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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-09 · Heft 37 (9.9.1904) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 37 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
Seite 434 (sequence 2)
Language
German
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„Kromifc Jewr^ew“ (Mit Ausnahme der Hebräer) zuruft; schon hört auch das russische Volk etwas von dem Klang des großen Schofars^- es dämmert die Erkenntnis allen Völkern auf, daß die Weltgeschichte das Weltgericht bedeutet. „Laßt uns zum Schutz des hart bedrängten Port Arthur schnell zum heiligen Seraphim beten!" rief die russische St. Petersburger Zeitung dieser Tage in einem alle Mirakel der allein rechtgläubigen Kirche anrusenden Aufsatze aus. Bange Verzagtheit ergreift plötzlich dort die Mächtigen, welche mit Heiligenbildern und Mirakeln ihre starr am Bilderdienst hangenden Gläubigen zu beschwichtigen gewohnt waren. Die Propheten Israels haben ja in hohem dichterischen Schwung längst solche bangen Stunden der Feinde des Herrn trefflich geschildert und diese Propheten, welche in Geistesfreiheit und unerschrockenem Wahrheitsmut als der wahre sittliche Adel der Menschheit einst ganz Israel voranleuchteten, wußten, warum sie die Herzen durch ihre Visionen erschütterten. Denn auch bei uns hat es zu allen Zeiten Verzagte und Kleingläubige gegeben, die energisch aufgerichtet und aufgerüttelt werden mußten, wollte man sie nicht der zum Abfall lockenden und von außen dräuenden Gewalt kraftlos preisgeben. Noch heute gilt es namentlich die Heranwachsende Jugend in unseren Reihen zu schützen, die gar oft aus Mangel an Erfahrung zwische Scylla und Charybdis hin- und hergeschleudert wird, indem man ihr von rechts und links einreden will, die Ideale ihrer Väter seien wertlos, seien längst durch den Fortschritt der Menschheit überholt. Da jener nordische Dichter und Denker, der so gewaltige Breschen in den Aberglauben der Menschheit gelegt hat, zugleich mit Recht der Führer auch unserer Jugend ist, die mit dem Strome der Zeit vorwärts geht, haben wir aus Ibsens jetzt erscheinenden oben erwähnten Briefen an einen unserer geistig hervorragenden Glaubensgenossen das Wort von den Juden als „dem Adel der Mensch- , heit" gewissermaßen als Neujahrsparole für unsere Jugend herausgesucht. Solch ein Wort aus solchem Munde stählt im Kampfe gegen freche Angreifer, es bewahrt aber auch vor dem Uebermut, der leichter als früher die Herzen unserer Jugend ergreift. Da mag der Klang der Schofartöne, ein Blick in den Ernst der Zeit, die ja an unseren Grundfesten nicht vorbeigeht, ohne an ihnen zu rütteln, auch der Jugend die sittliche Kraft wieder Herstellen, die sich bewußt ist, nicht in eitlem Paradieren mit dem „Nimbus des auserwählten Volkes" ihr religiöses Ideal zu sehen. Fürwahr, auch im neuen Jahre wird Israel nicht wanken und weichen. Israel dankt jedem, der ihm ein Mahnwort zur sittlichen Selbstkritik zuruft, es freue sich aber auch, an seinem Feste namentlich, über jedes Wort der Anerkennung, das aus berufenem Munde es bei der schweren Wanderung, abseits von den gebahnten und privilegierten Wegen der Völker, begleitet. Die Märtyrerlegenden unseres Roschhaschonoh-Festes erzählen erschütternde Dinge von den furchtbaren Sünden, welche der Haß an unseren Vätern verübt hat und doch freuen wir uns an unserem Feste, das so ernste Mahnungen aus der Vergangenheit enthält, so schwere Töne bezüglich der Gegenwart anschlägt und so ergreifend zum Ausharren für eine glorreiche Zukunft aufruft. Mögen auch Myriaden sinken uns zur Rechten und zur Linken, die Zukunft ist in der Tat unser. Dem Juden ist die Religion nicht eine Narkose, eine Betäubung für wenige Stunden flüchtiger Rührung, auch kein Mirakel, das die Gesetze der Natur ausheben soll und das der Wissenschaft Hohn spricht. In unseren Häusern soll Friede und fortschreitende Erkenntnis herrschen, und kommt dann einmal eine Sturzwelle des Hasses, die uns weit zurückzuschleudern wähnt, so wird sie trotz allen Dräuens alsbald wieder in ihr Nichts zusammensinken. Die Wellenbewegung aber ist uns ein Bild unseres durch die Geschichte bestätigten Vorwärtsschreitens. Nicht überraschen darf uns die Flut, wie sie, allem Anschein nach, im vergangenen Jahre den auf sein Prestige und seine Macht so stolzen russischen Koloß überrascht hat. In Bereitschaft fein, das ist alles, und auch die friedfertigste Gemeinschaft muß am Rande eines neuen Jahres Umschau halten, muß-stetig achten lernen im Völkerleben aus Ebbe und Flut. Wie schnell sich die Zeiten ändern aus kleinen Ursachen her, lehren nicht nur die jetzigen auch in das Wohl und Wehe so vieler Juden einschneidenden Ereignisse im fernen Osten, sondern die ganze Entwicklung unserer Gemeinschaft ist ein Beweis dafür, daß nicht brutale Kraft und nicht die Stärke der Massen in der Geschichte siegt, sondern allein der Geist Gottes. Die Woche. Berlin, 6. September, it dem Ende der Ferien beginnen wieder die allgemeinen Erörterungen über den konservativ-nätionalliberalen Schulantrag. Auch in unseren Kreisen rüstet man : sich zur Stellungnahme. Der Ausschuß des „Verbandes der deutschen Juden" hat,-wie wir hören, eine Petition an die Staatsregierung beschlossen, in der die berechtigten Forderungen der preußischen Juden auseinandergesetzt werden. Volle Klarheit über die Stellung derselben zu dem Antrag wird freilich erst dann geschaffen werden, wenn man die Stimmung in den verschiedenen Berufskreisen über diese vitale Frage genau ' kennen wird. Inzwischen belehren uns nur die Stimmen aus : dem konservativen und agrarischen Lager darüber, welche Gefahren gerade für uns als Juden aus dem jenem Anträge zugrunde liegenden Prinzip notwendig erwachsen müssen. Die „Kreuzzeitung" schlägt sogar schon jüdische Gymnasien und Universitäten in Berlin vor. Das edle Blatt nimmt zu einem angeblich aus jüdischen Kreisen laut gewordenen Wunsche nach jüdischen Volksschulen folgendermaßen Stellung: „Wir können das Verlangen der Juden wohl verstehen und billigen es durchaus — in beiderseitigem Interesse. Freilich wird die Sache ihre Schwierigkeiten haben, da die weniger wohlhabenden Inden, die ihre Kinder in die. Gemeindeschulen schicken, zu sehr zerstreut wohnen. Dagegen wäre es ein leichtes, in Berlin W. ein jüdisches Gymnasium einzurichten. Das „Französische Gymnasium" brauchte nur seine Schüler an das „Wilhelmsgymnasium", dieses seine christlichen Schüler an das „Französische Gymnasium" abzutreten und das jüdische Gymnasium in der Bellevuestraße wäre fertig. Die Frequenz beider Anstalten würde keine Schwankung erleiden, denn beide haben etwa zur Hälfte jüdische Schüler. Bis zu jüdischen Universitäten schwingt sich unsere Phantasie heute noch nicht aus. Aber schön wären auch sie — für uns andere." Die antisemitische „Deutsche Wacht" bemerkt dazu: „Das klingt reichlich ironisch." Es soll aber eigentlich gar nicht ironisch gemeint sein. Ebenso heuchlerisch-freundlich stellt sich die agrarische „Deutsche Tageszeitung" zur Sache: „Dabei soll unseren andersgläubigen, insbesondere den jüdischen Mitbürgern durchaus kein Unrecht geschehen. Sie sollen vielmehr überall, wo es nur möglich ist, besondere jüdische Volksschulen und auch besondere jüdische Mittelschulen haben. Auch sie haben ein Recht darauf, daß die Erziehung in dem Geist des Elternhauses, aus dem sie stammen, geleitet werde. Wir haben ^durchaus nichts dagegen, daß der Staat auch ihnen gegenüber mit feinen Mitteln helfend und unterstützend eingreift, wo und soweit es notwendig und geboten erscheint. Die ausgleichende Gerechtigkeit, soll geübt werden; ja, wir würden im Fall des Bedürfnisses, das allerdings nachgewiesen werden müßte, für eine recht ausgiebige Unterstützung zu haben sein.

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