Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- Seite 451 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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„Mein hochverehrter Meister! Vorerst erlauben Sie mir, Ihnen meine herzlichsten Wünsche für ein gesundes Jahr darzubringen und dann Ihnen sagen zu dürfen, das; mein Orchester in diesem Winter ordentlich Liszt studiert und aufführt. Wir haben dreimal die prelucles, das Ls-clur-Konzert, viermal die Faustsymphonie gemacht. . Die Teilnahme für die Lisztsymphonie ist eine ganz außerordentliche, und Sie würden unser gutes Berlin nicht wiedererkennen, wenn Sie es jetzt besuchen würden. Das führt mich ganz natürlich zu einer bescheidenen Anfrage, ob Sie, ehe Sie nach Pest gehen, nicht hierher kommen möchten und ein Liszt-Konzert leiten möchten? Ueberlegen Sie den Vorschlag, Ihre Anwesenheit würde uns allen Nutzen bringen. Es fehlt uns, andern Bestrebungen gegenüber, an einem Bannerträger, einer Autorität. Der Direktor der Reichshallen, Herr Schlegel, würde alles tun, wenn Liszt hier ein Konzert leitete. Ilm das Programm wäre ich nicht verlegen. Das 65 Mann starke Orchester ist gut. Der Saal ist prächtig, faßt 2000 Personen. Die Orgel hat 20 Register, ich selbst habe zwar keinen Chor mehr; ich denke aber, Herr' Eichberg, der die „heilige Elisabeth" aufgesührt hat, wird uns gern helfen. Herr Weitzmann wird meine Angaben gern bestätigen. Vielleicht geben Sie mir recht bald ein Wort und halten Sie sich, mein hochverehrter Meister, überzeugt, daß ich meine Mittel, meine Zeit mit wahrer Freudigkeit zu Ihrer Disposition stelle. Ueber das Materielle würde Herr Direktor Schlegel nach Ihrer Bestimmung mit Ihnen in Verbindung treten. Mit alter unerlöschlicher Anhänglichkeit Ihr Julius Stern." Zahlreich sind die brieflichen Berichte jener jüdischen Gesangsdirigenten, die die eine oder die andere kirchliche Komposition Liszts zur Aufführung brachten und ihrer Freude über den Erfolg der betreffenden Darbietungen Ausdruck geben. Nicht minder zahlreich sind die Briefe, worin jüdische Tonkünstler ihre Schüler und Schülerinnen dem Maestro empfehlen. Als typisch hebe ich nur das nachstehende kleine Brieschen von Julius Schulhofs, dem bedeutenden Salonkomponisten und Klavierspieler — geboren 2. August 1825 zu Prag, gestorben 15. März 1898 in Berlin — hervor, der am 21. März 1876 eine feiner Schülerinnen Liszt mit den Worten vorstellt: „Le plaisir le plus delicat est celui qu’on fait aux autres. Schon längst überzeugt, daß Sie mehr als jeder andere diesem Gedanken huldigen, erlaube ich mir, Ihnen meine talentvolle Schülerin Frau Anna Gehring und ihren Mann zu empfehlen, welche glücklich sein würden, sich Ihnen vorstellen zu dürfen. Hoffend, daß ich bald wieder Nachricht über Ihr jüngstes Schaffen erhalten werde, verbleibe ich in alter Ergebenheit Jul. Schulhofs." Natürlich stand der weltberühmte Klavierkönig auch mit anderen bedeutenden Persönlichkeiten jüdischen Stammes in persönlichem und brieflichem Verkehr. Doch würde es mich zu weit führen, wollte ich meine Mitteilungen auch nach dieser Seite hin erweitern; und so mag aus der Fülle der Briese seitens bildender Künstler noch eine Zuschrift, nämlich diejenige des Historienmalers Eduard Bendemann, des gefeierten Schöpfers der „trauernden Juden in Babylon" — geboren 3. Dezember 1811, gestorben 27. Dezember 1889 in Düsseldorf — hier ein Plätzchen finden: „Sehr geehrter Herr! Im Begriff von Rom abzureiseu, spreche ich Ihnen mein aufrichtiges Bedauern aus, daß es mir nicht mehr möglich war, Sie persönlich aufzusucheu. Zugleich bitte ich aber auch dies entschuldigen zu wollen, an der guten Absicht hat es nicht gefehlt, aber bis vor wenigen Tagen hielt mich eine starke Erkältung ab, die mir fast wiederum meine Stimme geraubt hätte, und zuletzt der Mangel an Zeit, den ich ja aber auch bei Ihnen in noch höherem Maße voraussetzen mußte. Ich sage Ihnen also hiermit Lebewohl, indem ich nicht unterlassen kann, die Hoffnung hinzuzufügen, daß vielleicht zu einer günstigeren Zeit auch mein Wunsch noch in Erfüllung gehen möchte, Ihr Bildnis zu zeichnen. Mit vollkommener Hochachtung Ihr ganz ergebenster Rom, 28. Juni 1867. E. Bendemann." Man sieht: es gibt ein „Judentum in der Musik" — aber in gutem Sinne, nicht in dem ä la Richards Wagner. Zu den ebenso begabten wie begeisterten Schülern Liszts, die in Amerika den Ruhm des Meisters verbreiteten und nicht müde wurden, jenseits des Ozeans den Genius des großen Tondichters hoch zu halten,, gehörte auch der am 14. April 1851 zu Newyork geborene und am 10. Mai 1887 in Davos verstorbene Max Pinn er. Dieser studierte von 1875—78 unter Liszt und nahm nach längeren Konzertreisen in Newyork seinen Wohnsitz, wo er als Pianist und Lehrer sehr geschätzt wurde. Man erkennt seine dankbare Gesinnung für den Klavierkönig, wenn man schon seine Zuschrift vom 7. Oktober 1878 liest, worin er dem Meister zu seinem Geburtstage gratuliert. In diesem Briefe heißt es: „Mögen der Welt noch viele, viele Jahre Ihres tatenreichen segenbringendeu Daseins gegönnt werden, — möge die Sympathie und Liebe Ihrer Freunde und Jünger Ihnen in ungetrübter Glut bis zum Ende bewahrt bleiben! — Je näher ich die Menschen und ihr Treiben kennen lernen, desto mehr fühle ich mich von der grenzenlosen Güte Ihres Wesens durchdrungen — so befestigt sich mehr und mehr mein Glaube an die Wahrheit und Erhabenheit Ihrer Tonschvpfungen!" Was die geschäftlichen Beziehungen Franz Liszts betrifft, so stand er jahrelang mit dem Bankier Simon Löwy, Inhaber des Kontors Biedermanns in Wien, einem großen Kunstfreund und Musikkenner, in näherem persönlichen und brieflichen Verkehr. Ueber die Beziehungen zwischen denselben orientiert uns ganz besonders ein in französischer Sprache abgefaßtes Schreiben Liszts an Löwy, in der Wiener Hofbibliothek befindlich, aus Weimar 5. August 1850; dasselbe hat speziell auch für die Wagnerfreunde einen hohen Wert, da es vor der Erstaufführung des „Lohengrin" geschrieben, über die Bedeutung dieser Oper sich in begeisterter Weise ausspricht. Ob' wohl Richard Wagner, dem übrigens jetzt noch das Malheur zukommt, zum Semiten gemacht zu werden, diese intimen Beziehungen seines Apostels Franz Liszt, aus denen dieser ja nie ein Hehl machte, gebilligt hat? Die Stellung des Judentums innrrhslv derLntwicklungsgelchlchtr der Menschheit. Vortrag, gehalten auf dem II. internationalen Kongreß für allgemeine Religionsgeschichte in Basel am 30. August 1904 von Landrabbiner Dr. Tänzer-Hohenems. Hochansehnliche Versammlung! n unserem naturwissenschaftlichen Zeitalter mit seiner Erkenntnis des einheitlichen Grundgesetzes der Entwicklung sieht sich, gleich so vielen anderen wissenschaftlichen Disziplinen, auch die religionsgeschichtliche Forschung vor erweiterte Ausgaben gestellt. Sie hat nunmehr nicht nur die Geschichte einer Religion, sondern mehr noch die Stellung dieser Religion in der Geschichte zu erforschen; sie hat nicht nur die Quellen,