Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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68. Jahrgang. No. 37/ Berlin, 9. (September 1904. Der Gemeindevote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung üeS Judentums" Sorrklpondrn?m und Kschrichten. Deutschland. 22 Berlin, 5. September. Der Vorstand der, jüdischen Gemeinde hat an sämtliche Mitglieder derselben den nachfolgenden beherzigenswerten Aufruf verschickt: Im Herbst dieses Jahres finden die Ergänzungswahlen für die Repräsentanten-Versammlung unserer Gemeinde statt. Da turnusmäßig dieses Mal die. Mehrheit der Repräsentanten ausscheidet, so wird das Ergebnis der Wahl einen entscheidenden Einfluß auf die Richtung ausüben, in welcher sich voraussichtlich während der nächsten sechs Jahre die Verwaltung der Gemeinde bewegen wird. Seit dem Jahre 1865, in welchem 75 Prozent aller Wähler ihre Stimme abgaben, schwankte die Wahlbeteiligung zwischen 25 und 42 Prozent. Für den Gemeindevorstand nicht minder als für die Repräsentanten-Versammlung ist es jedoch notwendig, über die Gesamtgemeinde unterrichtet zu sein. Hierzu geben die Wahlen allein Gelegenheit. Darum legen wir es hierdurch jedem Gemeindemitglied'e dringend ans Herz, sein Wahlrecht als eine Wahlpflicht zu betrachten und sich bei den bevorstehenden Ergänzungswahlen durch Abgabe seiner Stimme zu beteiligen. Um eine möglichst umfassende Wahlbeteiligung herbeizuführen, sehen wir uns veranlaßt, hierdurch allen Gemeindemitgliedern die Bestimmungen über das Wahlrecht zur Repräsentanten-Versammlung zur Kenntnis zu bringen. Das Recht zur Teilnahme an den Wahlen der Repräsentanten steht sämtlichen männlichen, volljährigen und unbescholtenen Mitgliedern zu, welche sich selbständig ernähren und während der letzten drei Etatsjahre mit der Entrichtung der Gemeindebeiträge nicht im Rückstände geblieben sind. Die hiernach ausgestellte Wählerliste liegt zurzeit, und zwar bis zum 15. September d. I. täglich — mit Ausnahme der Sonnabende und der jüdischen Festtage — von 10 bis 1 Uhr in der Gemeinde-Registratur, Oranienburgerstraße 2911, zur Einsicht aus. Während dieser Zeit kann jedes Gemeindemitglied gegen die Richtigkeit der Wählerliste Einwendungen bei uns erheben. Während ' dieser Zeit ist auch denjenigen Gemeindemitgliedern, welche infolge von Rückständen aus der Wählerliste gestrichen sind, Gelegenheit gegeben, nach Berichtigung der Rückstände ihre Wiederaufnahme zu beantragen. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde: Julius Jacoby, Justizrat Dr. Edmund Lachmann, Martin Simon, Kommerzienrat Heinrich Eisner, Carl Leopold Netter, Selmar Solmitz, Sanitätsrat Dr. Julius Stern. Landgerichtsrat Eugen Löwe, Landgerichtsrat Carl Pleßner, Julius Oliven. ■A? Berlin, 4. September. Noch einen zweiten schweren Verlust haben Judentum und Wissenschaft vor Ausgang des alten religiösen Jahres zu beklagen: Am 3. d. M. ist hier der Geheime Medizinalrat Professor Dr. Heinrich Köbner im 66. Jahre seines arbeitsreichen Lebens gestorben. In ihm verliert sein Sonderfach, die Lehre von den Hautkrankheiten, einen seiner hervorragendsten Vertreter in der Gegenwart, Köbner hat seine Disziplin um eine Fülle neuer Erkenntnisse bereichert, er hat neue Methoden angegeben; vor allem aber hat er durch die Verbindung allgemein-pathologischer und patholo-. gischer Forschungsreisen mit streng klinischer Beobachtung an vielen Stellen der Lehre von den Hautkrankheiten in der Systematik Wandel geschaffen. Seine Fachgenossen hat er sich aber noch dadurch ganz besonders verpflichtet, daß er es als Erster durchsetzte, daß an einer preußischen Universität der Lehre von den Hautkrankheiten eine selbständige Stellung gegeben wurde. 1838 zu Breslau geboren,, machte Köbner seine medizinischen Studien an der Universität seiner Vaterstadt und in Berlin. Die übliche Studienreise führte Köbner nach Wien und Paris. Unter dem Einflüsse Hebras gewann Köbner ein hervorstechendes Interesse für die Lehre von den Hautleid.en. 1869 erwirkte er seine Zulassung als Privatdozent für Hautkrankheiten bei der Uniersität Breslau. 1872 wurde ihm mit einer außerordentlichen Professur ein Lehrauftrag für Hautkrankheiten übertragen; und einige Jahre darauf wurde die Errichtung einer selbständigen Universitätsklinik für Hautkrankheiten beschlossen. Die Klinik, deren Leitung Köbner übertragen wurde, wurde 1876 eröffnet. Ein ungünstiges Geschick fügte es, daß Köbner nur kurze Zeit an der Spitze seiner Schöpfung wirken sollte. Köbner erkrankte, legte sein Lehramt nieder und suchte Heilung während eines längeren Aufenthaltes im Süden. Er kehrte genesen heim und schuf sich in Berlin einen neuen Wirkungskreis. Die Lehrtätigkeit nahm er in der Form auf, daß er in einer 1884 hier begründeten Poliklinik eine Reihe von Jahren hindurch Kurse für Aerzte hielt. Mit nicht rastendem Fleiße führte Köbner nach -seiner Uebersiedelung nach Berlin seine Studien fort; in ihrem Interesse machte er wiederholt ausgedehnte Reisen. Er war bis in die letzte Zeit tätig. Die Frucht dieser Arbeit ist eine längere Reihe von Veröffentlichungen, die sich auf ' ganz verschiedene Hauptstücke der Lehre von den Hautkrankheiten beziehen. Köbner hat sich in seiner Wissenschaft eine dauernde Erinnerung gesichert. Aber auch das Judentum wird seiner stets in Ehren gedenken. Köbner war ein eifriger Jude und hat durch Wort und Tat gezeigt, wie er über den Abfall vom Väterglauben dachte. Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ohne mit Entschiedenheit für das Judentum einzutreten, das er kannte und liebte. Ehre seinem Andenken! L2 Berlin, 5. September. Heute mittag wurde die sterbliche Hülle des Justizrats Dr. Hermann Staub auf dem Friedhose der jüdischen Gemeinde in Weißensee zur letzten Ruhe bestattet. Außerordentlich groß und herzlich war die Teilnahme, die von Freunden und Berufsgenossen des zu früh dahin geschiedenen Juristen, an den Tag gelegt wurde. Die große Leichenhalle des Friedhofes war bis auf den letzten Platz gefüllt mit einer Trauerversammlung, der man wohl ansah, wie herzlich sie den Verlust des,Mannes.beklagte, an dessen Bahre sie stand. Die Mitglieder der Anwaltskammer, deren Vorstandsmitglied der Verstorbene gewesen, waren fast vollzählig erschienen,, alle Richterkollegien waren durch Abordnungen vertreten, ferner das Justizministerium durch den Unterstaatssekretär Küntzel, die verschiedenen Gesellschaften, denen der Verblichene angehört hatte, hatten Abordnungen entsandt. An der Spitze der Leidtragenden betrat die trauernde Witwe mit den Kindern und den Familienangehörigen des Entschlafenen die Leichenhalle. Nachdem die Sänger der alten Synagoge unter Leitung ihres Kapellmeisters Bloch den Choral „Es ist bestimmt in Gottes Rat" gesungen, ergriff zunächst der Rabbiner Dr. Weisse das Wort und schilderte die edle Eigenart der Persönlichkeit des Verewigten, seine arbeitsfrohe Natur, seinen weitblickenden Scharfsinn, die Liebe zu seinen Nächsten, die einen Grundzug seines Charakters bildete und die Treue, die er den Seinen und seinem Volke bis zum letzten Augenblick gewahrt. Worte des Trostes ries der Redner den trauernden Familienangehörigen zu. Ungemein warm empfundene Worte rief Rabbiner Dr. Rosenthal aus Breslau, ein Lehrer des Verewigten, dem einstigen Schüler nach, der sich zu einer großen Persönlichkeit entwickelt hatte, in der in einem Maße, wie man es nur selten findet, Eigenschaften des Geistes und des Herzens, Frohnatur und Ernst, große Gelehrsamkeit und scharfes Denkvermögen zu einem vornehmen Charakter vereint gewesen seien, dessen Großzügigkeit alle bewunderten, denen es vergönnt war, ihm - näher zu treten. In kurzen Worten schilderte der Redner den Lebenslauf Staubs, dessen Jugend ihm manches Schwere gebracht, so daß er gezwungen war, sich aus eigener Kraft zu entwickeln, was er mit zäher Energie getan. Im Namen des Vorstandes der Anwaltkammer rief Justizrat Max Jacobsohn dem entschlafenen Kollegen Worte des Abschieds nach, wobei er besonders betonte, daß Staub, wenn nicht an. Jahren, so doch an Erfolgen das biblische Alter erreicht habe und der Stolz der Advokatur war. Tief ergriffen sprach Justizrat Lemberg vom Kammergericht im Namen aller zahlreichen persönlichen Freunde des Entschlafenen, wobei er noch besonders hervorhob, wie anregend die schriftstellerische Tätigkeit Staubs auf seine Kollegen gewirkt hat. Im Namen der Großloge des Ordens B'nei B'rith, um