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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-09 · Heft 37 (9.9.1904) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 37 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
Seite 439 (sequence 7)
Language
German
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439 dadurch nicht mehr, als er ohnehin war. Und er war mehr als. ein preußischer Notar. Er war ein großer Jurist, ein Förderer der Wissenschaft, ein echter Anwalt des Rechts und ein edler Mensch. Staub — eines weiteren Kommentars bedarf es nicht. Staub war am 21. März 1856 zu Nicolai in Oberschlesien geboren, studierte in Leipzig und Breslau und ließ sich dann in Berlin nieder. In verhältnismäßig sehr jungen Jahren und sehr schnell gelangte er zu großer Bedeutung, aber der Ruhm vermochte nicht, die schlichte Liebenswürdigkeit seines Wesens und seine Herzensgute zu schmälern. Wer ihm nahetreten durfte, empfand das in reichem Maße, und wer sich hilfeheischend an ihn wandte. Pochte nicht vergeblich an seine Tür. Er war ein Mensch, wie wir nicht viele haben, vornehm in der Gesinnung, edel im Handeln. Und wie ein Held hat er das entsetzliche Leiden der letzten acht Monate ertragen — auch auf dem- Krankenlager, das die sorgende Liebe seiner Angehörigen umgab, hatte er für jeden eine freundliche Ansprache, ein gütiges Lächeln. Nun ist er von uns gegangen, und wenn auf einen das Dichterwort paßt, aus ihn Paßt es: „Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem, Ich werde nimmer seinesgleichen sehn." In tiefem 'Schmerz steht nicht nur der deutsche Änwaltstand «an seiner Bahre; Hermann Staub ist Tausenden und Abertausenden, namentlich allen, die ihn Persönlich kannten, viel zu früh gestorben. Sein Gedächtnis aber wird fortleben im Herzen aller seiner Freunde und Bekannten und auf den Blättern der Rechtsgeschichte und des Judentums. Aus Vbrrlchlrüm. Von Arnold Wiener in Kattowitz. ir haben in Oberschlesien wieder eine partielle Wahlbewegung. Der Zentrumsabgevrdnete Herr Sanitätsrat Dr. Moritz, welcher den Wahlkreis Pleß-Rybnik eine Reihe von Jahren im preußischen Abgeordnetenhause vertreten hat, ist gestorben und die politischen Parteien des Kreises erscheinen mit ihren Kandidaturen auf dem Plane. Das für eine Landtagsersatzwahl ganz ungewöhnliche Interesse, welches man diesmal im Bezirke an der Wahlbewegung nimmt, wird dadurch verständlich, daß der Kreis hinsichtlich seiner Vertretung im Abgeordnetenhause zu dem umstrittensten Besitzstände der Zentrumspartei gehört, denn die konservative Partei ist fast von gleicher Stärke und in den letzten Jahren hat noch die nationälpolnische Bewegung in der Bevölkerung Wurzel gefaßt. Uns interessiert lediglich die Stellungnahme, welche für die jüdischen Wähler gegeben ist. Deren Zahl ist nicht unbedeutend, da der Kreis etwa 2000 jüdische Seelen hat, und infolge ihrer bedeutsamen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stellung in dem gemischtsprachigen Landesteil verfügen die Juden über eine ganze Reihe von Wahlmännerstimmen, welche für den Ausfall der Wahl jedenfalls ausschlaggebend sein werden. Bei den vorjährigen Wahlen wurden mit knapper Mehrheit zwei Zentrumsabgeordnete gewählt, das dritte Mandat jedoch dem Plesser Landrat Herrn v. Heyking anvertraut, der eine Reihe von Zentrumswahlstimmen auf sich zog und infolge dieses Vorsprunges einen ultramontanen Miterwerber verdrängte. Herr Landrat v. Hehking ist im Abgeordnetenhause der deutsch-konservativen Fraktion beigetreten und es werden jetzt Anstrengungen gemacht, die jüdischen Wahlmänner als Vorspann für die Wahl eines zweiten deutsch-konservativen Abgeordneten zu gebrauchen, dessen Kandidatur in der Person des Herrn Rittergutsbesitzers Lukas zu Belk in der vergangenen Woche aufgestellt worden ist. In der Hauptversammlung des Vaterländischen Wahlvereins zu Rybnik, welche sich mit der Aufstellung des Kandidaten befaßte, ist Herr Amtsgerichtsrat Cohn aus Rybnik für die Kandidatur des konservativen Herrn Lukas eingetreten und der jüdische Fabrikbesitzer Herr Haase-Rhbnik hat eine Wahl in das Komitee angenommen. Es ergeht daher an die jüdischen Wahlmänner des Kreises die Aufforderung, den genannten beiden Führern die Gefolgschaft zu versagen. Die deutsch-konservative Partei ist ohne jeden Zweifel antisemitisch. Für sie ist noch heute das Tivoli-Programm vom Jahre 1891 maßgebend, in welchem die Znrückdrängung. des jüdischen Einflusses im öffentlichen Leben als eines der Parteiziele bezeichnet ist. Die Haltung der parlamentarischen Fraktionen und der Parteipresse — in erster Reihe ihr Provinzorgan, die „Schlesische Zeitung" in Breslau — hat bis zum heutigen Tage keinen Zweifel darüber gelassen, daß der. Antisemitismus einen wesentlichen Bestandteil der konservativen Politik bildet. Ein deutscher Jude kann nur um den Preis seiner Selbstachtung bewußtermaßen einer solchen Partei politische Dienste leisten. Wenn dennoch jüdische Männer von Bildung und prominenter Stellung in der Provinz so manches Mal für die konservative Partei sich brauchen lassen, so liegt das nur an der politischen Unerfahrenheit dieser übrigens in ihrem Berufe oft sehr tüchtigen Herren, welche instinktiv der Honoratiorenpartei zuneigen und sich häufig durch die sympathische Persönlichkeit der in Verwaltung und Gesellschaft führenden Männer bestechen lassen. Es kann deshalb auch nicht unerwähnt bleiben, daß die führende Persönlichkeit des Wahlkreises, Herr Landrat von Heyking in Pleß, ein maßvoller und gerecht denkender Mann ist, der auch seine jüdischen Kreiseingesessenen stets mit Wohlwollen behandelt. Die Rücksicht auf einzelne Personen sollte jedoch niemals unser Verhalten im öffentlichen Leben bestimmen, sondern wir müssen die voraussichtliche Wirkung unserer Maßnahmen auf .die Gesamtpolitik als Richtschnur unseres Handelns betrachten. Wenn deutsche Juden die Wahl eines konservativen Abgeordneten herbeiführen, so fördern sie unmittelbar eine Politik, die ihre staatsbürgerlichen Rechte im Verwaltungswege kürzen oder selbst durch die Gesetzgebung aufheben will, und an diesem Resultat ändert der Umstand gar nichts, daß der Gewählte persönlich ein liebenswürdiger und sympathischer Herr ist. Ernsthafte Gesichtspunkte patriotischer Verpflichtung zum Eintreten für die konservative Partei sind nicht vorhanden, da außerdem nur die Zentrumspartei ernstlich in Frage kommt, denn die polnische Partei hat bei den vorjährigen Wahlen nur 10 Prozent der Wahlmännerstinunen erlangt, und da dieselben Wahlmänner wie im Vorjahre auch zu der vorzunehmenden Ersatzwahl berufen sind, so ist ein polnischer . Wahlerfolg ausgeschlossen. Wie die Dinge in Preußen liegen, gibt es für die jüdischen Wahlmänner von Pleß-Rybnik nur eine Möglichkeit: Die konservative Kandidatur zu bekämpfen und darum für den Zentrumsmann zu stimmen!

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