Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- Seite 424 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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denkenden und Gleichgesinnten unter den preußischen Offizieren erwarten, die sich nicht einmal Gedanken über derartige Fragen machen, sondern nur den ausgesahrenen Weg weiter ziehen. Und doch sie find leichter zu besiegen und zu bekämpfen, weil sie — offen sind. Der Oberstleutnant von Wartenberg ist es nicht in seinen Anschauungen, denn er ahnt, daß er eine ungerechte Sache verficht, aber er tut es doch; der Jude wird verbrannt. Diesmal ist die salus publica das höchste Gesetz, dem der Jude geopfert wird. Das Volkswohl ist in Gefahr, die Disziplin des gesamten deutschen Heeres, die jahrhundertelang erprobte und bewährte Disziplin, der festeste Stein des deutschen Militarismus gerät ins Wanken, droht untergraben zu werden, darum ihr deutschen Kriegsminister, seid auf der Wacht, daß der Staat keinen Schaden leide! Das deutsche Vaterland ist also in Gefahr. Und die unüberwindlichen Gewalten, die das festgefügte Reich so erschüttern, sind die — jüdischen Unteroffiziere. Es ist wirklich schwer, dabei ernst zu bleiben und die Satire nicht zu. schreiben. Aber der Herr Oberstleutnant von Wartenberg sagt es, und dieser alte Militärschriftsteller muß es doch eigentlich wissen. Es ist in dem schon genannten Artikel wörtlich zu lesen: „Die Staatsräson, die über der Theorie steht, verlangt, daß Soldaten jüdischen Glaubens nicht in die Charge eines Unteroffiziers vorrücken." Zwei Punkte übersieht aber der alte Offizier. Zunächst einen, der geeignet ist, seine Urteilsfähigkeit bedeutend herabzusetzen, sodann einen, der geeignet ist, ihn zu widerlegen, i . Wie kann ein Offizier, der mit den Erfahrungen einer ein ganzes Menschenleben ausfüllenden Dienstzeit arbeitet, es aussprechen, daß die Mannschaften sich gegen jüdische Unteroffiziere „innerlich auflehnen" würden? Wie stellt sich denn der Herr von Wartensleben diese innerliche Auflehnung vor? Daß die Soldaten innerlich schimpfen und fluchen, daß sie den Dienst widerwillig und ungern tun — soll uns wirklich Glauben gemacht werden, daß daran die Religion des Unteroffiziers Schuld sein sollte und nicht der harte und strenge Dienst? Glaubt denn der Herr Verfasser im Ernste, daß diese innerliche Auflehnung gegen einen christlichen Unteroffizier in geringerem Maße vorhanden ist oder auch nur um einen Deut weniger zum Ausdruck gelangt? Und selbst, wenn man die innerliche Auflehnung bedingungslos zugeben will, sie wird doch niemals äußerlich zum Ausbruch kommen, denn das würde den „christlichen Männern in ihrem Widerstreben, einem jüdischen Vorgesetzten zu gehorchen", doch wohl recht schlecht bekommen. Und eins vergißt der Verfasser ganz, daß nämlich Soldatenmißhandlungen unter jüdischen Unteroffizieren völlig ausgeschlossen sein dürften — ein Blick in die kriminalistischen Statistiken zwingt zu dieser Annahme, die ja in Deutschland leider noch nicht durch praktische Erfahrungen zu stützen ist. Aber es käme ja nur aus einen Versuch an. Der andere Punkt, der den Schritt von der Erhabenheit zur Lächerlichkeit ganz klein macht: Um . wieviel jüdische Unteroffiziere könnte es sich denn im ganzen deutschen Heere handeln, wenn den jüdischen jungen Leuten der Eintritt in die Unteroffiziersschulen bedingungslos freigestellt würde? Würden sie ein halbes Hundert — in Buchstaben: fünfzig — bei eineur Heere von einer halben Million Mann erreichen? Es ist nicht anzunehmen. Die geringe Zahl der jüdischen Handwerker und Arbeiter berechtigt zu dieser Annahme. Und die einzelnen Regimenter würden doch sicher und mit gutem Recht nur auserwählte und ausgelesene Musterunteroffiziere einstellen, so daß bei dieser Prüfung auch noch eine ganze Anzahl der Aspiranten ausgeschlossen werden würde.. Und vor dieser kleinen Zahl schon Furcht und Angst, Herr Oberstleutnant, Zittern und Zagen vor einer Gefährdung der Disziplin? Sollte man dem Oberstleutnant Glauben schenken, dann müßte einen ein banges Gefühl beschleichen, dann müßte es um das deutsche Heer ja traurig bestellt sein, wenn eine handvoll jüdischer Unteroffiziere preußischen Geist und preußischen — Drill paralysieren sollte. So schlimm wird es wohl hoffentlich nicht um uns bestellt sein — wir wollen und können nach unfern Erfahrungen, die freilich durch kein Menschenalter führen, nicht an ein jüdisches Jena glauben. . Uebrigens, der Herr Oberstleutnant widerlegt sich selbst. Er erkennt die Vortrefflichkeit der Juden als Soldaten an, „einige waren geradezu ideale Soldaten, die mich und auch andere Offiziere zu aufrichtiger Bewunderung hinrissen." Wozu also der Lärm? Der deutsche gemeine Soldat ist nicht so religiös, wie ihn der Freiherr von Wartenberg hinstellt, keineswegs ist die Frömmigkeit so scharf ausgeprägt, daß er viel nach der Religion seiner Vorgesetzten fragen würde. Wer ihm den Parademarsch beibringt und das Präsentieren, das ist ihm sicherlich gleich. Unbegreiflich'ist es also, warum sich ein guter, tüchtiger Offizier „ideale Soldaten" entgehen läßt, ohne mit ihnen zu kapitulieren. Längst ist in fast allen Ländern, in dem antisemitischen Oesterreich, in dem Lande Dreyfus^, in England, in Italien anerkannt, ein wie guter und brauchbarer Soldat der Jude ist — der Herr Oberstleutnant nennt selbst den jüdischen italienischen Kriegsminister und wagt dann noch von der Möglichkeit einer Disziplinlosigkeit in dem doch sicherlich viel besser und fester organisierten deutschen Heere zu sprechen... Nicht nur zu dem Angriff gegen den Feind im Felde gehört taktisches Verständnis, auch wenn man aus dem Papier kämpft, muß man nicht widerspruchsvoll zur Attacke schreiten. Ein Schritt vorwärts und zwei Schritt zurück haben noch niemanden zum Ziele geführt. Der Herr Oberstleutnant erkennt die ideale Brauchbarkeit jüdischer Soldaten an und spricht ihnen im selben Augenblick die Befähigung zum Vorgesetzten ab — den Widerspruch mag ein anderer lösen. Aber .... vielleicht ist die Lösung nicht schwer und liegt allzu deutlich aus der Hand: in der Wurzelsesten Antipathie' des Herrn von Wartenberg, über die auch die schönsten Worte nicht hinwegtäuschen können. Vielleicht schlummert diese ein wenig unbewußt in der deutschen Brust des ehemaligen Offiziers — aber sie ganz zu verbergen geht nicht an, trotz aller scheinbar so einleuchtenden Opportunitätsrücksichten, die gegen die jüdischen Unteroffiziere ins Feld geführt werden. Herr von Wartenberg hat verschiedentliche Entgegnungen gefunden, die teils in resigniertem Tone mit einer unabwendbaren Tatsache rechnen, teils einseitig die Frage vom Standpunkte des jüdisch Einjährig-Freiwilligen und Reserveleutnants behandeln. Das scheint uns falsch, denn dabei handelt es sich um Ausnahmestellungen, die — offen gesagt — meist durch das Geld bedingt werden. Bei der Frage, die Herr von Wartenberg angeschnitten und zur Diskussion gestellt hat — veranlaßt allerdings durch die Beschwerde des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an eine deutsche Heeresverwaltung — handelt es sich einzig und allein um den jüdischen gemeinen Soldaten; darum sind auch hier die persön- . lichen Erfahrungen des Schreibers dieser Zeilen im deutschen Heere völlig und absichtlich beiseite gelassen worden. Es kam nur daraus an, den Standpunkt des Herrn Oberstleutnant von Wartenberg möglichst objektiv zu beleuchten und zu widerlegen. Vielleicht hätte es eines so ausführlichen Eingehens gar nicht bedurft, wenn Herr v. Wartenberg mit offenem Visier gekämpft hätte, aber so mußte man einem ziemlich geschickt