Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- Seite 425 (sequence 5)
- Language
- German
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verdeckten Gegner zu Leibe rücken, der mit der scheinbar unwiderlediglichen Sicherheit des Kundigen austrat und für seine vagen Behauptungen alte Weisheiten anführte, die längst nur noch Phrasen sind. Was sagt dieser aber zu einer ganz alten Weisheit, die lange vor dem neuzeitigen Antisemitismus, im Jahre 1812, ein Mann aussprach, der den in der preußischen Geschichte nicht ganz unbekannten Namen Hardenberg führte: „Man darf als ersahrungsmäßiges Resultat annehmen, daß die Juden des. preußischen Heeres Von den Soldaten der christlichen Bevölkerung im allgemeinen nicht erkennbar unterschieden sind, daß sie im Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt, im Frieden den übrigen Truppen nicht nachgegestanden haben, insbesondere die jüdischen Religionsverhältnisse nirgends als ein Hindernis beim Kriegsdienste hervorgetreten sind." Wie stand es denn damals um die Disziplin und das Wohl des Staates, Herr v. Wartenberg? Ein jüdischer Reserveoffizier. Aphorismen. . Von Professor Dr. M. Lazarus.^) ie apologetische Richtung hemmt den Fortschritt, weil sie sich der Kritik des Unvollkommenen entschlägt. An jenem Tage, an welchem mit der juristischen Deutung, Auffassung, Ausbildung rc. des „Gesetzes" gebrochen, — der Sinn, der Verstand, der Geist, der Zweck und Erfolg des Gesetzes beachtet und zur Richtschnur seiner Ausführung erhoben wird, an jenem Tage wird das Judentum sich verjüngen. Es gibt eine übertriebene Ausbildung, eine verwirrende Wertschätzung, eine irreführende, weil unterschiedslose Pietät. Dies Beharren bei dem Alten, weil es alt ist, — dies Leugnen des Fortschritts in der Entwicklung, diese Behauptung, daß alles schon früher gewußt und gekannt und besser gewußt und gekannt war, mag für den einzelnen eine Tugend der Bescheidenheit bedeuten, für die Gesamtheit ist es eine Lüge. Die bloße Wiederholung des Erkannten, Errungenen mag des einzelnen Glück und Genüge sein, für das Ganze ist es ' das Signal des Unterganges. , Es kann und darf der Religionsgemeinschaft nicht gleichgültig sein, ob eine große Zahl von Männern, auf welche sie stolz ist, welche ihren Ruhm ausnmchen, Männer, die nicht aus Frevelmut, nicht aus Nachlässigkeit die Gesetze verletzen; Männer, reich an echter religiöser Gesinnung (Veit, Sachs, Zunz), daß diese die Gesetze im Herzen nicht anerkennen; noch weniger, wenn auch die Lehrer vieles nicht befolgen; noch weniger, wenn sie es befolgen, über innerlich verwerfen! — Weil man die Erfüllung des Gesetzes nicht von der Erkenntnis des Grundes abhängig machen dürfe; — denn der h Zur Erinnerung an den unvergeßlichen Meister, dessen achtzigster Geburtstag am 15. d. M. gefeiert worden wäre, aus einem . größeren noch ungedrnckten Werke desselben über die Reform des Judentums. Die Red. Grund ist oft zweifelhaft, aber das Gesetz ist klar: daraus c folgerte man: also darf man um den Grund sich nicht kümmern, t Dagegen: 1. Oft ist Grund und Quelle verwechselt; nach letzterer e soll man immer fragen. t 2. Oft ist der Grund ebenso klar wie das Gesetz; er ist t aber hinfällig geworden, also auch das Gesetz hinfällig, z. B. alle Geserot. 3 * * * c Friede in der Gemeinde ist schön, aber Duldung der Un- - wissenheit ist unheilvoll. t * * * - . Durch Aufklärung — da sie nicht überall stattfindet, - fürchtet man, kann die Einheit und Gleichheit des Judentums gestört werden. Hat denn Einheit und Gleichheit in einem solchen Sinne s jemals stattgefunden? Gewiß werden nicht alle übereinstimmen. Haben sie es je getan? Hat es im Judentum jemals eine absolut einheitliche, von allen anerkannte Lehre gegeben? Was sehen wir in der Mischnah? Kaum eine einzige! Halachah in ihr, über die nicht gestritten wird, j Nun sagt man: sie streiten um Untergeordnetes. Hat es je für die Halachah Untergeordnetes gegeben? War nicht alles, o alles ungeheuer wichtig? Nein: das Untergeordnete ist 'der — Streit. a Das, wodurch wir uns von der früheren Behandlung l> unterscheiden werden, unterscheiden wollen, unterscheiden 3 sollen und müssen ist dieses: was wir als Wahrheit 3 erkennen, muß auch als Wahrheit anerkannt n werden, muß als Wahrheit gelten. ie Von manchem Großen in Israel darf man sagen: er t hat es gut gemeint, aber er hat die Wahrheit nicht geliebt,' sondern den Scharfsinn. s * Ja, wenn man über den Buchstaben völlig einig wäre, st einig darin, daß man in seinem Herzen, daß man ihn mit x gutem Gewissen als zu Recht bestehend ansehen könnte! e. Wenn aber Rabbiner, redliche Leute, brave Männer, ohne irgend einen Skrupel, ohne jedes Gefühl des Frevels' gegen g den Buchstaben handeln, dann ist die Festhaltung seiner .§ Autorität in Wirklichkeit unmöglich, und als Tatsache — eine Gotteslästerung; eine Lästerung Gottes, meine ich, dessen Siegel die Wahrheit ist. 1- * * * ie Von jetzt.ab sollten wir nur das bekennen, was wir heute st nach unserem religiösen Wissen und Gewissen für Rechtens halten, was wir als mit dem Geist des Judentums übereins, stimmend erachten, — also nicht aus'irgend einem geschriebenen i; Gutachten, aus irgend einen: veralteten gedruckten Codex, :; sondern aus der Kenntnis des gesamten Inhaltes des Juden- :- tums und aus der eigenen festen Ueberzeugung heraus — sollten wir unsere Entscheidungen treffen, zum Heil und zur Erhaltung seiner Bekenner. n Was wir wollen ist volle, ganze, innere und äußere )ts Wahrhaftigkeit. - Redliche Forschung auf jedem Gebiet, also m auch in bezug auf alle Tradition. es Was wir nicht glauben können, sollen wir nicht glauben.