Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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angenehme Abwechslung darbieten. Einige an der Shnagogenfassade besonders hervortretende Zierglieder sind in dunklen Basaltsteinen ausgeführt. Der Synagoge ist eine geräumige Vorhalle vorgelagert, von der aus je zwei Türen zur Männersynagoge resp. zu den Frauenemporen führen. Der Synagogeninnenraum, der in romanischem Stil gehalten ist und die Form einer Basilika zeigt, birgt im Erdgeschoß tausend Männerplätze, auf der Empore die gleiche Anzahl Frauenplätze. Viereckige Sandsteinpseiler tragen die Mittelwände, die über die Seitenschiffe hochgeführt sind. Eine flache Holzdecke mit reicher polychromer Bemalung überspannt das Mittelschiff und die seitlichen Emporen. An der Ostwand befindet sich der Chorbau, an der Westwand große Rosenfenster mit Glasmalerei. Durch rings herum angeordnete Oberlichtfenster fällt das Tageslicht hinein, die Beleuchtung der Synagoge erfolgt in reichlicher Weise durch elektrisches Licht, das von sechs großen schmiedeeisernen Ringkronen und einer Anzahl kleinerer Kronen und Wandarme gespendet wird. Der Altarbau, der dem Chorraum vorgelagert ist, ist mit seinen Estraden aus Sandstein unter teilweiser Verwendung von Marmor hergestellt. Die Estraden tragen auf ihren Brüstungen große Bronzekandelaber. Die Nische mit dem heiligen Schrein ist durch Malereien und Glasmosaiken reich verziert. Die mit Schnitzereien versehenen Sitzbänke bestehen aus Kiefernholz. Der nach der Westseite belegene Trausaal hat eine elegante Ausstattung erhalten und wird durch eine künstlerisch ausgeführte Lichtkrone wirkungsvoll erleuchtet. Alles in allem stellt sich die Synagoge als ein Prächtiger, äußerst geschmackvoller Bau dar, der der Bauleitung und den Aussührenden zur größten Ehre gereicht. Die Ausführung war einer Kommission anvertraut, die unter 'dem Vorsitz des Fabrikbesitzers C. L. Netter, aus Mitgliedern des Gemeindevorstandes, der Repräsentanten und der Baukommission bestand. Die Anfertigung der Entwürfe und die Bauleitung war dem Gemeindebaumeister Herrn Architekten Höniger, die Bauführung Herrn Regierungsbaumeister Imberg übertragen worden. Die Maurerarbeiten lieferte Joseph Fränkel, die Malerarbeiten M. I. Bodenstein, die Bildhauerbeiten Karl Caspari, sämtliche Paramente in kostbaren Gold- und Silberstickereien fertigten die Geschwister Bleich rode; die übrigen Arbeiten waren fast durchweg jüdischen Firmen übertragen worden. - Die Adaß Jisroel-Gemeinde hatte ebenfalls die große Freude, heute ihre Mitglieder zum erstenmal in der neuen Andachtsstätte in der.Artilleriestraße 32 um sich zu versammeln. Auf Grund einer hochherzigen Schenkung in Höhe von 250,000 Mark und eines weiteren Zuschusses zu den Baukosten von 150,000 Mark war es der Verwaltung möglich geworden, das günstig gelegene Terrain zu erwerben und darauf einen in jeder Beziehung zweckentsprechenden Bau zu errichten. Die zur Einweihung des neuen Hauses veranstalteten großen.'Feierlichkeiten setzten bereits vormittags ein. In der bisherigen Synagoge wurde der Frühgottesdienst mit dem feierlichen Gesänge des ^.äaun aulom, der sonst nur an Festtagen gesungen wird, geschlossen nnd mit den Schlußworten dieses Gedichtes: „Gott ist mit mir, ich fürchte nichts" verließen die Gemeindemitglieder in tiefer Bewegung das alte Gotteshaus, das 35 Jahre hindurch den Mittelpunkt ihres religiösen Lebens gebildet hatte. Um 10 Uhr versammelten sich die Vertreter dieser Gemeinde und des Rabbinats, um die vorhandenen 20 Thorarollen zur Ueberführung in das neue Gotteshaus in Empfang zu nehmen. Der Vorsitzende des Shnagogenvorstandes Herr Prof. Dr. Berliner bestieg die Kanzel und erinnerte, daß noch ein letzter Akt in der alten Andachtsstätte zu erledigen sei, nämlich das ewige Licht zu löschen, um es alsdann in dem neuen Gotteshaus wieder zu entzünden. Er vollzog diesen feierlichen Akt mit dem Schriftwort: „Die Sonne erstrahlt wieder, nachdem sie hier untergegangen; sie strebt nach ihrem Urquell hin, wo sie beständig erstrahlt." In geistvoller Weise brachte er das Aer tomid in Beziehung zum Lebenslicht in der Hand Gottes und dem Lichte der Lehre in der Hand der Menschen und hob die gegenseitige Wechselwirkung hervor, gemäß dem Ausspruch der alten Weisen: „Warst du mein Licht, so war ich dein Licht!" Darauf rezitierte er das Hagbaha- Lied: „Dies ist die Thora, dies ist das Wort!" und schloß mit dem Ausspruch Iesaias: „Haus Jakobs, lasset uns im Lichte Gottes wandeln." Die Thorarollen wurden darauf im geschlossenen Wagen nach dem neuen Gemeindehause überführt. Nachmittags 4 Uhr fand alsdann die feierliche Weihe der neuen Synagoge statt. Der Raum erwies sich als viel zu klein, um die große Schar derer aufnehmen zu können, die an dem feierlichen Ereignis teilnehmen wollten. Die Stadtgemeinde war durch drei Abgeordnete vertreten. Die Thorarollen wurden aus dem Gemeindehause in feierlichem Zuge in die Synagoge getragen: Während der Zug zum Almemor sich bewegte, sangen Vorbeter und der aus Männern und Knaben zusammengesetzte Chor Ma tauwu. In einmaligem Rundgang wurden die Thorarollen durch die Synagoge getragen, während dessen Vorbeter und Chor Ono adaunoj hauschioh no intonierten. Der Vorsitzende des Gemeindevorstands Herr Rosenblüth brachte darauf den Wunsch der Gemeindeverwaltung zum Ausdruck, daß das von Gott gegebene und ihm geweihte Fest die Gemeinde mit freudiger Zuversicht erfüllen möge, ihr neuen Mut einflöße, sie festige und kräftige in ihrem Mühen und Streben zum Heile der Gesamtheit, und überreichte daraus dem Vorsitzenden des Synagogenvorstandes Herrn Professor Dr. Berliner den Schlüssel zur heiligen Lade. Mit den Worten: „Die Pforte der Lehre öffne uns und deinen heilsamen Schatz erschließe uns" nahm dieser den Schlüssel in Empfang und öffnete unter den Klängen des Psalm 24 den heiligen Schrein. Nachdem die Thorarollen in die Lade gestellt waren, erklang das vom Vorbeter und Chor gesungene „Uwenüchau jaumar sclmwo*. Nach einer feierlichen Ansprache entzündete Rabbiner Dr. Meyer Hildesheimer die ewige Lampe, die ein Sonnenbild sein möge der erwärmenden Gottesgnade, ein Sonuenbild des erleuchtenden Gottesgesetzes, und segnete die Vollendung des Baues. Vor der geöffneten Lade sprach er alsdann das Gebet für den Kaiser und sein Haus, sowie für die Väter der Stadt. Nach wiederum geschlossener Lade sangen in wirkungsvollem Wechselgesang Vorbeter, Solo und Chor den Psalm 30, ein Psalmlied bei der Tempelweihe von David, dann hielt Rabbiner Dr. Munk eine nach Form und Inhalt sehr wirksame, tiefdurchdachte Weihepredigt, in der er die Bedeutung und Berechtigung des Gotteshauses darlegte. Von dem Gedanken ausgehend, daß nur dem Glaubensstarken, der in das Gotteshaus kehrt, die Kraft, an Gott zu glauben, gestählt wird, während der Zweifler stets als Zweifler dieses Haus wieder verlassen wird, kennzeichnete er das Gotteshaus als ein Haus des gemeinsamen Gebetes, in dem ein jeder beten soll als Glied der Gesamtheit, und als ein Gebethaus für alle Völker, nach dem Ausspruche Iesaias als ein Wahrzeichen des Völkersriedens, als welches es möglich erscheint, da über allen nationalen Schranken, über allen nationalen Gegensätzen, über allem nationalen Chauvinismus sich himmelhoch der Geist des jüdischen Gebets erhebt und nur eine Stufenfolge für die Völker kennt, die Stufenfolge der Gottesbotmäßigkeit und nur einen Gegensatz der Menschen kennt, den Gegensatz zwischen dem Frommen und dem Frevler. Mit einem heißen Dankgebet segnete er das Heiligtum und erflehte den Segen des Ewigen herab auf die Männer und Frauen der Gemeinde, die ihre besten Kräfte dem Wohle der Gesamtheit widmen, und auf alle diejenigen, die ihre Hand gereicht zum Schaffen an dem Neubau eines großen und würdigen Gotteshauses. In dem einfach gehaltenen Vorderhause des Neubaues befinden sich außer mehreren Wohnungen die Bureau- und Sitzungsräunre der Gemeindeverwaltung, die Mikwah und zwei Schulräume. Im ersten Hofe ist ein gesondertes Quergebäude dem Rabbinerseminar mietsweise eingeräumt worden. An den zweiten Hof schließt sich erst die Synagoge an, die für 430 Männerplätze und 320 Frauenplätze Raum bietet. Der in der Mitte befindliche Almemor ist durchweg in weißem Marmor gehalten, zu ihm führen von beiden Seiten fünf Marmorstufen herauf. Das Allerheiligste ist aus griechischem Marmor gefertigt, mit reicher, ornamentaler Skulptur versehen und von Marmorsäulen und Bronzekandelabern flankiert. Den großen Aufbau schließt nach oben ein mächtiger Kuppelbau, der mit reicher Malerei verziert ist, ab. Hinter Bronzegittern, zwischen denen ein Drahtnetz aus gleichem Metall gespannt ist, sind die Frauengalerien angeordnet. Die über dem Synagogenraum befindliche große, künstlerisch bemalte Kuppel zeigt in ihrem oberen Teile einen Kranz von 18 Fenstern, in ihrem Zentrum ist der große Kronleuchter von 41/2 in Durchmesser ausgehängt, ein Meisterwerk ornamentaler Technik.