Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- Seite 431 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228618--61077-3274881- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nicht nach einer vorgeschriebenen Prozeßform und auch nicht aus Grund des Landesgesetzes leitete. Der Rothschild Zentralasiens führt im Hause und in der Gemeinde ein ganz und gar patriarchalisches Regiment. Nicht nur in Streitigkeiten unter Juden, sondern auch zwischen Juden und Mohammedanern wird er als Schiedsrichter gewählt, und noch nie hat man seiner Entscheidung zuwider gehandelt, selten über sie gemurrt. Der erwähnte Korrespondent war bei einer solchen Verhandlung zugegen. Ein Jude führte Klage, daß er einem anderen fünfzig Rubel geliehen habe, um Ware kaufen zu können, und daß der Schuldner die Summe nicht Zurückzahlen wolle, ja leugne, daß er sich überhaupt Geld geborgt habe. Ahron ben Chassokh schickte nach dem angeblichen Schuldner und beide Männer standen nun vor ihm, der wie ein richtiger Kadi mit gekreuzten Beinen auf einem Kissen saß. Eine Thorarolle wurde aus der kleinen Synagoge herbeigebracht und vor den beiden Streitenden niedergelegt. „Lege Deine Hand auf die Thora," sagte Ahron ben Chassokh zu dem Kläger, „und schwöre, daß Du das Geld geliehen hast, und Du," sagte er, zu dem Beklagten gewandt, „halte die Thora und schwöre, daß Du das Geld nicht bekommen hast." Beide taten, wie ihnen geheißen. Dann fragte der jüdische Kadi: „Hast Du einen Zeugen, der gesehen hat, daß Du dem Beklagten das Geld geliehen hast, oder hast Du eine schriftliche Anerkennung vom Schuldner?" „Nein," sagte der Kläger. „Alsdann," erklärte Ahron ben Chassokh, bin ich genötigt, gegen Dich zu entscheiden. Du verdienst Deinen Prozeß zu verlieren aus drei Gründen : nach der Thora, nach der Geschästspraxis und wegen der Moral. Du hast nicht das Recht, einem andern Geld zu leihen ohne Zeugen und ohne schriftliche Anerkennung. Das ist gegen die Thora, denn es führt zu Streit. Es ist auch gegen den Geschäfts gebrauch, denn kein vernünftiger Geschäftsmann würde so etwas tun, und es ist auch gegen die Moral, denn es verleitet einen Mitmenschen direkt zur Sünde." Und beide Parteien gingen zufrieden davon. Wie dem Berichterstatter nachher bekannt wurde, hat Ahron ben Chassokh dem Kläger bald darauf fünfundzwanzig'Rubel geschenkt, um den Verlust zu verringern und ihn doch noch empfindlich genug sein zu lassen, danüt der Mann später bei solchen Geschäften vorsichtiger sei. Nichts scheint merkwürdiger zu sein, als daß selbst in Zentralasien es Juden gelingen kann, zu großem Reichtum und zu angesehener Stellung zu gelangen. Ahron ben Chassokh ist keineswegs der einzige sehr reiche Jude in jenem asiatischen Teile Asiens, er ist nur der weitaus reichste, er ist der anerkannte „Rothschild". Eine seltene Begabung und große Zuverlässigkeit, dabei außerordentlicher Takt sind wohl die unentbehrlichen Vorbedingungen zu solchen Erfolgen. Wie man sich denken kann,' ist in Zentralasien es noch viel weniger, zumal für Juden, ratsam, mit hohen Herren Kirschen zu essen. Ahron ben Chassokh weiß sehr wohl, wie es etlichen seiner jüdischen Vorgänger ergangen ist. Einer ist an den Beinen in einem in einer Höhe von hundertsünszig Fuß schwebenden Käsig anfgehängt worden, weil der vorsichtige Mann — unvorsichtig genug war, eine vom Emir gewünschte Anleihe ohne Sicherheit zurückzuweisen. Ein anderer ist im Diwan erdrosselt worden, weil er zu bereitwillig sich erbot, Geld zu leihen und dadurch verriet, daß er viel Geld hatte und es sich dem Emir verlohnte, sich höchstselbst zu seinem Erben zu machen. Ein dritter ist in Del gesotten worden, und zwei andere sind auf auch nicht angenehme Weise aus der Welt hinaus befördert worden. Der jetzige Emir hat nicht dergleichen asiatische Passionen. Er könnte sie auch nicht befriedigen; denn er hat nicht die Macht dazu. Seltsamerweise schützt dasselbe Rußland, das die Juden in Kischinew massakrieren läßt, sie in Zentralasien vor despotischen Uebergriffen. Nicht minder seltsam ist, daß seit dem russischen Regime die Juden in Buchara nicht mehr eine bestimmte Tracht zu tragen brauchen, die ihnen das frühere Regime aufgezwungen hat. Wenn sie es aus alter Gewohnheit dennoch in den drei Khanaten noch immer tun, so ist das ihr freier Wille. Rußland scheint seine Kulturmission in Asien besser als in Europa inbetreff der Juden zu erfüllen, und jedenfalls verdankt der Rothschild Zentralasiens ihm ein größeres Sicherheitsgefühl. Das sieht man ihm auch an, wenn er mit orientalischer Feierlichkeit und Grandezza über die Straße geht. Denn nur zu Hause ist Ahron ben Chassokh ein schlichter, liebenswürdiger Mann; vor der Oefsentlichkeit setzt er, wie übrigens alle Orientalen, Juden oder Nichtjuden, eine ganz andere Miene auf. Jedenfalls rühmt alle Welt des zentralasiatischen Rothschild Wohltätigkeit und spricht von ihm mit größter Verehrung. L. K. D. Bsasa flus der guten alten Leit. Historische Erzählung von Edmund Gregory. M^lara hielt einen Augenblick stille. Dann fuhr sie in der Erzählung ihrer Lebensschicksale fort. „Sobald die Mutter auf das für sie bereitete Lager kam, verloren sich die falschen Wehen, welche bloß eine Folge des plötzlichen Schreckens gewesen sein mochten; dennoch aber fühlte sie sich wie gelähmt, und vergebens versuchte sie in der nächstfolgenden Nacht aufzustehen, um auf Abwegen sich aus dem Orte zu entfernen. Nach einigen Tagen brachte sie mich zur Welt. Nun fing aber der Vorrat an Lebensmitteln auszugehen an. Wohl erklärte sich die unglückliche Wöchnerin hereit, alle ihre Kraft zusammenzunehmen, um ihrer Mutter auf der Flucht zu folgen; es war jedoch an die Möglichkeit, auch den Säugling mit sortzubringen, gar nicht zu denken; denn selbst die alte Frau war durch den Aufenthalt in der Kellerluft am rechten Arm gichtisch geworden. „Wenn wir nicht alle drei hier im Keller' oder auf der ohnehin gefahrvollen Wanderung umkommen wollen," sagte die Großmutter, müssen wir einen energischen Entschluß fassen." — „Worin soll djeser Entschluß bestehen?" fragte die Mutter händeringend. — „Wir müssen," war die Antwort, „das Kind hier zurücklassen und allein flüchten." . . Meine arme Mutter sing an allem Gliedern zu zittern an; sie konnte den Gedanken nicht fassen, wozu sie ihr eigenes Leben zu fristen trachten sollte, wenn sie das Kind von sich lassen müßte. „Sind wir zwei nur einmal wieder auf sicherem Boden," fuhr die Großmutter fort, „und haben wir nur erst Deinen Gatten aufgesunden, werden wir schon auch das rechte Mittel finden, uns unser Kind wieder zu verschaffen. , Die Habgierde wird hoffentlich die Menschen hier bereitwillig. machen, ein Lösegeld anzunehmen. Die Zeiten werden überdies nicht immer so barbarisch bleiben." Die Mutter wollte durchaus in den Plan nicht eingehen; die Großmutter aber, überzeugt, daß derselbe allein die