Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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440 Dss Jubiläum eines Luches. Von Regina Neisser. Schaff' gute Bücher in Dein Haus, : Sie strömen eigne Kräfte aus. Und wirken als ein Segenshort Auf Kinder und auf Enkel fort. n unserer schnell hastenden, alles nivellierenden Zeit erscheinen uns älteren Leuten sünsundzwanzig Jahre des Rückblicks als eine sehr lange Zeit, und dennoch empfinden wir noch lebhaft und deutlich alle guten und schönen Eindrücke, die uns vor einem Vierteljahrhundert freudig erregten und bewegten. Es ist aber auch nur zu natürlich, daß in. Anbetracht alles dessen, was wir seit fünfundzwanzig Jahren erlebt haben, in Anbetracht aller Fortschritte und Errungenschäften, deren wir in dieser Zeit auf allen nur denkbaren Gebieten teilhaftig geworden sind, so mancher jener damals empfangenen Eindrücke in den Hintergrund gedrängt wurde. Es., bedarf oft jedoch nur einer leisen Mahnung, um dieselben wieder neu und frisch in uns erstehen zu lassen. Ein Vierteljahrhundert ist dahingerauscht, seit bei, F. A. Brockhaus in Leipzig ein Buch mit dem Titel: „Die jüdischen Frauen in Geschichte, Literatur und Kunst", von Dr. M. Kays erlin g erschien, von allen Seiten mit auf-' richtiger Freude und höchstem Interesse begrüßt. Der berühmte Verfasser bemerkt in seiner Vorrede, er beanspruche nur das Verdienst, Zerstreutes gesammelt. Vergessenes wieder in Erinnerung gebracht zu haben; und in der Tat haben wir aus dem Buche auch manches erfahren, was uns schon bekannt war, allein der Verfasser hat es verstanden, uns des Neuen und Wertvollen gar viel zu bieten, das vor- ] handene reiche Material mit sicherer Hand zu lichten und mitzklarem Geist und warmem Herzen verständnisvoll, anregend und fesselnd für die Leser, und besonders für die Leserinnen die Bilder berühmter Frauen Israels aller Zeiten vor uns zu ent--- rollen. Das Buch zählt auch heute noch zu jenen guten Büchern, die ihren dauernden Wert behalten, und es ist nur zu beklagen,.: daß es in der deutschen Frauenwelt jüdischen Glaubens fast dem Schattenreiche der Vergessenheit anheimgefallen ist. Angesichts., des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums des trefflichen Werkes möchte ich hiermit eine Wiedererweckung desselben anstreben. Herder sagt einmal: „Ein gutes Buch hat oft auf eine ganze Lebenszeit einen Menschen gebildet oder gehoben." Kayserlings Buch ist geeignet, ähnlich wie die Literaturvereine, sehr viel Segen zu stiften, das Interesse für Geschichte und Literatur des Judentums zu beleben, die jetzige Generation mit stolzem Hoch- ■- gefühl erkennen zu lassen, daß zu allen Zeiten jüdische Frauen durch ideales Streben, hohe geistige Begabung, innigste Gemütstiefe, todesmutige Opferwilligkeit und unbegrenzten Wohltätigkeitssinn sich ausgezeichnet haben. Selbstverständlich ist das treffliche Buch, das sich seinerzeit nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und auch jenseits des Ozeans in meisterhafter englischer Uebersetzung durch die talentvolle. Dichterin Miriam del Banco, wie auch in ungarischer Uebersetzung die lebhaftesten Sympathien erwarb, in erster Reihe ein Buch für die jüngere deutsche Frauenwelt jüdischen Glaubens, der es unbekannt geblieben ist. Es ist im letzten Lustrum über das Elend der deutschen Jugendliteratur so viel gesprochen und geschrieben worden, - daß die maßgebenden Kreise aus ihrer Lethargie aufgerüttelt wurden und man energisch und mit Glück versucht, Wandel zu schaffen. Aehnlich arg war und ist es mit der Lektüre für unsere Töchter bestellt. Auch hierin regt sich ein mächtiger : Fortschritt. Es wäre ebenso geschmacklos als einseitig, wollten wir von den deutschen Töchtern jüdischen Glaubens des zwanzigsten Jahrhunderts fordern, sie sollten einzig und allein nur Bücher von jüdischen Autoren lesen. Aber „leben und leben lassen!" Auf dem Wunschzettel unserer Kinder steht zu allen Festtagen „ein Buch!" und die Eltern sind auch stets gern bereit, diesen Wunsch zu erfüllen. Im vorigen Jahre prangte auf dem Gabentische „Jörn Uhl" — ein gutes Buch, wenngleich ich Persönlich in den allgemeinen Begeisterungstaumel nicht einzustimmen vermochte. In diesem Jahre werden große Summen für „Briefe, die ihn nicht erreichten" und „Großherzogin Luise von Sachsen-Weimar" von Eleonore von Vojanowska, fraglos die besten Neuerscheinungen des Büchermarktes, aufgewendet werden, und vielleicht, ja sogar gewiß, von den deutschen Familien jüdischen Glaubens. Möchte ein Teil dieses Interesses dem Kayserlingschen Werke zugute konrmen, umsomehr, als sich gerade in allerneuester Zeit eine große Vorliebe für biographische Lektüre geltend gemacht hat. Der hohe sittliche Geist, der aus dem Kayserlingffchen Buche weht, wird den veredelndsten Einfluß auf unsere Töchter ausüben, denn unsere Jugend ist noch begeisterungsfähig, sie zu glaubenstarken und glaubenstrenen Jüdinnen heranreifen lassen, und sie anseuern, dereinst einer späteren Generation die Liebe zum angestammten Glauben einzuflößen und zuwahren! Der geschätzte und ehrwürdige Verfasser darf sich in voller Frische von Körper und Geist mit froher Genugtuung des Jubiläums seines ausgezeichneten Buches erfreuen. Möchte er sich noch kräftig genug fühlen, dasselbe in einer neuen und erweiterten Ausgabe erscheinen zu lassen zum Nutz und Frommen unserer heranblühenden weiblichen Jugend! Des Lebens Lweck. Eine Roschhaschonoh-Allegorie von Dr. Heinrich Jaulus-Aachen. n einem königlichen Hofe lebte ein Prinz, der gar nicht war, wie sonst Prinzen zu sein pflegen. Am. hohlen höfischen Treiben, an eitlen Lustbarkeiten, an geschäftigem Müßiggang hatte er kein Wohlgefallen. Eine in sich gekehrte, grüblerische Natur konnte er stunden- und tagelang einsam sinnen und denken über die ernstesten und höchsten Fragen. Eines Tages, es war in der Dämmerstunde, alls er in seinem Gemache wieder in Gedanken versunken saß, da sah er — er wußte nicht, wachte oder träumte er — eine Gestalt vor sich austauchen, groß und hehr, in ein faltenreiches Gewand gehüllt, das Antlitz tief verschleiert, die rechte Hand weit vorgestreckt und einen blinkenden Gegenstand umklammernd. „Wer bist Du, rätselhafte Gestalt," sprach der Prinz, zusammenfahrend. „Ich bin," tönte es ihm entgegen, „das Leben!" „Das Leben?! Und was begehrst Du von mir?" „Nicht um zu begehren bin ich gekommen, sondern um zu gewähren. Hier in meiner Rechten halte ich eine festverschlossene Schale und Dir, der Du mich ergründen möchtest, überreiche ich sie. Sie enthält das kostbarste, was ich besitze: meinen Zweck. Versuches und öffne sie." Und damit verschwand die Gestalt. Lange versuchte der Prinz mit heißem, hastigem Bemühen die Schale zu öffnen, aber vergeblich. Da ließ er des andern