Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- Seite 452 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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den Lehrgehalt, die Vorstellungen, Gebräuche rc. einer Religion klarzulegen, sondern mehr noch den aus dem eigentlichen Wesen einer Religion sich ergebenden Einfluß derselben auf die Entwicklung der Menschheit, indem sie sich die Frage vorlegt, ob und in welchem Maße ein Religionssystem hemmend oder fördernd in die geistige und sittliche Entwicklung der Menschheit eingegriffen hat. Diese Frage aber in bezug auf das Judentum zu beantworten, ist die mir vorschwebende Aufgabe. Hat das Judentum die geistige und sittliche Entwicklung derMenschheit hemmend oder fördernd beeinflußt? Ich fasse hierbei das Judentum als Ganzes ins Auge, unbekümmert um die sonst übliche und auch notwendige Scheidung in Mosaismus, Prophetismus, Talmudismus und Rabbinismus; denn, während die Scheidung dieser und noch weiterer Perioden wohl geboten erscheint, wo es sich um die Geschichte des Judentums handelt, stellen sie sich dagegen da, wo die Beziehungen des Judentums zur allgemeinen Menschheitsgeschichte klargelegt werden sollen, nur als Stufen einer über Jahrtausende sich erstreckenden Entwicklung dar, einer Entwicklung, deren einheitlich erfaßtes Gesamtbild sowohl das eigentliche Wesen des Judentums wie auch dessen Einfluß auf die Entwicklung der Menschheit umfaßt. In dieser Tatsache der Entwicklung des Judentums aber, die mit Abraham anhebt und heute noch nicht abgeschlossen ist, in dieser Tatsache ist zunächst schon die Beantwortung der allgemeinen Grundfrage gelegen, ob das Judentum überhaupt befähigt war, auf die Entwicklung der Menschheit Einfluß zu üben. Ein Religionssystem, das keinerlei unbedingte Stabilität für sich in Anspruch nahm, vielmehr sich selbst, seinen Lehrgehalt, seine Vorftellungs- und Glaubenswelt entsprechend der sich stetig erweiternden Erkenntnis und der dadurch bedingten Veränderung und Ausgestaltung des religiösen Empfindens ebenfalls ausgestaltete und entwickelte, ein solches war nicht nur befähigt, sondern geradezu berufen, die Entwicklung der Menschheit zu beeinflussen. Nur was absolut unveränderlich und vollkommen zu sein behauptete, hatte sich mit eben dieser Behauptung selbst sein Urteil gesprochen, und sich aus den Reihen der Lebenden, weil stetig sich Entwickelnden, selbst ausgeschlossen. Aber auch ein die Entwicklung hemmender konnte der Einfluß des Judentums nicht sein. Denn, wie sein Entstehen und seine ursprüngliche Gestaltung selbst wieder nur das Ergebnis einer vorausgegangenen, heute vorläufig bis auf Hammurabi zurückgesührten Entwicklung war, so zeigt sein ganzer geschichtlicher Lauf das Bild einer steten, wenn auch über Um- und Abwege führenden Vorwärtsentwicklung, in der es die Keime, die in dem mit allen Vorzügen und Schwächen übernommenen Erbe seiner Vorgänger enthalten waren, in überraschend kurzer Zeit zu Wahrheiten, zu heiligen, mit Lehre und Leben, mit Wort und Tat geschirmten Wahrheiten ausgestaltete und das in einer Weise, die diese mit Recht als Ureigentum des Judentums erscheinen lassen, zu Wahrheiten, mit deren Eintreten in die Geschichte eine neue Epoche geistiger und sittlicher Entwicklung beginnt. Das Judentum, dessen Ideal schon in verhältnismäßig früher Zeit die geistige Emporentwicklung der ganzen Menschheit gewesen, dessen Propheten, wie z. B. Jesajah, den Wunsch aussprachen, daß „die ganze Erde erfüllt sein möge von der Erkenntnis Gottes" (Jes. 11, 9), von einem auf Erkenntnis beruhenden Erfassen Gottes, das Judentum,. das z. B. unter Anpassung an die durch die Zerstörung des Tempels zu Jerusalem veränderten Verhältnisse seinen bis dahin im Vordergründe des öffentlich-religiösen Lebens gestandenen Opferkultus Preisgab und sich zu der ungleich höhereu Anschauung emporentwickelte, daß die Feueropfer durch religiöses Empfinden, durch Gebet und Andacht ersetzt werden sollen, das Judentum, das in einer in der Geschichte einzig dastehenden Weise aus den Trümmern seiner zusammengebrochenen Nationalität heraus zu neuem kräftigen Leben erstand durch geistige Emporentwicklung, durch Studium, durch Wissenschaft, von der Rabbi Jochanan ben Sakkai eben damals den bezeichnenden Ausspruch tat, daß der Mensch nur um ihretwillen geschaffen worden sei, das Judentum konnte weder in seiner Lehre noch in seinem ganzen Wesen hemmend aus die Entwicklung der Menschheit wirken. Und tatsächlich war dies auch nicht der Fall. Einzig durch philosophierende Naturforscher ward in neuerer Zeit die Behauptung ausgesprochen, daß z. B. gerade der biblische Schöpsungsbericht sich als ein solches Hemmnis der geistigen Entwicklung erwiesen habe und noch erweise. Ohne hier aus eine Beleuchtung des biblischen Berichtes vom Standpunkte der Naturwissenschaft einzugehen, möchte ich nur allgemein bemerken, daß er immerhin jahrtausendelang der Menschheit genügte und diese, erst als sie hierzu reif geworden, ihren Kopernikus geboren habe. Seit dieser Zeit aber bildet der biblische Schöpfungsbericht ein Hemmnis der geistigen Entwicklung nur durch jene, die ihn wörtlich zum Dogma erhoben haben und heute noch als solches betrachten. Für das moderne, zeitgemäß entwickelte Judentum aber bildet die Verbalinspiration durchaus kein Dogma mehr. Bis auf den ja auch naturwissenschaftlich nicht gut anfechtbaren Grundgedanken, daß ein Gott, ein Gott, der jedem menschlichen Erfassen absolut entrückt ist, der Urheber des Universums ist, besitzt die biblische Schöpsungsdarstellung nur relrgionsgeschichtliches Interesse als Denkmal der Vorstellungen früherer Zeiten, als ein Denkmal allerdings, auf das das Judentum mit Recht stolz sein kann, einmal, weil es dem religiösen Denken und Enrpfinden eines großen Teiles der Kulturmenschheit fast bis in unsere Zeit hinein genügte, dann aber, weil es ein unentbehrlicher Vorläufer unserer heutigen geistigen Entwicklungshöhe war. Damit aber wären wir bereits dabei angelangt, zu zeigen, womit das Judentum fördernd in die Entwicklung der Menschheit eingegriffen hat. Stellen wir dies erst auf geistigem Gebiete fest. Wir stehen heute im Zeichen der Naturwissenschaft. Deren bisherige Forschungsresultate haben uns nicht nur einen überwältigenden Einblick in die Werkstätte der Natur ermöglicht, sondern sie haben uns, was von unberechenbarer Tragweite ist, die Einheit, die innere Einheit der Natur trotz aller äußeren Mannigfaltigkeit geoffenbart. Eine Einheit bildet die organische, die anorganische Natur, eine Einheit bildet die gesamte erkennbare Welt nach einem gemeinsamen Grundgesetz, den: der Entwicklung. Diese Erkenntnis aber ist selbstverständlichhvieder nur das Produkt einer vorausgegangenen, aus ungezählte Jahrtausende sich erstreckenden Entwicklung des menschlichen Geistes, in dessen Geschichte sich jeder weitere Fortschritt der Erkenntnis als eine Annäherung an den sogenannten Monismus — nicht Ladenburgffcher Hypothesensucht —, an die Lehre von der inneren Einheit der Natur darstellt. Als der entscheidendste Wendepunkt nach dieser Richtung wird aber wohl jene Periode der Geschichte zu betrachten sein, in der der Gedanke an eine Einheit in der Natur überhaupt zuerst auftauchte, d. h. feste Form annahm, an eine