Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- Seite 454 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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454 In diesem erscheint es zuerst ausgesprochen, daß die Sittlichkeit Selbstzweck sei, hier findet sich zuerst eine große Zahl ethischer Vorschriften mit keinem anderen Zwecke als dem der individuellen sittlichen Veredlung. Daß Sittlichkeit Selbstzweck ist, erscheint z. B. in dem Satze niedergelegt : „Heilig sollet ihr zu werden streben, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott (Lev. 17, 2). Der Mensch werde heilig, Gott ist heilig. Gott nach jüdisch-religiöser Vorstellung ist nämlich nicht allein der Lehrer des Sittengesetzes, sondern selbst das Ur- und Vorbild aller sittlichen Vollkommenheit. Diesem Vorbilde nachzustreben ist Aufgabe des Menschen, bedeutet Heiligung, Versittlichung des Lebens, denn Sittlichkeit ist Selbstzweck. Von den vielen bewundernswerten Vorschriften aber, die ausschließlich der sittlichen Erziehung bestimmt sind, wie zum Beispiel das Gesetz der Fremden- und Armenbehandlung, des Tier- und sogar Pflanzenschutzes, das Verbot jeglichen Blutgenusses re. möchte ich nur zwei, weil besonders bezeichnende, hervorheben. Die Lehre von der Sünde durch Begierde, durch Gedanken, auch wenn sie nicht zu Taten führen, ja nicht einmal in Worten zum Ausdrucke gelangen, hat zuerst das Judentum ausgesprochen, worin sicherlich nur das Bestreben nach individueller Veredlung erblickt werden kann. Ein Moralgesetz, das nicht Selbstzweck ist, hat nur mit Taten, nicht aber mit unausgesprochenen Gedanken zu rechnen. Als zweites, die Ethik des Judentums charakterisierendes Moment möchte ich den bekannten, vielumstrittenen Satz anführen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Dieses Gebot ist tatsächlich Ureigentum des Judentums, trotzdem die sogenannte goldene Regel auch von anderen Denkern und Religionsstiftern gelehrt ward; denn die goldene Regel: „Was du willst, daß man dir nicht tue, das tue auch deinem Nächsten nicht!" ist eben nur eine Regel, eine aus der Erfahrung geschöpfte, durch das Zusammenleben der Menschen bedingte Regel, in der der Altruismus nur zum Zwecke des Egoismus gelehrt wird. Hilf, damit man dir hilft, schädige nicht, auf daß man dich nicht schädige! hat nichts mit dem sittlichen Empfinden des Menschen zu tun. Dieses ward erst angerufen, als die Verbindung von Altruismus und Egoismus in das ungleich edlere Gebot der Liebe, der Menschenliebe, gekleidet ward. Hilf deinem Mitmenschen oder schädige ihn nicht, weil er als Mensch Anspruch aus deine Liebe, das heißt r auf geneigte Gesinnung, deine Hilfsbereitschaft, deinen Schutz hat! Hierin offenbart sich sittliche Vertiefung. Die Bibel ist auch unbestreitbar das älteste Gesetzbuch, in dein das Wort „Liebe" in diesem Zusammenhang Anwendung findet. Menschenliebe ist jüdisches Urprodukt. Dieses Bestreben der ganzen ethischen Gesetzgebung des Judentunis — so weit sie nicht durch lokale Verhältnisse bebedingt erscheint oder fremde Elemente in ihr Aufnahme gefunden haben — dieses Bestreben, die sittliche Erziehung und Weiterentwicklung anzubahnen, bedingte es auch, daß sie sich stets im Nahmen der durch die Menschennatur selbst gezogenen Grenzen hielt, allen unmöglichen Forderungen aber aus dem Wege ging. So z. B. lehrte sie Liebe nur für den nicht feindlich gesinnten Mitmenschen, schrieb dagegen dem Feinde gegenüber nur Hilfsbereitschaft, Milde, Verzeihung nicht aber Liebe vor. Deshalb lehrte sie auch, daß Unrecht leiden besser sei als Unrecht tun, nicht aber, daß Unrecht leiden an sich eine Tugend sei. r? Ihre Ausgabe war vornehmlich die sittliche Erziehung zur Weiterentwicklung;, diese aber bahnt sich nur an im Bereiche des wirklich Möglichen, im Rahmen des aus Vorzügen und Schwächen, aus Höhen und Tiefen bestehenden, aber eben darum echt menschlichen Lebens. Fassen wir das Ergebnis unserer Darstellung kurz zusammen, so zeigt sich, daß das Judentum 1. die geistige Entwicklung der Menschheit fördernd beeinflußt hat durch die ihm ureigene Lehre des Monotheismus; 2. die sittliche Entwicklung der Menschheit gefördert hat durch die ihm ureigene religiöse Lehre von der Sittlichkeit als Selbstzweck. Sowohl die geistige Entwicklungshöhe unserer Zeit in der Erkenntnis der inneren Einheit der Natur, wie auch die sittliche im autonomen Moralgesetz haben das Judentum zu Vorläufern und Bahnbrechern gehabt, und dadurch ist diesem für. alle Zeit ein Ehrenplatz in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit gesichert. Aus drr guten alten Leit. Historische Erzählung von Edmund Gregory. VI. H^ir kommen jetzt zu einer Szene, die treu zu schildern auch für eine viel gewandtere Feder als die meinige ein gewagtes Unternehmen wäre: ich meine den ersten Eintritt Klaras in das väterliche Haus. Man denke sich einen Vater, der achtzehn Jahre lang vergebens darnach lechzte, sein erstgeborenes Kind zu sehen und an das Herz zu drücken; eine Schwester, zwei Brüder, deren regelmäßiges tägliches Gebet es war, die ferne teure Schwester zu kennen, zu umarmen; ein unverdorbenes Mädchen, in dessen Herzen die neuen Töne von „Vater!", „Mutter!", . „Tochter!", „Schwester!" eine Fülle nie geahnter, freudiger Empfindungen Hervorrufen; endlich eine Mutter mit dem Triumph im Herzen, diese Szene nach so langem Anstreben ge- . schaffen zu haben; es wird sodann jedem einleuchten, daß es keine leichte Aufgabe sei, eine solche Gruppe zu schildern. Bei all der aufrichtigen Teilnahme, welche Joseph während . dieser feierlichen Szene empfand, entstand doch auch in seiner Seele eine Beimischung von Wehmut, Er kam sich hier vor wie ein überflüssiges Stück Möbel, das keiner Beachtung wert ist. Und wie allein und verlassen fühlte er sich nicht! Klara hatte nun Eltern, Geschwister und Verwandte; das einzige Wesen, das bisher mit ihm allein seine Seele teilte: es hatte nunmehr Herzen gefunden, die ihm viel näher standen! Klara aber erriet, was in dem Innern ihres Freundes vorging; und kaum hatte sie sich den Umarmungen ihrer Verwandten entzogen, eilte sie hin zu ihm, zog ihn herbei, und die gefalteten Hände zu ihren Eltern erhoben, sprach sie mit rührender Begeisterung: „Eure zärtliche Liebe, teure Eltern, entfaltet in mir eine Fülle seliger Empfindungen, die mein Herz zu erdrücken drohen. Gewähret mir meine erste Bitte, daß Ihr nämlich einen Teil Eurer Zärtlichkeit auf denjenigen übertraget, der bisher meine ganze Liebe allein besaß. Gewiß, liebe Eltern! Ihr werdet ihn so. lange um meinetwillen wie einen Sohn lieben, bis Ihr sein redliches Gemüt so kennen werdet, wie ich es