Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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--&42 in diese so weise und herrlich ausgestattete Welt gesetzt habenaus daß er sie fliehe? Sollte Gott wirklich in den Menschen den Trieb zur Freude und zum Genüsse, gelegt haben, auf dyß er ihn abtöte? Und lauert den wirklich hinter jeder Freude und jedem Genüsse die Sünde und die Reue? Gibt es nicht auch reine, edle, durch Schuld nicht erworbene und befleckte Freuden und Genüsse? O, das Leben hienieden kann doch so wertlos und zwecklos nicht sein, wie Deine Lehre von der Weltflucht und Lebensverachtung es schilt." In gedrückter Stimmung verließen die beiden Freunde des Einsiedlers Hütte. Wortlos schritten sie stundenlang zurück durch den unwegsamen Wald, jeder in sein eigenes Sinnen versunken. Schon lagerten brauend und brütend die feuchten Abendnebel ringsumher, nur an einzelnen losen Stellen von fahl flimmerndem Lichtschein unterbrochen, der ihnen die Nähe der Stadt kündete. j Da brach der Begleiter des Prinzen das Schweigen. „Es schmerzt und beschämt mich, o Prmz, daß zweimal mein Rat Dir nicht gefrommt und kaum getraue ich mir, den beiden vergeblichen einen dritten hinzuzufügen. Doch höre und entscheide. Dort am Saum der Stadt im Gewirre dunkler, enger; von Dir gewiß noch nie betretener Gassen, dort wohnt eine Mensch entlasse, gehaßt und gemieden von allen anderen, scher; und verschüchtert durch jahrhundertelanges hartes Geschick, aber im Besitze uralter,- von den Ahnen ererbter Weisheit, und in ihrer Mitte ein Mann, den sie als ihren Lehrer und Meister verehren. Dorthin, ins Ghetto, laß uns gehen und Antwort heischen von 'ihm, dem jüdischen Weisen!" Lange hemmte zweifelnd und zögernd der Prinz seinen Schritt. Endlich sprach er entschlossen: „Wohlan denn, es sei der letzte Versuch!" .,6 Und unerkannt trat er vor ihn hin und redete ihn an: „Ich habe vernommen, daß Du als Weiser gepriesen wirst von den Deinen. Nun, so laß Deine Weisheit mich erproben. Erschließe mir den Inhalt dieser Schale und tu mir kund, was die beiden anderen Weisen, die ich befragt, nicht wußten oder nicht wollten." 3 „Die Weisheit," hob dieser an, „die man mir nachrühmt, ist nicht mein Werk, nicht mein Verdienst. Aus den alten Schriften, die meinem Volke heilig sind, die mein Volk liebt und verehrt mit heißer grenzenloser Liebe und Verehrung, aus ihnen habe ich Weisheit und Wahrheit zu schöpfen versucht. Sie allein können mich lehren, Deinen Wunsch zu erfüllen." Und nach einem leisen Druck der Finger sprang auf der verborgene Verschluß der Schale und es lag darin — ein Saatkorn, ein winzig kleines Saatkorn. „Wie," rief der Prinz enttäuscht aus, „ist das alles, was die Schale so geheimnisvoll barg?! Dieses Saatkorn soll des Lebens Zweck sein?!" Aber ernst mahnend erwiderte ihm der Weise: „O Jüngling, verachte mir das Saatkorn nicht! Es ist das größte Wunderwerk der göttlichen Schöpfung, das Geheimnis aller Geheimnisse. Kenntest Du unseres Volkes heilige Sprache und heilige Schriften, Du wüßtest, daß serah Jisroel „Saatkorn Israel" sein tiefsinniger Name ist. Oder begreifst Du es, begreift es irgend ein Mensch, wie dieses Saatkorn in den Schoß der Erde gelegt, durch die Scholle sich hindurch arbeitend über dem Boden erscheint und die Sonnenstrahlen aus dem Weltenraum und den Nährstoff aus der Luft und das Wasser aus dem Erdreich einsaugt und sich dienstbar macht und in sich verwandelt und formt zu neuen Gebilden, zu neuen Organen und immer wächst zur herrlichen Pflanze, zum breitverzweigten Baume! Und ist es nicht noch ein Anderes, Größeres, als sein geheimnisvolles Wachsen, was Du am Saatkorn bewundern mußt: Denn das Saatkorn, das die Pflanze aus sich gebiert, ist der größte Wohltäter der irdischen Schöpfung. Ohne das Saatkorn wäre die Erde wüst und leer, wäre kein Leben, kein Tier- und Menschenleben möglich. Die Sonnenstrahlen, die Urquelle alles Lebens und aller Kraft auf Erden, die dem Saatkorn entsprossene Pflanze ist es, die in rastloser Arbeit diese Sonnenstrahlen sammelt und aufzeichnet und in reichster Fülle allen Wesen spendet. Die dem Saatkorn entsprossene Pflanze spendet uns Kraft in Speise und Trank, in Genuß- und Heilmitteln, gewährt unserem Körper Schutz in der wärmenden Kleidung, schafft uns Wohnung und Hausgerät, Werkzeug und Waffen, Feuer und Licht. Die dem Saatkorn entsprossene Pflanze wirkt für uns treu nnd selbstlos, immer und unaufhörlich. Während wir unter ihrem Schatten uns gütlich tun, wirkt sie für uns, während wir an ihren Düften uns erquicken, an ihren Blüten uns ergötzen, an ihren Früchten uns laben, wirkt sie für uns; während wir der Ruhe pflegend im Schlafe liegen, wirkt sie für uns. Wachsen und Wirken: das ist das Wesen des Saatkorns." Der Weise hielt inne und blickte forschend in das Antlitz des Prinzen, und als er es in seinen Augen aufblitzen und aufleuchten sah, wie in den Angen eines, dessen Geist von einem großen, schönen Gedanken durchzuckt wird, fuhr er fort: „Nicht wahr, wißbegieriger .Jüngling, Du merkst nun, was das Saatkorn Dir enthüllt: Wachse und wirke gleich mit! Pas ist auch für'den Menschen des Lebens Zweck. Wachsen soll der Mensch, dieweil und solange er lebt. Wachsen soll er in seinem Wissen und Können, in seinem Streben und Vollbringen. Wachsen und entwickeln soll sich der Mensch sittlich und geistig; immer tüchtiger und brauchbarer, immer besser und edler, immer verständiger und weiser soll er werden; immer mehr ausbilden soll er die unerschöpflich reichen Anlagen und Fähigkeiten, die eine gütige Vorsehung ihm geschenkt; immer ernster und eifriger soll er werden im Erwerben neuer Tugenden, im Ablegen alter Fehler, in der Beherrschung der Leidenschaft, in der Aneignung des Guten und Göttlichen. — Und nicht allein wachsen, sondern auch wirken soll der Mensch! Denn er wächst, indem er wirkt. 'Wirken, Heilsames und Nutzbringendes schaffen und leisten soll der Mensch für die Umwelt und Nachwelt. Denn wie der einzelne Mensch die Früchte der Arbeit anderer genießt, wie des einzelnen Menschen Dasein und Wohlfahrt begründet und - ermöglicht wird durch das reiche Erbe der Wirksamkeit vorangegangener Geschlechter, so soll er wieder weiterziehen die Spuren segensreichen Wirkens für andere. Jeder in seinem Kreise, jeder in seiner Weise. Hier der Gatte und Vater, der für Weib und Kind sorgt und arbeitet, dort die Gattin und Mutter, die dem Gatten das Dasein erleichtert und versüßt, die Kinder unterweist und erzieht; hier der Bruder, der des Bruders sich annimmt und Beistand und Hilfe ihm bringt, dort der Menschenfreund, dem fremdes Unglück nahegeht und Elend lindert und Tränen trocknet, sie alle können sich sagen, daß ihr Leben einen Zweck, einen edlen, erhabenen Zweck hat; sie alle können, wenn Jahr um Jahr ihre Lebensspanne kürzer wird, sich sagen, daß sie an ihr vergängliches Leben die Unsterblichkeit gefesselt, denn, wenn sie auch selbst nicht mehr sind, die Spuren ihres Wirkens bleiben und erzeugen fort und fort. Das, o Jüngling, ist die Deutung des Lebens nach jüdischer Lehre, das des Lebens Zweck, zu wachsen und zu wirken!" Und voll tiefer Rührung neigte der Prinz seine Lippen über die Hand des Weisen und sprach zum Abschiede: „Dank Dir, Dank Deiner Lehre! Du, hast meine Sehnsucht gestillt. Du hast mir den Weg des Lebens gezeigt, den ich wandeln soll und wandeln werde."