Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das deutsche Volk kann etwas opfern, wenn es dafür die Sicherheit gewinnt, daß es seine Kinder im reinen christlichen Geist, unbeirrt durch andere Einflüsse, erziehen lassen kann." Solche Aeußerungen aus dem Lager der Gegner sollten denen unter, uns, die. für den Antrag schwärmen, doch ernstlich zu denken geben. * In Schaumburg-Lippe hat eine Neuwahl zum Reichstage stattgefunden, nach der der antisemitisch-konservative Kandidat Brunstermann mit einer stattlichen Stimmenzahl in die Stichwahl mit dem Sozialdemokraten kommt. Den. Ausschlag geben die Freisinnigen. Das für Schaumburg-Lippe maßgebende nationalliberale Blatt, der „Hannoversche Courier", schrieb am 6. August : „Tritt der wenig wahrscheinliche Fall ein, daß der Kandidat der Konservativen mit dem Sozialdemokraten in die Stichwahl kommt, so wird vermutlich dank der Kurzsichtigkeit der führenden konservativen Kreise der Wahlkreis Schaumburg-Lippe zum erstenmal einen Sozialdemokraten in den Deutschen Reichstag entsenden." Die Nationalliberalen scheinen also geneigt zu sein, dem Sozialdemokraten gegen den antisemitischen Vündler zum Siege zu verhelfen. Was werden aber die freisinnigen Volksparteiler selbst tun? Eigentlich sollte es von den Freisinnigen als Beleidigung empfunden werden, wenn man eine solche Frageüberhaupt aufwirft, wo es sich um einen Mann handelt, dessen Antisemitismus die „Freie deutsche Presse" so überzeugend nachgewiesen hat. Aber nach den Erfahrungen bei der Schmalkaldener Ersatzwahl muß man auf alles gefaßt sein. Auf der Mi s r a ch i - Konferenz in dem frommen Preßburg hat ein Redner, und zwar ein Rabbiner, den Schaden, den das Judentum dadurch erlitten, daß die rabbinische Partei durch die Schüler Mendelssohns sich die Führung aus den' Händen hat nehmen lassen, durch die Behauptung zu erhärten gesucht, daß seither lVo Millionen Juden in allen Ländern der Welt durch die Taufe uns verloren gegangen seien! Das ist eine so ungeheuerliche Behauptung, daß sie nicht entschieden genug zurückgewiesen werden kann. Selbst der weitgehendste Statistiker in dieser Frage, der evangelische Pastor und Judenmissionar de la Roi, gibt die Zahl der Judentaufen im neunzehnten Jahrhundert auf ca. 100000 an. Aber von objektiven Beurteilern ist wiederholt nachgewiesen worden, daß diese Zahl außerordentlich übertrieben sei. Kaum die Hälfte ist als wahrscheinlich anzunehmen. Eine absolute Sicherheit ist natürlich gar nicht herbeizuführen. Wie schädlich aber derartige Uebertreibungen sind, braucht nicht erst besonders hervorgehoben zu werden. Umsomehr, da ihnen eine gewisse Tendenz innewohnt, die wir wiederholt schon zurückgewiesen haben. An den Verlusten, die das Judentum durch den Abfall erlitten, sind alle Parteien innerhalb desselben beteiligt. Und in dem Kampfe gegen diesen Abfall sollten gerade darum alle Parteien sich auch brüderlich die Hand reichen. * In Holland ist in dieser Woche ein Jude zum Staatsminister ernannt worden und zwar Professor Karl Asser, der berühmte Rechtslehrer der Universität in Amsterdam. Aber es ist nicht das erstemal, daß in Holland ein Jude Minister wird. Schon 1860 wurde Michael H. Godefroi zum Justizminister der Niederlande ernannt. Er war ein guter Jude und bei keiner Gelegenheit scheute er davor zurück, die Interessen seiner Glaubensgenossen wahrzunehmen. Als der Handelsvertrag zwischen den Niederlanden und der Schweiz zustande kommen sollte, setzte er es durch, daß die Bundesregierung in bezug auf die Emanzipation der Juden in der Schweiz bestimmte Zusicherungen gab. - Dasselbe tat er beim Zustandekommen des Handelsvertrags mit Rumänien. Der neue Staatsminister der Niederlande, Tobias Michael Karl Asser, stammt aus einer berühmten holländischen Juristenfamilie. Er ist ein Nesse des Ministers Godefroi. Er wurde zu Amsterdam im Jahre 1838 geboren und studierte daselbst. 1876 wurde er außerordentlicher Professor für internationales Handelsrecht an der dortigen . Universität. Seit Jahrzehnten nimmt er teil an allen Konferenzen über internationales Recht. Wiederholt ist er zum Schiedsrichter verschiedener Staaten gewählt worden, so bei einem Streit zwischen Rußland und Amerika, ferner zwischen . Mexiko und den Vereinigten Staaten. 1875 wurde er Staatssekretär und 1893 Mitglied des Staatsrats. Bei dem Friedenskongreß in Haag 1899 wurde er zum Vertreter Hollands ernannt. In dieser Stellung hat er wiederholt, auch von dem lieben Rußland, verschiedene Auszeichnungen empfangen. Seine Werke über internationales Recht und über Handelsrecht erfreuen sich hohen Ansehens. In früheren Jahren nahm er auch Anteil am Gemeindeleben und bis 1888 war er Mitglied des Kuratoriums für das Rabbinerseminar in Amsterdam. * Wenn man von den unaufhörlichen Niederlagen der russischen Armee liest und damit die Nachrichten in Verbindung bringt, die über die innere Verwaltung des Zarenreiches ins Ausland dringen, so muß man immer wieder an das alte Römerwort denken: Wen Gott verderben will, den schlägt er mit.Blindheit. Man hätte Hoch erwarten sollen, daß der Krieg die russische Regierung veranlassest würde, alle Kräfte zur Stärkung der Armee und zu ihrer besseren militärischen Ausbildung anzuspannen. Es erweist sich aber, daß auch die militärischen Befehlshaber an etwas ganz anderes zu denken haben, nämlich an die Austilgung der revolutionären Propaganda im Heere. In der letzten Zeit regnet es förmlich Erlasse und geheime Instruktionen über die strenge Beauf- ‘ sichtigung der Mannschaften seitens ihrer Vorgesetzten und die Bekämpfung der revolutionären „Seuche" unter den Soldaten. Zu welchen in jeder Beziehung verwerflichen und militärisch desorganisierenden Mitteln die russischen Befehlshaber dabei greifen, beweist die Verordnung eines Korpskommandeurs, in der die jüdischen, die polnischen und die Soldaten anderer Nationalitäten in geradezu unerhörter Weise verdächtigt werden. Wir entnehmen dieser Verordnung nur die ans die Juden bezüglichen Stellen: 2. Um der Ausbreitung der politischen Seuche bei den Truppen vorzubeugen, müssen alle den Mannschaften, besonders Juden, zugehenden Briefe unausgesetzt kontrolliert werden. Den Juden muß verboten werden, Briefe in jüdischer Sprache zu erhälten (!). Solche Briefe dürfen nicht zugestellt, sondern müssen sofort an den Divisionsstab geschickt werden. 3. Damit solche Briefe den jüdischen Soldaten nicht doch etwa durch Vermittelung von Bekannten und Verwandten zugehen, müssen oft, jedoch nicht in regelmäßigen Zwischenräumen, die Koffer der Mannschaften durchsucht werden, dann niüssen, etwa unter dem Vorwände der Kontrolle der Reinlichkeit, die Stiefel sowie Wäsche und Taschen besichtigt werden. Auch die Winkel in der Kaserne, Dachkammern, Kisten mit schmutziger Wäsche rc. müssen durchsucht werden. 7. Urlaub muß überhaupt eingeschränkt werden, denn die Mannschaften treiben sich nur, wenn sie Urlaub haben, auf Plätzen und in der Stadt herum. Besonders streng muß man dabei mit den Juden verfahren.