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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-09 · Heft 37 (9.9.1904) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 37 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
Seite 441 (sequence 9)
Language
German
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Morgens seinen Freund und Jugendgespielen rufen, der ihm schon oft mit seinem klugen Rate beigestanden. „Wie öffne ich diese Schale hier, die mir das Leben gereicht," fragte er ihn. „Diese Schale," erwiderte der kluge Freund, „ich glaube, sie wird nimmer der Hände Gewalt und Geschicklichkeit weichen, nur durch des Geistes Zauberkraft könnte, sie bezwungen und gesprengt werden. Darum höre meinen Rat, und laß uns zu einem Weisen unseres Landes gehen, vielleicht gelingt es ihm." „Und zu welchem?" fragte der Prinz begierig. „Ich kenne einen Mann," versetzte der Freund, „weitberühmt als Forscher, Denker und Entdecker. Alle Rätsel, die die Natur dem Menschen aufgibt, er versucht sie zu lösen, alle Geheimnisse, die sie dem Menschen vorenthält, er versucht sie zu enthüllen. In die fernsten Himmelsräume schweift sein Auge, um der Sterne Gestalt und Bahn und Wesen zu erkennen. In die tiefsten Tiefen der Erde dringt sein Blick, um ihr Werden und Entstehen, den Wandel und Wechsel ihrer Lagerungen und Schichten in der Jahrmillionen Flucht zu erfahren. In das feinste Gewebe und Geäder der Pflanzen, Tiere und Menschen versenkt sich sein Geist, um ihren Bau, ihre Entwicklung, ihre Funktionen zu ergründen. Komm, laß uns ihn, den großen Naturforscher, befragen, er wird uns zeigen, wie die Schale des Lebens zu lösen und dessen Zweck zu erschauen sei." Und als sie zu ihm kamen, redete der Prinz ihn an: „Hilf mir, Weiser, diese Schale öffnen, damit ich des Lebens Zweck erkenne." Da blickte der Forscher ihn lange staunend an, ein überlegenes Lächeln spielte um seine Lippen, endlich sprach er: „Mein Prinz, unnützes, törichtes Bemühen wäre es, sie öffnen zu wollen. Denn wisse, diese Schale — sie ist leer, das Leben h a.t^ keinen Zweck." . „Leer!" rief der Prinz bestürzt aus, „das Leben ohne Zweck! Es hätte mich also belogen und betrogen!" „Ja, so ist's und nicht anders," sprach gemessenen Tones der Gelehrte. „Wir Naturforscher kennen nur Ursachen, aber keine Zwecke, wir fragen nur woher, aber nicht wozu? wodurch, aber nicht warum? Die Frage nach dem Zweck in der Natur ist in unseren Augen eine sinnlose. — Ja, in alten Zeiten, als der Glaube an einen Gott, an einen weisen Gott, bei den Menschen noch fest und unerschütterlich war, da hatte die Frage nach dem Zweck in der Natur ihre Berechtigung. Denn weise sein, heißt zweckmäßig handeln. Und wenn ein weiser Gott die Welt ins Dasein gerufen, dann muß er auch bestimmte Zwecke damit verbunden haben. Wir heutigen Naturforscher leugnen aber einen Gott, wir nehmen an, daß die Natur, wie sie geworden, durch Zufall, durch blindes, wildes, unbewußtes Spiel der ihr innewohnenden Kräfte geworden, und da kann selbstverständlich von einem bewußten Zwecke in der Natur keine Rede sein. — Und der Mensch, was ist er besseres, als irgend ein Naturprodukt? Als die Pflanze, die im Frühling erblüht und im Herbst verwelkt : Zwecklos. Als die Eintagsfliege, die des Morgens ihr Dasein beginnt und des Abends beschließt? Zwecklos. Warum sollte gerade das menschliche Leben emen Zweck haben?" „Wenn Ihr Naturforscher," erwiderte jetzt der Prinz, „nicht Ihr alle, denn es gibt auch deren genug und wahrlich nicht die schlechtesten, die es nicht tun, — wenn Ihr Gott leugnet, so will ich darüber mit Euch nicht rechten. Was Ihr mit Hilfe Eurer Instrumente nicht sehen und fassen, nicht wägen und messen könnet, das leugnet Ihr rundweg ab. Weil es für Euch nicht existiert, darum darf es nach Eurer Meinung überhaupt nicht existieren. Und Ihr scheint mir darin dem Maulwurf zu gleichen, der, weil er sich in feiner engen, unterirdischen Behausung vergräbt und nie selbst das Licht des Tages erblickt, darum das Vorhandensein des Lichts in Abrede stellen wollte. Auch darüber mag ich mit Euch nicht rechten, daß Ihr den Menschen ein bloßes Naturprodukt nennt, in eine Reihe stellet mit der Pflanze, mit dem Tiere, der doch einen über alle Naturprodukte unendlich ihn erhebenden Geist hat, einen sich selbst wissenden, über sich selbst nachdenkenden und daher in tiefster Wesenheit von allen anderen Geschöpfen brennenden und äuszeichnenden Geist hat. Aber eines ist sicher, daß Eure allen Lebenszweck leugnende Lehre eine recht trostlose ist. Wenn das menschliche Leben keinen Zweck hat, wozu quälen sich so viele Menschen mit dem Leben ab? Wozu ertragen sie so viel Leid und Pein, so viel Jammer und Elend? Warum schütteln sie es nicht ab von sich, wie eine lästige Bürde, da das Leben doch keinen Zweck hat? Und Du selbst, sag an, warum ziehst Du nicht den letzten notwendigen Schluß aus Deiner Lehre? Warum lässest Du nicht fahren all Dein aufreibendes Beobachten und Forschen, Denken und Grübeln, da das alles, Dü und Dein Treiben und Leben doch keinen Zweck hat? Nein, Deine Lehre kann mich nicht befriedigen, nur abstoßen. Es muß doch hinter dem Leben noch ein Geheimnis liegen, es muß doch in dieser Schale etwas enthalten sein, wenn Ihr Naturforscher es auch nicht sehen könnet oder sehen wollet." Und mit diesen Worten ging der Prinz von dannen. Und als sie draußen waren, sprach er zu seinem Begleiter: „Kannst Du keinen anderen Weisen mir nennen, der besseren Bescheid zu geben vermag?" „O, mein Prinz," erwiderte dieser, „wohl kenne ich einen, das Volk nennt ihn einen Heiligen und Wundertäter. Weit draußen vor der Stadt, in des Waldes dunkelstem Dickicht führt er ein mit Beten und Fasten ausgefülltes Einsiedlerleben. Abgewandt allem irdischen Trachten und Treiben, bloß dem Ueberirdischen gewidmet. Komm, laß uns ihn aufsuchen!" Und als sie nach langer Wanderung seine morsche Hütte betraten und in seine geisterhaft bleichen Züge blickten und seine welke Hand faßten, da ward ihnen ganz traurig zu Mute und das Wort erstarb ihnen auf den Lippen. Endlich überwand sich der Prinz, reichte dem Einsiedler die Schale und sprach in flehendem Töne: „O hilf mir diese Schale öffnen!" Aber abwehrend zog der Einsiedler den Arm zurück und antwortete ihm: „Gern möchte ich Dir beistehen, doch wozu die Anstrengung? Es verlohnt sich nicht der Mühe, die Schale zu öffnen. Denn das Leben hier auf Erden, wie die Menschen es führen, es ist so wertlos, so nichtig. Siehe, wie ihr ganzes Sinnen und Sorgen auf Tand und Torheit gerichtet ist, wie sie Genüssen und Gütern nachjagen, die so trügerisch und schnell vergänglich sind und nur die Sünde und die Reue zurücklassen. — Nein, das Leben hienieden ist nicht wert, daß der Mensch viel darauf achte, es ist nur ein flüchtiger Aufenthalt, eine kurze Prüfungszeit. Das wahre Leben beginnt erst mit dem Tode des irdischen. Lebensverachtung, Weltflucht, das ist der Weisheit letztes Wort. Darum fliehe die Freuden dieses Lebens, die arglistig lauern und locken, töte ab die Triebe, die Dich verführen und verstricken wollten. Lebe so, als würdest Du nicht leben und lebst Du dennoch, weil Du leben mußt, dann lebe dem, was nach dem Leben folgt: dem innigen Aufgehen in Gott, der ewigen Seligkeit. — Und diese Schale hier, wozu wolltest Dü sie öffnen, wozu ihren Inhalt. des Lebens Zweck kennen lernen, da er doch nur ein nichtiger, doch nur Täuschung und Sünde sein kann." „Ich bewundere Dich, heiliger Mann," sprach jetzt der Prinz, „aber Deine Lehre will mir nicht in den Sinn. Sollte Gott dem wirklichen Menschen nur darum das Leben gegeben haben, auf daß er es verachte? Sollte Gott wirklich den Menschen

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