Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- Seite 432 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Möglichkeit biete, alle drei zu retten, führte ihn noch an demselben Abend aus. — Vater Martens und Mutter Ursul waren ihr als bessere Menschen mit humaneren Gesinnungen bekannt; sie waren auch kinderlos: sie nahm daher das Kind von der Seite der schlummernden Mutter, wickelte es in einen Polstör, um es gegen die rauhe Luft zu schützen, und legte es vor Martens Tür. Sie machte absichtlich ein Geräusch, um hie inLdem Zimmer Anwesenden hinauszulocken, und schlich davon. Wieder zu Hause angekommen, fand sie die bereits erwachte Wöchnerin wegen des vermißten Kindes in Tränen zerfließend; die Großmutter aber sagte mit Standhaftigkeit: „Ich habe das Kind der Obhut Gottes übergeben; sei also unbesorgt! Er wird es schützen und über kurz oder lang uns mit demselben vereinigen. Nun mache Dich auf, damit wir heute Nacht noch eine Strecke zurücklegen; und so der Herr uns leitet, werden wir nach wenigen Tagen bei Deinem Manne sein." Es verflossen aber mehr denn drei Wochen, bis sie' dieses ihr Ziel erreichten; nicht zu gedenken der vielen Mühseligkeiten, die sie während ihrer Wanderung auszustehen hatten. Zum Glücke wußte die Großmutter die Namen der Orte, wo mein Vater Geschäftsverbindungen hatte; sie fragte nach und erfuhr, daß er von einer gefahrdrohenden Krankheit ergriffen in Görz darniederliege. Die zwei Frauen eilten dahin. Das Erscheinen seines ermordet geglaubten Weibes sowie seiner Schwiegermutter wirkten indessen wohltätig aus ihn. Er genas. Görz blieb nunmehr der stete Wohnort meiner Eltern, deren einziges Dichten und Trachten es war, zu dem Besitze des Kindes zu gelangen, das in Marburg zurückgeblieben war. Mein Väter erachtete es für gefahrvoll, selbst hinzureisen, weil er dort allgemein bekannt war; daher unternahm es meine Mutter, als Tirolerin verkleidet, nach Marburg zu reisen. Ihr Plan war, Märiens zu entdecken, ihm eine Summe Geldes anzubieten und sich so den Wiederbesitz ihres Kindes zu erkaufen. Als sie aber in Marburg war, erkannte sie erst die Gefährlichkeit, ihr Geheimnis preiszugeben. Ich war in der Religion meiner Zieheltern erzogen worden; es stand nicht zu erwarten, daß Märiens und Ursula, als fromme Katholiken und der Geldsucht wenig ergeben, mit leichten: einer Jüdin ein Kind ihres Glaubens überlassen würden, daß sie obendrein zärtlich liebten. Am meisten aber wurde sie bedenklich, da sie merkte, welchen Einfluß Herr- Tanger auf Vater Märiens ausübte. Ich weiß mir den Grund nicht zu erklären; aber meine Mutter versicherte, daß unter allen hiesigen Einwohnern Herr Tanger ihr das größte Mißtrauen einflößte. Man einigte sich also darüber, die Reife meiner Jahre und nreines Verstandes abzuwarten, um sodann mir selbst das Geheimnis zu entdecken, und somit durch Erregung meiner kindlichen Gefühle in mir eine Hilfsgenossin zu erwerben. -- Hierin hat man sich auch nicht getäuscht. Während meine Mutter mir das eben Erzählte umständlich mitteilte, schwoll mein Herz an in Gefühlen der Liebe und Sehnsucht. Ich fühlte in nur eben so die Pflicht wie das Bedürfnis, den teuern Angehörigen durch liebevolle Hingebung einen möglichen Ersatz zu bieten für so vieljährige Angst und Pein." Klara schwieg und auch Joseph fand einige Minuten lang keinen Ausdruck für die Empfindungen, welche in seinen: Innern durch das Mitgeteilte wachgerufen worden waren. „Was soll nun geschehen?" fragte er endlich kleinlaut. „Meine Mutter erwartet mich in Feistritz, wohin sie voraus eilte, um mich daselbst zu empfangen. Ich werde also heute nacht diese Gegend heimlich verlassen, um zu ihr zu gelangen und dann mit ihr dahin zu eilen, wo so viele gute Herzen mir entgegen schlagen." ' „O, meine teure' Klara! wenn Du die innige Liebe, die ' uns seit unserer zartesten Jugend so fest umschlang, nicht mit einem einzigen Riß vernichten willst, so gewähre mir eine Bitte." -; „Alles, guter Joseph! Was Du auch verlangen magst, wenn es mir nur nicht den Weg zu meiner Mutter verhindert, bin ich zu tun bereit." „Im Gegenteil; Du sollst um so sicherer zu Deiner Mutter gelangen, da ich entschlossen bin. Dich dahin zu geleiten; denn für Dich allein wäre ja eine solche Wanderung unsicher und gefahrvoll. Ich werde hingegen heimlich die Anstalt treffen, daß ein Wagen uns auf der Straße erwarte, der uns schneller an das Ziel bringen soll: wir werden sonach, bis ruan hier unsere Flucht wahruiurmt, gesichert sein vor jeglicher Verfolgung." „Was verlangst Du also von mir?" „Ich verlange bloß einen Aufschub von einen: Tag für unsere Flucht, Ich kann heute nicht fort, da ich Herrn Tanger versprach, mich morgen zum Abschied bei ihm einzustellen. Du verlierst durch die Verzögerung nichts, weil uns zwei gute Pferde schneller an das Ziel bringen werden, als wenn wir heute auf unbekanntem Wege eine Fußreise unternehmen. Außerdem könntest ja Du ohne getroffene Veranstaltung bei Nacht gar nicht über den Draufluß, den wir passieren müssen, un: nach Feistritz zu gelangen." Klara reichte ihm zum Zeichen des Einverständnisses ihre Hand. Sie traten den Rückweg an; währenddessen sie noch Maßregeln besprachen, die ihnen zu ihren: Vorhaben nützlich düuchten. (Fortsetzung folgt.) -MW- Literarische Mitteilungen. „Min religion og min lifsanskuelse“ („Meine Religion und meine Lebens anschauung") von Professor D. Simonsen, emer. Oberrabbiner iy Kopenhagen (Sep. Abdruck von Dansk Tidsski-ift). Diese Schrift, entsprechend den Maimuni'schen-Glaubensartikeln, enthält in gedrängter Kürze aber in erschöpfender Weise, in voller Klarheit und Anschaulichkeit die Fundamentallehren des Judentums. Der Inhalt derselben ist, wie bei solchen Arbeiten selbstverständlich, alt, so alt wie das Judentum, das trotz der mannigfachen Wandlungen und Modifikationen in seinem Wesen unverändert geblieben. Neu aber, glänzend und fesselnd ist die Darstellung, und das Ganze von einer religiösen Wärme durchweht, die den Leser mächtig erfaßt und erfüllt und er am Schlüsse unwillkürlich ausrusen muß! Ttfön narr Zur vollen Würdigung und zum richtigen Verständnisse dieser Schrift ist es aber unerläßlich, die Genesis derselben zu kennen. Die „freie Kirchengemeinde" in Kopenhagen hatte nämlich eine öffentliche Versammlung veranstaltet, zu welcher einige durch Geist und Wissen hervorragende Vertreter der verschiedenen Religionsbekenntnisse eingeladen wurden, um die wichtigsten und wesentlichen Lehrsätze ihres Glaubens für religiöse Welt- und Lebensanschauung zu. verkünden und zu begründen. Der gelehrte Verfasser leistete dieser Einladung Folge und die vorliegende Schrift ist im wesentlichen die Wiedergabe des Vortrages, den derselbe bei dieser Gelegenheit vor einem nach Tausenden zählenden Publikum gehalten hat. Obgleich nun unter diesen Umständen eine Polemik unvermeidlich war, hat dieselbe die religiösen Gefühle der Andersgläubigen, weil sie in einer feinen, vornehmen Weise geübt wurde, nicht verletzt. So hat denn der gelehrte Verfasser seine schwierige Ausgabe auch nach dieser Richtung hin glänzend gelöst. Malmö. Dr. Joses Wohlstein. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion Max Bauch Witz in Berlin.