Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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68. Jahrgang. No. 37. Berlin, 9. September 1904 Ein unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. | Abonnements. Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin I unter Streifband, bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpele». Begründet von Rabbiner D*- Ludwig Phillpxsou. Verlags-Expedition: Berlin, Jerosalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Akosse, Berlin. Lolchhslchünoh. _ Berlin, 7. September, ls vor Jahresfrist der Gedenktag des religiösen Neujahrs in Israels Häusern und Gotteshäusern allenthalben auf dem Erdenrunde wieder begangen wurde, konnte niemand mit irgendwelcher Bestimmtheit voraussehen, welche schicksalsschweren Veränderungen, wie sie heute ein Krieg, wenn auch im fernen Osten, für die gesamte Menschheit mit sich führt, das neue Jahr der Welt bescheren sollte. Und wer von uns wollte jetzt, wv wieder der ernste Schall des Schofars uns aufrütteln soll aus dem dumpfen Gleichgewicht des Alltaglebens, sich erkühnen, vorauszusagen, welches Steinchen bis zum nächsten Roschhaschonoh ins Rollen gelangt sein, welches Völkergebilde dann binnen kurzer Frist in allen seinen Fugen erdröhnen wird. Israels Sendung unter den Völkern war und ist stetst eine friedliche; nicht wir sind es, die allenthalben von Waffen starren, und die in der schönen Gotteswelt, die Raum für alle hat, den männermordenden, das Glück der Familie zerstörenden Kampf aller gegen alle zu entfesseln drohen. Unsere Propheten, unsere Gebete, unsere Lehre wollen Frieden, und Israel hat es bisher verstanden, seine heiligsten Güter auf friedlichem Wege zu wahren, und so soll es auch fürder für die gesamte Menschheit sein. Der größte Segen dieser hohen und ernsten Tage, denen wir jetzt entgegengehen, liegt in der inneren Läuterung, welche unsere religiösen Feste dem einzelnen bringen sollen. Kann der einzelne aber diese Reinheit und Läuterung der Seele wohl durch ernste Selbstprüfung erlangen, bei der es für den Israeliten keines Mittlers zwischen ihm und dem Heiligtum, das er in sich aufrichtet, bedarf, so wird diese Selbstkritik für unsere ganze große Gesamtheit zumeist schon weit schwieriger. Da muß es uns, denen das Urteil der sittlich Besten allein hier maßgebend ist, dann mit besonderer Freude erfüllen, daß einer, jener großen modernen Seher und Propheten, ein Dichter, der als das Gewissen der fortschreitenden Kulturwelt längst allgemein anerkannt ist, Israel in einem in diesen Tagen neugedruckten Briefe als den „Adel der Menschheit" bezeichnet hat. Henrik Ibsen schrieb 1870 in der Blüte seiner Kraft dieses Wort von „den Juden, dem Adel der Menschheit", weil sie nicht nur staatlichen Phantomen und Konstruktionen nachgingen, Vergrößerungsgelüsten, die zu Kämpfen, wie jetzt in Asien, führen, sondern weil sie die sittliche Entwicklung der Individualität, und nach ihren religiösen Lehren die Erziehung des Menschengeschlechts anstreben. Wenn der Staat das Höchste ist, wie es ein älterer Lehrer der Pädagogik jetzt vom Universitätskatheder emphatisch verkündet, so kann durchseine Eingriffe die religiös-sittliche Entwicklung in Konfliktsfällen unterbrochen werden, und es könnten auch Uebermut und Ueberhebung unter dem Scheine der Staatsautorität die Gewissen zu beugen suchen. Man braucht nicht soweit zu gehen, wie Ibsen, der im obengenannten Zusammenhänge erklärt, daß der Kellner der beste Soldat ist, weil er gewohnt ist, seine Individualität auch im bürgerlichen Leben unterzuordnen, aber man wird zugeben, daß der protestantische Dichter aus dem hohen Norden, der das Wort von Israels sittlichem Adel gerade in Nom niederschrieb, richtig gesehen hat, da eben nur das Judentum kein Dogma kennt, welches die Gewissen knechtet, und daß es darum keinerlei Polizeibüttel oder Staatsmittel hinter sich zu seinem ewigen Bestände gebraucht hat, obwohl es stets der Staatsautorität das Pflichtschuldige gegeben hat und oft, mitunter leider unter mittelalterlichem Druck, weit mehr als das hat leisten müssen. Auch durch unsere Roschhaschonohgebete, die das Heil für die gesamte Menschheit mit erflehen, zieht sich noch ein gutes Stück der Klage und des Angstrufes aus jenem Tal der Tränen, das leider das ganze Mittelalter bis in die neueste Zeit hinein (so in Rom z. B.) für die Juden als „Äd'el der Menschheit" darstellte. Wen hätten jene erschütternden Angstschreie und Schutzbitten, die sich in unserem „Owinu malkenu“ an Gott als den höchsten Richter wenden, nicht schon tief bis ins Mark gerührt und mit dem innigen Gedanken erfüllt: Was muß eine Gemeinschaft gelitten haben, die alljährlich so erschütternde Bitten aus tiefster Seele erschallen ließ und die selbst die Furcht vor falschen Anklägern und Drängern in ihr ernstes Festgebet am hohen Neujahrstage aufnahm! Für ein adliges Bewußtsein im besten Sinne und zugleich für das Vorwärtsstreben, das allen Schutt der uns niederbeugenden Vergangenheit abstreift, zeugen darum unsere heutigen Fest-- gebete, wie sie aufgeklärte Männer von dem Wust des Mittelalters befreit und mit dem Geist der Zeit, in der wir leben, in Einklang gebracht haben. Freuen wir uns auch nun heute des Wortes Ibsens von den Juden als dem „Adel der Menschheit", so wußten unsere Lehrer doch auch genau, wie schnell der schädliche'Dünkel den Menschen ergreift und noch dazu den sich edler als andere oder gar privilegiert dünkenden. Gerade das Roschhaschonohfest erzählt mit beredter Stimme, daß dereinst beim Hall des großen Schofars alle künstlichen Schranken, welche die Menschheit im Schatten einer überlebten Vergangenheit aufrichtet, fallen müssen. Schon sehen wir das Morgenrot besserer Zeiten auch im kulturfremden Osten! Da ist das in diesem Jahre durch harte Kriegsnot bedrängte russische Reich, welches in seinem offiziellen Gesetzbuch noch immer den Juden ein