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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-16 · Heft 38 (16.9.1904) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 38 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
Seite 450 (sequence 6)
Language
German
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&50 sondern auch für den liebenswürdigen, duldsamen und edlen Menschen schwärmten. Der große Künstler, der Zeit seines Lebens bereit war, seine Kunst in den Dienst der Wohltätigkeit zu stellen, veranstaltete zuweilen auch für-israelitische humanitäre Zwecke Wohltätigkeitskonzerte, beziehungsweise wirkte er in denselben mit. Den schlagendsten Beweis sür die- Sympathie und Liebe, deren er sich auch in israelitischen Kreisen erfreute, gibt der Briefwechsel Franz Liszts mit hervorragenden Männern des Judentums, den La Mara soeben nach den Handschriften herausgegeben hat. (Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf & Härtel, 1904.) Eine kurze Schilderung dieser freundschaftlichen Beziehungen des Klavierkönigs wird am besten die humane Gesinnung Liszts illustrieren. Beginnen wir zuerst mit den Dichtern und Dichterinnen: Berthold Auerbach, der berühmte Romanschriftsteller, schrieb in das Album Franz Liszts am 7. November 1857, nachdem er von den Zaubertönen des wunderbaren Pianisten wie elektrisiert war, den folgenden Denkspruch: „Die Musik ist im Reiche der Seelenbewegungen das, was im Reiche der Körperbewegung das Fliegen ist. Fliegen! Das läßt sich nicht mit gehen, fahren, reiten, schwimmen vergleichen. Es bewegt sich in seinem eigenen Elemente und hat seine Bedingungen in sich, die notwendig sind, sonst wären sie nicht da!" Salomon H. Mosenthal, der geistvolle Dichter der „Deborah", bestieg, nur den Genius der Musik zu ehren, den Pegasus und brachte auf seinen intimen Freund am 28. Januar 1856, nachdem dieser die Festaufführung der Mozart-Zentenarfeier in Wien dirigiert hatte, den nachstehenden versifizierten Trinkspruch aus: Hoch lebe Liszt! es tönt das Wort Zu jederzeit, an jedem Ort; Wo je sein Name klang, sein Ton, Da klang auch dieser Segen schon. Doch, wie ihn auch der Ruhm erhöht, Gekrönt mit ewig grünen Kränzen, Durch eins muß ich den Preis ergänzen: Hoch lebe Liszt! Hoch der Poet, Der nie berührt die keusche Leier, Dem nie ein Ton der Laute klang, Wenn nicht der Muse heiliges Feuer Durch seine tiefste Seele drang; Der nie die Hand zur Tafte führte, Wenn nicht der Kuß der Poesie Die Lippe weihend ihm berührte Und seinen Fingern Schwingen lieh. Daher das ahnungsvolle Lauschen, Wenn Liszt zu uns in Tönen sprach; Wir hörten einen Flügel rauschen: Es war der Dichtkunst Flügelschlag. Fanny Lewald-Stahr unterließ es nicht, das fünfzigjährige Künstlerjübilüum des Meisters auch ihrerseits durch eine Gratillation zu verherrlichen, und dieselbe ist interessant genug, um hier dem Wortlaute nach mitgeteilt zu werden; sie lautet: Berlin, 6. November 1873. „Teurer Freund und hochverehrter Meister! Während Sie jetzt Ihr Jubelfest als Künstler glorreich erleben, habe ich in diesem Herbst in stillem Gemüt lebhaft den Tag mir wachgerufen, an welchem ich im Jahre 1848 in Weimar Sie, und bald darnach den jetzigen Großherzog kennen lernen — und ich habe die Stunde recht gesegnet. Wir haben viel erlebt seitdem — viel erlebt und große Umgestaltungen im öffentlichen Leben sich vollziehen sehen — aber das herzlich teilnehmende Zusammenhalten ist-zwischen Ihnen und Stahr und mir — die wir ja eigentlich nur ein Mensch sind — das immer gleiche geblieben, und ich meine, in der Achtung vor dem Streben und Leisten sind wir mit einander, für einander gewachsen. Lassen Sie mich hoffen, lieber Freund! Für mich, für Sie und uns alle, daß Stahrs trübe Voraussicht sich nicht erfüllen wird, daß wir, obschon er augenblicklich recht angegriffen ist, auch sein Jubiläum erleben, und daß Sie uns dann nicht fehlen werden, rüstig wie der Himmel Sie erhalten, ihm die gute Hand zu drücken. Und so gehe es Ihnen wohl! und lassen Sie es mich immer aussprechen, daß — wie hoch ich den unvergleichlichen Künstler in Ihnen auch bewundere, der Mensch Liszt mir noch lieber ist, und stets größer erschienen als selbst jeder. Alles Glück mit Ihnen — und beten Sie, daß auch mir das meine, wie ich zuversichtlich hoffe, noch erhalten bleibe! Von Herzen Ihre Fanny Lewald-Stahr." Zu den Tonkünstlern übergehend, treten uns hier einige Charakterköpfe entgegen, die in der Anerkennung und Verehrung Liszts übereinstimmen. Da ist z. B. Ioseph Des s a ue r, der erfolgreiche Liederkomponist —• geboren 28. Mai 1798 zu Prag, gestorben 6. Juli 1876 in Mödling bei Wien —, der gleichfalls unter den Gratulanten zum fünfzigjährigen Jubiläum des Maestro zu finden. Aus Ischl den 6. November 1773 schreibt er dem lieben alten Freund: „Obgleich dieses Blättchen in dem großen Sturm, der Dir Lorbeerkränze und Blumen von allen Seiten zutragen wird, spurlos vergehen dürfte, so drängt es.mich doch, es Dir zu senden. Genieße die Freuden Deiner irdischen Verklärung im vollen Maße, und möge die himmlische noch lange fern bleiben. Mehr und besser zu schreiben vermag ich nicht, denn ich bin so gut wie blind." Der bekannte Beethoven-Spieler und Musikkritiker Heinrich Ehrlich — geboren 5. Oktober 1822 in Wien, gestorben 30. Dezenrber 1899 zu Berlin — fragt bei dem verehrten Meister am 12. April 1876 an, ob er ihn demnächst in Weimar besuchen darf. „Zwölf Jahre sind vergangen," so schreibt er ihm unter anderem, „seit ich Ihnen das letztemal geschrieben habe, vieles hat sich geändert, nur eines ist unverändert in mir geblieben: die unvergleichliche Bewunderung alles Großen und Edelsinnigen, die Abneigung gegen alles Pusillanime, gleichviel in welcher Gestalt das eine und das andere erschien. Ich habe auch in allem, was ich über Liszt seither geschrieben, den Beweis geliefert, daß persönliche Zwischenfälle keinen Einfluß üben können auf mein künstlerisches Gefühl. „Ich gedenke im Laufe des Frühjahrs Weimar zu besuchen; würde Liszt mich freundlich empfangen, wenn ich ihm meine Huldigung darbringen wollte? Lassen Sie, verehrter Meister, mich hoffen, daß meine Frage eine geneigte Aufnahme finden wird, und daß Sie mich mit einer Zeile beehren werden; und glauben Sie, daß eine freundliche Zuschrift von Ihnen Wochen zu Feiertagen verwandeln wird. Ihr in aufrichtiger Verehrung ergebenster H. Ehrlich." Der 1853 in Wien geborene Komponist Adalbert von Goldschmidt widmete sein Oratorium: Die „Sieben Todsünden" dem Maestro, und Goldschmidt dankte ihm für die Annahme der Dedikation mit begeisterten Worten. In regem Briefwechsel stand Liszt auch mit dem bekannten Musiker Julius Stern — geboren 8. August 1820 in Breslau, gestorben 27/ Februar 1883 in Berlin — dem Begründer des rühmlich bekannten Sternffchen Gesangvereins und des nach ihm benannten Konservatoriums. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dirigierte er auch die Konzerte in den Berliner Reichshallen. Mag hier nur sein aus Berlin vom 1. Januar 1875 an Liszt gerichteter Brief, der sür die damaligen tonkünstlerischen Bestrebungen in der Reichshauptstadt von Wert ist, abgedruckt werden.

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