Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- Seite 456 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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456 lind weil die andern nicht dazu zu haben waren, „mit ihm einen Skat zu kloppen". Das war der Indifferente. Der andere war ein Liberaler. Aber ob sich sein Liberalismus über die Schinkensemmel erstreckte, die er in der Bahnhofsrestauration in Breslau erstanden, war schwer zu beurteilen. Der. dritte war ein Orthodoxer, ein echter und rechter, der das Essen der Schinkenstulle mit einigen derben Kernsiüchen ' begleitete, die aber den andern durchaus nicht genierten. Der vierte war ein Margarine-Orthodoxer, der mit der besagten Schinkensemmel in bedenklicher Weise kokettierte, dazwischen aber gegen die beabsichtigte Einführung einer Orgel in seiner Heimatgemeinde in scharfen Ausdrücken loszog. Selbst die Einwendung, daß das Instrument nichts kosten werde, da ein reicher Mitbürger es der Gemeinde zum Geschenk machen wolle, selbst der anmutige Vers: „Einer geschenkten Orgel — steht man nicht in die Gorgel!" konnte ihn nicht beruhigen. „Wenn ich will e Konzert haben, gelst ich zu Bilse!" war der ständige Refrain seiner Gegenrede. Aus die Argumente des Gegners ging er überhaupt nicht ein. Er war mit seiner Ueberzeugung fertig. Selbst der ehrliche Orthodoxe war nicht so fanatisch wie er, und als die Unterhaltung etwas überlaut wurde, meinte dieser kurzweg: „Was Hab" ich von die Narrischkeiten? Es war wirklich besser gewesen, wir hätten Skat gespielt!" In Kosel stiegen die verehrungswürdigen Zeitgenossen aus. Nur der Indifferente schlief noch bis Oderberg. Dort rieb er sich die Sandkörner aus den Augen und bemerkte in bezug auf das kurz vorher geführte Gespräch: „Was d i e Leut> für Sorgen haben!" Er freilich hatte andere Sorgen, wie ich später erfahren habe. Aber die Dreie blieben mir noch lange in der Erinnerung und beschäftigten mich auf der Fahrt bis Wien. Zunächst wegen der Form der Unterhaltung. Diese bewegte sich in durchaus moderiertem Geleise. Nur selten fiel einer dem andern ins Wort. Nur hie und da würzte ein Jargonausdruck die Rede. Nur zuweilen erhob sich das Gespräch zu „höheren Tönen". Dagegen war in einem Nebenkupee eine lustige Agrariergesellschaft so überlaut, daß sie auf den Stationen allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Und in einem Kupee erster Klasse unterhielten sich einige Damen von oberschlesischem Adel so ungeniert,-daß jeder den Gang Passierende sich unwillkürlich umwenden mußte. Nein, man komme mir nicht mit der längst abgeblaßten Phrase von den „jüdischen Unarten"! Diese sind, wo sie etwa hervortreten, nicht störender und selten häßlicher als die andern. Die vielen Witze, die darüber in Umlauf sind, stammen durchweg aus halbvergangener Zeit. Trotzdem kann ich es mir nicht versagen, wenigstens einen von ihnen der Vergessenheit zu entreißen. Ein polnischer Jude — so fängt ja bekanntlich jeder dieser Witze an — führt in einem Kupee mit einem deutschen Glaubensbruder. Mit der Redseligkeit, die diesen Leuten eigen, sucht er auf jede mögliche Weise ein Gespräch anzuknüpfen. Der andere aber will nicht darauf eingehen. Endlich aber, da er sieht, daß er doch nicht zur Ruhe werde kommen können, sagt er zu dem Kupeegenossen: „Hören Sie, ich werde Ihnen einen Vorschlag machen!" — „Nu," erwidert der andere neugierig. — „Wir wollen uns fortan du sagen!" — „Wieso?" — „Es ist mir mies vor Sie!" Der Witz ist vielleicht gar nicht so gut als wahr. Wer hat nicht schon von solchen redseligen Mitreisenden zu leiden gehabt? Sie sind eine rechte Eisenbahnplage. Zum Glück sind sie nicht bloß unter den Juden zu finden. Im Gegenteil, man kann behaupten, daß diese infolge mannigfacher trüber Erfahrungen, die sie in der Blüteperiode des Antisemitismus gemacht, scheuer und zurückhaltender sind als andere Reisende. Es ließe sich darüber noch viel sagen, aber ich will dem jungen Kandidaten nicht vorgreifen, der sich, wie ich höre, das ebenso dankbare wie interessante Thema als Stoff für seine nationalökonomische Doktordissertation gewählt hat: Die Konfessionalität des Eisenbahnverkehrs, vom nationalökonomischen und sozialethischen Gesichtspunkte betrachtet. Diese Arbeit wird ohne Zweifel sehr wertvoll für die Kulturgeschichte werden. Hoffentlich trägt der Professor, dem die Prüfung derselben bevorsteht, dem Kandidaten nicht auch die Dutzbrüderschaft an . . . 6. K. Sprechtag!. Sehr geehrter Herr Redakteur! u der Wiener Korrespondenz in Nr. 37 Ihres Blattes habe ich zu bemerken: Jeder, der sich einigermaßen mit unseren Angelegenheiten beschäftigt, weiß, daß keines der gewählten Mitglieder des erweiterten Ausschusses Führergelüste hegt, da alle wissen, das; diese Führerkrone für einen einzelnen viel zu schwer ist, selbst wenn der Ehrgeiz dazu ein Ansporn sein sollte. Es ist aber auch bekannt, daß die Bank erst seit zwei*Jahren ihre Geschäftstätigkeit begonnen und im ersten Jahre eine Dividende von 2 Prozent verteilt hat. Daß in diesem Jahr eine Dividende nicht verteilt und der erzielte Gewinn von ca. 50 000 Mark auf neue Rechnung vorgetragen wird, ist darauf zurückzuführen, daß die Gründung der Filiale in Jaffa und die Vorbereitungsarbeiten für die Gründung der Filialen in Rußland und Amerika größere Aufwendungen erforderten. Ihr Korrespondent muß dies ebensogut wissen, wie er über das andere informiert ist; derselbe muß auch wissen, daß die Aussichten im laufenden Geschäftsjahr überaus günstige sind. Warum dies verschwiegen wird, weiß ich nicht. Köln, 6. September 1904. Ergebenst Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer. s erschiedentlich ist es vorgekommen, daß Auswandereragenten in Rußland, Galizien, Rumänien die Beträge für Schiffskarten vom den Auswanderern angenommen haben, ohne das Geld sogleich, wie es ihre Pflicht wäre, an die Agenturen der Kontrollstationen oder Hafenstädte weiter zu schicken, damit das eingezahlte Geld mit den Auswanderern zugleich eintrifft, und diese weiter befördert werden können. — Durch die Verzögerung dieser Geldsendungen werden die armen Auswanderer oft tage- und wochenlang in den Kontrollstationen und Hafenstädten aufgehalten, wo sie ihren letzten' Pfennig verzehren und dann vollständig mittellos bleiben. Doppelt schwer wiegt die Unterlassungssünde dieser gewissenlosen Leute, wenn es sich um weibliche Passagiere handelt und noch dazu um alleinstehende junge Mädchen, die durch das planlose Umherirren in den Straßen dem Laster und dem Elend geradezu in die Arme getrieben werden. Ich ermahne die betreffenden Agenten hierdurch aufs nachdrücklichste, sich solcher Manipulationen zu enthalten, vielmehr sofort beim Empfang des eingezahlten Geldes es an die zuständige Adresse weiter zu schicken, damit keine unnütze Verzögerung der Reise eintrete. Ich hoffe, daß diese Warnung von den betreffenden Agenten beherzigt wird und unterlasse es vorläufig, deren Namen öffentlich zu nennen. Alle jüdischen Zeitungen des In- und Auslandes bitte ich, diese Notiz zu veröffentlichen. Bremen, den 5. September 1904. Dr. L. Nosenak, Rabbiner. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchw/tz in Berlin.