Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- Seite 453 (sequence 9)
- Language
- German
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Einheit, Zwar nicht in sich selbst, Wohl aber in. dem, der sie als Einziger gemacht hat, in ihrem alleinigen Schöpfer, in Gott. Mit der Lehre: ein Gott ohne Hilfs- oder Untergötter ist der Schöpfer des Universums, war endgültig die Bahn zum inneren Monismus eingeschlagen worden. Diesem war sie. ebenso unentbehrlich, wie z. B. die Erkenntnis des physikalischen Gesetzes von der Erhaltung der Kraft oder des chemischen von der Erhaltung des Stoffes. Der Monotheismus war in gewissem Sinne der eigentliche Bahnbrecher für den Monismus. Der Monotheismus aber ist unbestreitbares Eigenprodukt des Judentums, durch das es die geistige Entwicklung der Menschheit in hervorragender Weise beeinflußt hat. In unserem dreimal gesegneten Zeitalter wurden die Grenzen des Erkennens nicht nur nach obenhin bedeutend hinaus — sondern auch nach untenhin bedeutend zurückgeschoben; die wissenschaftliche Forschung unserer Tage hat nicht nur ihre Strahlen' in die fernste Zukunft vorausgesendet, sondern auch die fernste Vergangenheit erhellt und so gewissermaßen die beiden äußersten Extreme einander gegenübergestellt: Die absolute Einheit und die ausgedehnte Vielheit, den modernen Monismus und den babylonischen Polytheismus. Zwischen diesen beiden aber steht als unentbehrliches Vermittlungsglied des Judentums Monotheismus da, dessen Verdienste als solches auch dann unantastbar blieben, wenn im alten Babylon der Name Jahve bekannt und dort eine übrigens noch sehr fragliche monotheistische Neigung vorhanden gewesen sein sollte. Allerdings hat, was eigentlich selbstverständlich ist, der Inhalt des Begriffes Gott auch innerhalb des Judentumes Wandlung und Entwicklung durchgemacht. Der Babylonier Abraham mußte eine beschränktere Vorstellung von Gott haben als z. B. der Prophet Amos, weil zwischen beiden eine ganze Welt von Kultur lag und auch der Begriff Gott seinen Inhalt nur nach der jeweiligen Erkenntnishöhe des Menschen erhalten kann. Aber, und das ist sehr beachtenswert, selbst der gehende und redende, selbst der Nationalgott Jahve war doch, und zwar schon in ältester Zeit, nicht ein Gott, sondern der Gott, der Einzige, der alleinige Schöpfer und Herr der Welt! Und wenn er auch geht, redet und tut, was Menschen tun, so ward er doch niemals als „gigantischer Mensch" mit menschlicher Begrenztheit behaftet vorgestellt, war sein eigentliches Wesen niemals Gegenstand der Forschung, galt dieses vielmehr als unfaßbar, wie aus der dem Moses erteilten Antwort zu entnehmen ist, daß der Mensch, so lange er lebt, Gottes wahres Wesen nicht erschauen könne (Esod. 33, 20). Denn er war ja der einzige und eben darum allmächtige Gott, der alles tun konnte, a u ch das, was Menschen tun, der ging, sprach usw., aber doch nicht mit menschlicher Begrenztheit behaftet vorgestellt wurde. Und wenn er als Nationalgott Israels erscheint, so war er doch Gott und Herr des ganzen Universums, der Israel nur seinen Erstgeborenen nannte, auserwählt zu mehr Pflichten als Rechten, denn die übrige Menschheit. Diese Lehre von der Einheit Gottes ist Ureigentum des Judentums von seinem Beginne an und auch die Vorstellung von Gott hat innerhalb des Judentums und zwar — sieht man von allen mystischen Erklärungsversuchen ab — lange ehe das Christentum erstand, seine volle, seither durch kein Religionssystem überbotene Entwicklungshöhe erlangt in der Lehre vom einig-einzigen, unteilbaren, unkörperlichen, die höchste Vollkommenheit auf allen Gebieten in sich vereinenden, jedem menschlichen Erfassen absolut entrückten Gotte, der der Urheber des ganzen Universums und somit Vater aller Menschen ist. Diese Lehre gehört zum eigentlichen Wesen des Judentums; durch dieses wird es von allen anderen Religionen getrennt und mit diesem hat es die geistige Entwicklung der Menschheit in hervorragender Weise beeinflußt. Nicht minder klar erkennbar ist der Einfluß des Juden-, tumes aus die sittliche Entwicklung der Menschheit. Für den modernen, bis zur vollen geistigen Höhe unserer Zeit emporentwickelten Menschen ist das Moralgesetz autonom, d. h. er erzeugt es aus sich selbst heraus, weil in ihm seine Menschenhoheit enthalten ist, und er beobachtet es auch, weil eine Uebertretung desselben eine Rückentwicklung für ihn bedeuten würde. Die Menschheit in ihrer Kindheitsperiode aber war dieser bewußt sittlichen Tat des eigenen Willens keineswegs fähig und bedurfte in diesem Kampfe des Menschen im Menschen gegen das Tier im Menschen — wie die Sittlichkeit füglich umschrieben werden kann — einer Stütze für den eigenen schwachen Willen in einer außerhalb des Menschen liegenden Triebkraft. Und als solche stellte sich schon in alter Zeit das in der Regel von einsichtsvollen Volksführern aufgestellte Moralgesetz ein, "das aber einem oder mehreren Göttern zugeschrieben wurde, die dessen Befolgung durch Verheißung von Lohn oder Androhung von Strafe erzwingen konnten. Mit dem Heteronomen Moralgesetze aber verhält es sich wie mit der Vorstellung von Gott. In beiden spiegelt sich uns die Menschheit eines Zeitalters wieder. Die Menschen ließen — sieht man von jeder übernatürlichen Offenbarung ab — ihren Gott oder ihre Götter nur das als Moralgesetz künden, was ihnen selbst als sittliches Erfordernis erschien. Aber in diesem jeweiligen sittlichen Erfordernis eben offenbart sich die jeweilige Entwicklungshöhe eines Volkes. . Zweifellos waren die ersten sittlichen Bestimmungen aus den Bedürfnissen des gesellschaftlichen Zusammenlebens heraus entstanden, wie denn auch tatsächlich die älteren Heteronomen Moralgesetzgebungen nur mehr oder weniger spezialisierte Bestimmungen zum Schutze von Leben, Eigentum k. enthalten. Als Denkmal dieser Art ist wohl der Kodex Hammnrabi anzusehen, dessen Verfasser sich bekanntlich im Epilog in dem Sinne auch ausspricht. Diese primitive, an der damaligen Erkenntnisreife gemessen aber immerhin so zu nennende Sittlichkeit hatte nicht nur ihr treibendes Motiv außerhalb ihrer selbst, im lohnenden oder strafenden Gotte, sondern sie stand auch ganz und gar im Dienste eines außerhalb ihrer selbst gelegenen Zweckes, dem der gesellschaftlichen» Ordnung. Damit aber war eine individuelle Veredlung des Menschen eigentlich noch kaum angebahnt worden, weil mit dem Zwecke ja auch die Moral fiel und Tugend aus äußeren Gründen diesen Namen überhaupt nicht verdient. Eine solche individuelle Veredlung und sittliche Emporentwicklung konnte erst ein Moralgesetz anbahnen, das zwar ebenfalls als heteronom, als von einem Lohn und Strafe handhabenden Gott gegeben sich hinstellt, in dem aber als göttliche Befehle bereits solche Vorschriften enthalten sind, die keinen anderen Zweck hatten und haben konnten als den, das Empfinden zu verfeinern, den Menschen sittlich zu veredeln und zu erziehen bis zu der Erkenntnis der Sittlichkeit als Selbstzweck. Ein solches heteronomes Moralgesetz mußte auf dem Wege naturgemäßer Weiterentwicklung zum autonomen Moralgesetze führen. Dieses entscheidende, die sittliche Emporentwicklnng anbahnende Moralgesetz aber ist ein nicht genug zu schätzendes Werk des Judentums.