielt sich sogar überzeugt, daß ihre Nähe für ihn bereits eine Lebensbedingung geworden sei; und dennoch konnte er sich nicht verhehlen, daß durch Klaras verändertes Glaubensbekenntnis zwischen sie beide eine unübersteigliche Scheidewand gezogen worden sei. Er war auch klug genug, der sichtlichen Aengstlichkeit, die ihm bei den Eltern Klaras nicht entgehen konnte, die richtige Deutung zu geben. Klara entging es auch nicht, daß in dem Gemüte ihres geliebten Freundes nicht die heiterste Stimmung walte; sie war jedoch weit entfernt davon, die Wahrheit zu ahnen; sie hatte nur die Vermutung, daß die Ungewißheit über seine Abstam- .mung ihn jetzt mehr als sonst trübselig stimme, da er sehe, wie beseligend die wohltuende Nähe von Eltern wirke; sie sah sich daher veranlaßt, ihre liebevolle Aufmerksamkeit für ihn zu verdoppeln, und so seinen jeweiligen Trübsinn zu verscheuchen. Er gab sich auch Mühe, in ihrer Gegenwart seinen Schmerz zu verbergen; desto empfindlicher aber ward ihm derselbe, wenn ex sich allein befand; und er erreichte den höchsten Grad, als ihm Herr Marburger einst den Antrag stellte, ein von demselben in der Nähe von Görz an sich gebrachtes Gut zu beziehen, um daselbst eine Oekonomie nach seinem Verständnis einzurichten. Joseph zweifelte nicht, die Absicht des Herrn Marburger ziele bloß dahin, ihn aus dem Hause und aus der Nähe Klaras zu entfernen. Er war fest entschlossen, dies Gut nicht zu beziehen, vielmehr das Haus des Herrn Marburger für immer zu verlassen, obschon die Entfernung von Klara, wie er nicht zweifelte, ihm den sichern Tod bringen würde. War ihm ja doch auch hier ein baldiges Aufzehren seiner Lebenskraft gewiß! Oder sollte er etwa dableiben und sehen, wie sich mit jedem Tage Jünglinge als Freier einstellen, die bald von dem Vater, bald von der Mutter mehr oder weniger begünstigt wurden? Freilich hatte Klara bisher noch alle von sich gewiesen; aber kann und wird das immer so geschehen, da sie doch keine Ahnung haben kann von dem gewaltigen Schmerz, der den unglücklichen Jüngling erdrücken würde, wenn sie die Gattin eines andern werden sollte? Er hätte auch nicht gezögert, den Entschluß, das Haus zu verlassen, alsbald in Ausführung zu bringen; nur der Umstand, daß der sechste März so nahe war, ließ ihm ein Verschieben bis nach demselben als ratsam erscheinen, denn immerhin, dachte er, dürfte die Bekanntschaft mit dem für ihn wichtigen Inhalt des von Herrn Tanger erhaltenen Pakets geeignet sein, Einfluß zn üben auf seine Beschlüsse für die Zukunft. Der sechste Mürz nahte heran, und Joseph glaubte gegen das dem Herrn Tanger gegebene Wort nicht zu verstoßen, wenn er in der Nacht zwischen dem fünften und sechsten, nach zwölf Uhr, die Entsiegelung vornähme, da er bei Tage nirgend sicher war vor Störungen. Mit geringen Erwartungen zwar, aber dennoch mit pochendem Herzen ging er an die Eröffnung. Das erste, was ihm in die Augen fiel, waren mehrere von der ihm bekannten Hand des Herrn Tanger beschriebene Blätter; und ohne sich weiter um das, was sonst noch daneben lag, zu bekümmern, griff er hastig nach diesen. (Schluß folgt.) Von Laguls nach tzrnngsdork. I. enn inan „so in sein Museum gebannt ist" und die Welt kaum einen Feiertag sieht, so begrüßt man den ersten Ferientag des Sommers ungefähr so wie den Tag der Erlösung. Und mit einer Freudigkeit ohne Gleichen verläßt man die Stadt, die man sonst so liebt, um in die Ferne zu ziehen. Nicht ganz mit derselben Freudigkeit, aber doch sehr gern kehrt man dann wieder nach einigen Wochen mit Erfahrungen und Erinnerungen, die einem niemand rauben kann, in die Stadt zurück. Das ist der Lauf der Welt. Für mich persönlich — wenn mir der freundliche Leser wieder einmal gestattet, von mir zu reden — haben die Reiseerinnerungen namentlich an Spätsommerabenden einen ganz besonders intimen Reiz. Die Natur wie das Stadtleben bekommen da ein ganz eigenes, neues Kolorit. Und die Vorbereitungen zu den hohen Festen gießen einen Hauch über diese Tage aus, den freilich nur der Mitempfinden kann, für den diese Feste von Jugend auf die gleiche Bedeutung haben, wie für mich. Ein solcher Spütsommerabend ist es, an dem ich die Erinnerungen der diesjährigen Sommerreise an meines Geistes Ang' vorüberziehen lasse. Von der dalmatinischen Küste zur Ostsee! Welch ein Weg! Wieviel Interessantes und Erzählungswertes bot sich da dem aufmerksamen Beobachter dar! Wie viele Menschenkinder, interessante und uninteressante, kluge und närrische, lernte ich da kennen! Vermöchte ich es, all? das Gesehene und Erlebte in ein Bild zusammenzusassen, so wäre das sicher ein sehenswertes. Aber ein solcher Künstler bin ich leider nicht. Ich kann nur schlicht und einfach von dem berichten, was für meine Leser vielleicht nicht ohne Interesse sein dürfte, weil es für mich von Interesse war. Schon die Unterhaltung im Eisenbahnkupee auf der Reise von Breslau nach Wien bot ein farbiges Bild, das ein Künstler ohne große Mühe ausführen könnte. Es hatten sich da ein Paar oberschlesische Zeit- und Glaubensgenossen zusammengefunden, die sich ihre Erlebnisse in Breslau recht umständlich erzählten. Das ging so bis Ohlau. Dann fingen sie von ihren Geschäften an. Das dauerte etwa bis Brieg. Hierauf wendeten sie sich Gemeindeangelegenheiten zu. Und das war sicher der interessanteste Teil ihrer Unterhaltung. Es waren ihrer viere. Der eine schlief ein, weil ihn diese „Khillesachen" absolut nicht interessierten, wie er peremptorisch verkündete

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