Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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■ 448 - doch durch ihn über eine gewiß sehr wichtige Angelegenheit des Judentums belehrt zu werden, der Eingeweihte aber, oder sagen wir, der Wissende, überschlägt mit einem eigentümlichen Lächeln solche Zeitungsartikel, als wollte er mit unseren Wienern sagen: „Eh' schon wissen", d. h. in unser gutes Deutsch übertragen: Mich täuschest Du nicht mit Deiner Weisheit, gescheidter Artikelschreiber, denn Deine Weisheit ist eigentlich eine wüste Schimpfereirede, die sich auf folgende Punkte erstreckt: Erstens ist dem Artikelschreiber — es ist meist einer unserer überzärtlichen Väter, deren Söhnchen schon wieder mit dem Religionslehrer nicht zufrieden sind — der besagte Religionslehrer nicht recht, er gefällt ihm nicht. Zweitens ist ihm der Lehrplan nicht recht, mit allem, was drum und dran hängt, z. B. Lehrbücher und Vortragsweise. „Es wird zuviel verlangt" eine stereotype Redensart, die in allen diesen Artikeln in tausendfältiger Form widerhallt. Drittens ist ihm das ganze Judentum nicht recht, das noch immer meist aus dem alten Hebräisch aufgebaut ist, und indem man die Kenntnis dieser Sprache von den zärtlich geliebten Söhnchen verlangt, überbürdet man sie. Und diese drei Prämissen angenommen, folgt aus ihnen die Konklusion: ergo dürfe man sich nicht wundern, daß die Jungen vom Judentums abfallen, denn sie können nicht leisten, was der jüdische Religionsunterricht von ihnen verlangt, sie erhalten schlechte Noten, das ärgert sie, denn ihre andersgläubigen Mitschüler haben eine bessere Zensur, und so sehe jeder deutlich, wie die jüdische Religion ihren „Bekennern" nur Unannehmlichkeiten bereite; wundert Euch deshalb nicht, Ihr Lehrer in Israel, wenn die Jugend schleunigst von ihr abfüllt und das Judentum in hellen Haufen verläßt. Dies alles klingt scheinbar so einleuchtend, daß sich der Unmut gegen die leidigen Religionslehrer, manche von ihnen führen sogar den Titel Professoren, richtet. Steiniget sie, denn ihrer ist die Schuld, wenn so zahlreiche Jünglinge der angestammten Religion den Rücken kehren. Daß natürlich die Prämissen und deshalb auch die aus ihnen gezogenen Konklusionen ganz falsch sind, wollen die überzärtlichen Eltern und mit ihnen alle jene, die so gerne dem Religionslehrer eins am' Zeuge flicken, nicht einsehen. Man wird diese Herrschaften kaum eines besseren belehren. Der Abfall bei unseren jungen Leuten nimmt in der Tat schreckliche Dimensionen an, aber die Schuld daran dem Religionsunterrichte oder den Lehrern der Religion zuzuschreiben, zeugt doch von gänzlicher Verkennung der Tatsachen, von Vorurteilen, ja von Gehässigkeit'. Gar manchen ist ihr Judentum zum Aerger. Daß ihre Kinder von den andersgläubigen Mitschülern oft gekränkt, beleidigt, ja aus ihrer Mitte ausgeschlossen worden, geben wir gerne zu. Im Unmute darüber schlägt man los, und trifft — den Religionslehrer, aber das Judentum meint man. Kommt dazu noch, daß der Religionslehrer, der es wirklich ernst mit seinem Gegenstände nimmt, in etwas strengerer Weise von seinen Zöglingen pünktliche Erfüllung ihrer Pflichten fordert, dann ist man schnell fertig mit dem Worte: Unsere Religionslehrer taugen nichts, denn sie treiben die Jungen aus dem Judentum. Solange es Krankheiten und Tod gibt, mußten sie immer ihre Ursachen, haben. Ein anderes Schlägwort — und unsere Zeit arbeitet ja mit solchen Schlagworten sehr gerne — wird mit Vorliebe in den Kreisen unserer „Rechtgläubigen" gegen den Religionsunterricht, besonders an den Mittelschulen, ausgespielt. Es ist das von dem Widerspruche zwischen Lehre und Leben. Namentlich in unserer Reichshauptstadt ist es jetzt sehr im Schwange. Wenn Sie glauben, daß Wien nur seine Lueger und Schneider hat, irren Sie. Lueger und Schneider brachten in der Wiener Judengemeinde eine sogenannte Orthodoxie hervor, gegen die sich die ungarischen und polnischen Ghettis fast wie Lichtstätten ausnehmen. Und mit dieser Orthodoxie, eines Rabbi Fürst und Rabbi Maiersohn gehen sie alle — von den Herren des Vorstandes oben, die sich in der Praxis natürlich das „Nichtkoschere" sehr gut schmecken lassen, bis zu den kleinen, ach so gerne großen Rabbinerchen an den vielen neuerstandenen kleinen Synagogen Groß-Wiens Hand in Hand.. Finsterste Orthodoxie ist jetzt Trumps in Wien; die Schiffschul und ihr „Fürst" haben gesprochen und die „cau5a“ des Judentums ist erledigt. Man zweifelt schier an dem Fortschritt der Menschheit, wenn man die Juden der Schiffgasse, die ganze ungarische und polnische Gesellschaft betrachtet. Natürlich ist diesen Leuten jeder Religionslehrer, der an einer Mittelschule, beseelt vom Geiste der Wissenschaft, die Lehren unseres Judentums vorträgt, ein Greuel. Dieser Religionslehrer trägt keine „Peies", erlaubt sich gewisse freiere Anschauungen über das Zeremonialgesetz zu haben, als z. B., es sei kein todeswürdiges Verbrechen, wenn man in einem nichtjüdischen Gasthause gekochte Eier ißt, und deshalb sind diese Religionslehrer Jugendverderber, sie treiben die Jugend aus dem Judentums; denn wer Religion unterrichtet, der muß es im Kaftan tun, und muß sich beim Gebete ganz in den Tallis hüllen, darf ihn nicht sein zugelegt, wie einen Kragenschoner tragen, auch müssen die Battim an seinen Tephillin die entsprechende Dimension besitzen; kurzum, so verkündet das alleinseligmachende Judentum Magyariens und Polens: der ganze Religionsunterricht ist nichts wert, denn „Apikorsim" erteilen ihn, diese verkünden die Heilighaltung des Sabbats und tragen an diesem heiligen Tage ein Taschentuch bei sich, ja manche von ihnen vergessen regelmäßig „Habdalah zu machen." Wir wundern uns wahrlich nicht, wenn es mit dem Religionsunterricht, insbesondere in der größten Gemeinde unseres Vaterlandes, schlecht bestellt ist. Die Lehrer schwanken wirklich, um das berühmte Bild des Propheten Eliahu zu gebrauchen, auf beiden Beinen. Den Eltern lehren sie zu viel und zu strenge, jenen Dunkelmännern aber sind sie Epikuräer und Sadduzäer. Wer aber hat den Schaden davon? Jetzt kommen wir auf den Punkt, der uns zu sehr ernsten Betrachtungen veranlaßt. Am meisten geschädigt wird das Judentum, dem allerdings unsere Jugend in bedenklicher Weise den Rücken kehrt. Das Herabsetzen der Autorität des Lehrers hat immer auf das schädlichste im Unterricht gewirkt, und insonderheit ist dies beim Religionsunterrichte der Fall. Solche von Laien geschriebene Artikel können nur schädigend auf den Religionsunterricht wirken. Jeder Lehrer wird dankbar sein für Anregungen und Belehrungen, ja selbst Ermahnungen, unfehlbar ist niemand. Wenn aber irgend ein Gevatter Schneider oder Handschuhmacher sich hinsetzt und einem Redakteur, dem es an Manuskript fehlt für sein Blatt, — denn man kann ja nicht immer auf die Antisemiten schimpfen — einen Brief oder Artikel schreibt etwa über die Notwendigkeit der Einführung jüdischer Gymnasien, an denen das verbessert werden soll, was jetzt von den jüdischen Religionslehrern gefrevelt wird, dann ahnt dieser „weise Daniel" nicht, wie sehr er der Sache Schaden zufügt, die er angeblich bessern möchte. Und wenn die Herren aus der „Schiffgasse" mit ihrem ganzen Gefolge vermeinen, mit ihren Mätzchen der heutigen Jugend imponieren zu können, wie sehr irren sie, wie wenig kennen sie unsere heutigen Verhältnisse! Diese Jugend lacht ihrer, und wird nur durch ihr ganzes Tun in der Absicht bestärkt, dem Judentum den Rücken zu kehren. Das mag traurig sein.