Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- Seite 443 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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. 443 Uns der guten alten Leit. Historische Erzählung von Edmund Gregory. V. ls Joseph am nächsten Tage bei Herrn Tanger in das Zimmer trat, fand er diesen in tiefen Gedanken auf- und abgehend, und auf einen Wink desselben ließ er sich auf einen Stuhl nieder. „Mein wackerer Joseph!" begann.Herr Tanger wehmütig, „Du schlägst es ans, von mir eine Unterstützung anzunehmen; ich fühle mich sehr schmerzlich berührt, annehmen zu müssen, daß Du grollend von mir scheidest." „Ich habe bei weitem kein Recht, Ihnen zu grollen, Herr Tanger! Sie waren mir stets ein wohltätiger Schutzengel, Sie haben mich geleitet und mich so viel Nützliches gelehrt; ich fühle nur Liebe und Dank für Sie." „Bewahre mir diese Gefühle, Joseph! sie können mir dereinst zugute kommen. Auch wird ganz gewiß eine Zeit kommen, welche Dir die Ueberzeugung aufdrängen wird, daß meine gestrige Strenge von einer eisernen Notwendigkeit geboten ward." Joseph sah ihn befremdet, an ohne etwas zu sagen, und Herr Tanger fuhr nach einer Pause fort: „Ich werde Dir ein versiegeltes Paket übergeben, das wichtige Enthüllungen in bezug aus Dich enthält, sowie Aufschlüsse über manches, was Dir etwa in meinem Benehmen aufgefallen fein dürfte. Ich sage Dir: es dürfte nichts in der Welt geben, was für Dich wichtiger wäre, als das,.was dieses Paket in sich schließt.' Indem ich es Dir aber einhändige, knüpfe ich einige Bedingnisse daran. Ich verlange vors erste, daß Du ohnemeine Einwilligung niemals in diese Gegend zurückkehrst; dann verlange ich von Dir die Zusage, mir zeitweilig Berichte über Dein Befinden und über Deinen jeweiligen Aufenthaltsort zukommen zu lassen; endlich verlange ich von Dir das Versprechen, dieses Paket weder früher noch später als am sechsten März kommenden Jahres zu entsiegeln, und Dich mit seinem Inhalt vertraut zu machen. Schau, Joseph! ich verlange keinen Eid von Dir, wiewohl mir alle drei Punkte und ihre Haltung von Deiner Seite sehr am Herzen liegen; Dein einfaches Versprechen wird mir genügen, denn ich kenne Deinen biedern Sinn, und weiß, daß Dein gegebenes Wort Dir unverbrüchlich ist. Versprichst Du mir?" „Ich-werde Ihre Wünsche als Befehle betrachten, denen ich nie meinen kindlichen Gehorsam versagte." „Wohl! Nun habe ich aber auch eine Bitte an Dich. Hier sind zehn Silberstücke, die ich Dir nicht als Geschenk, sondern als wohlverdiente Belohnung für Deine mehrjährige Dienstleistungen in meiner Wirtschaft anbiete; nimm sie, damit sie Dich schützen, damit Du nicht gleich dem ersten besten Brotherrn Dich hingeben müssest." Joseph nahm das angebotene Geld und das versiegelte Paket aus der Hand seines Gönners, von dem er sich nun herzlich verabschiedete. Herr Tanger umarmte ihn und entließ ihn mit sichtbarer Rührüng. Es war gegen neun Uhr, als Joseph und Klara bei schwachem Mondschein dem Drauuser zuschritten- Hier nahm sie ein Kahn auf und brachte sie an das jenseitige Ufer, wo ein Wagen bereit stand, der sie nach Feistritz brachte und im „Grauen Bock" absteigen ließ. Klaras Mutter hatte seit zwei Tagen mit fieberhafter Spannung der Ankunft der geliebten Tochter entgegengeharrt. Tränen, Umarmungen, Küsse, Fragen und Antworten wechselten und mischten sich nun bunt durcheinander; und wiewohl die Anwesenheit Josephs die gute Frau im Anfänge etwas mißtrauisch machte, ließ sie sich durch Klaras Beteirerungen beruhigen. Joseph übernahm es auch, durch Herbeischaffung von Wagen und Pferden für die Weiterreise nach Görz Sorge zu tragen; bei allen Bemühungen jedoch gelang es ihm nur für den nächsten Morgen, so daß sie ihre Ungeduld bezähmen und sich entschließen mußten, den ganzen Tag und noch die nächste Nacht in Feistritz zu bleiben. Klara nahm mit ihrer Mutter eine Kammer ein, die ihnen der Wirt einräumte, und für Joseph wurde am Abend nach Entfernung der Trinkgäfte in der Schenkstube ein Strohlager bereitet. Der Wächter in der Straße hatte eben laut verkündet, es habe der Hammer elf geschlagen, und noch faßen bei einem Kerzenlichte Mutter und Tochter Hand in Hand verschlungen Nebeneinander, und im süßen Zauber gegenseitiger Mitteilungen das Bedürfnis des Schlafes nicht beachtend- Selbst ein plötzlich entstandenes Gepolter am Tore des Hauses erregte kaum ihre Aufmerksamkeit. Wer vermöchte aber die Empfindung zu schildern, die, einem betäubenden Blitzstrahle ähnlich, die beiden Frauen ergriff, als sich auf einmal die Tür öffnete und — Märtens eintrat. Kaum eine Stunde, nachdem seine Pflegekinder sein Haus verlassen hatten, war Märtens von seiner Reise zurückgekehrt. Klara wurde sogleich vermißt, und augenblickliche Nachforschungen brachten ohne Mühe auf die richtige Fährte. Der Schiffer; der die Flüchtlinge übersetzte, wußte, daß dieselben von einem jenseits harrenden Wagen ausgenommen wurden, der bestimmt war, sie nach Feistritz zu bringen. Märtens setzte ihnen nach, und war selbst nicht wenig überrascht,^ bei seinem Eintrit in der Kammer, anstatt Josephs die ihm wohlbekannte Tirolerin neben Klara zu finden. Die beiden Frauen aber waren von einem erstarrenden Entsetzen ergriffen. Trotz seines festen Entschlusses, unerbittlich streng zu verfahren, wurde der wackere Märtens doch bei dem Anblick des geliebten Mädchens', das totenblaß, wie eine zerknirschte Sünderin vor ihm saß, so tief gerührt, daß man von seinem gutmütigen Gesichte leicht hätte die Worte lesen können: „Erschrick nicht, Klara! komm nur zurück, denn wir haben Dich so lieb!" Wie denn aber selbst bei dem biedersten Charakter die Worte doch nicht immer vollkommen mit den Empfindungen und dem Gesichtsausdruck übereinstimmen, rief er bloß wehmütig: ' „Klara! haben wir, ich und Ursula, das an Dir verdient?" Ohne Absicht aber lagen in diesen einfachen Worten für Klara die eindringendsten Stacheln verdienter Vorwürfe und bittere Höllenqualen. Sie stürzte zu den Füßen des verehrten Ziehvaters, ergriff seine Hand, benetzte sie mit heißen Zähren und schluchzte: „Verzeihung, Vater! Verzeihung!" Klaras Mutter hatte sich inzwischen von dem ersten Eindruck des Schreckens losgewunden; sie erkannte die Wichtigkeit des Moments und faßte ihren Entschluß. Sie trat vor Märtens, reichte ihm freundlich die Rechte und fragte: „Kennt Ihr mich, Vater Märtens?" " Mit einigem Befremden erwiderte er: „Ihr seid wohl die Witmer, die Hausiererfrau?" „Ich merke," versetzte sie, „daß Ihr mich nicht kennt, daher muß ich schon Eurem Gedächtnis ein wenig nachhelfen. Erinnert Ihr Euch noch des alten Phöbes?" „Phöbes? Weder ich noch meine Ursula haben jemals des ehrlichen Mannes vergessen." „Wenn das ist, Vater Märtens, so bitte ich Euch, Eure Achtung und Eure Freundschaft für den im Grabe ruhenden