Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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dürfen. § 8 bestätigt die Gesetzmäßigkeit, einiger durch die Praxis hervorgerüfener Formalitäten bei Ueberführung von Israeliten in Städte des Reichsinnern. § 9 schließlich stellt fest, daß die in den vorgenannten Paragraphen enthaltenen Bestimmungen nicht anwendbar seien auf solche Gegenden (z. B. Moskau und Sibirien. Der Referent.), in denen Sondergesetze über die Stellung von Juden existieren. Betrachten wrr einmal ganz objektiv, was diese neuen Bestimmungen den Israeliten in Rußland wirklich bringen. Auf den ersten Blick scheint sie die rechtliche Stellung der Juden sehr zu verbessern. Tatsächlich bleibt alles beim alten, bis auf einige unbedeutsame Vergünstigungen, die gerade dem kleinsten Teil der Juden zugute kommen, während die Lage der großen Masse des jüdischen Proletariats unverändert bleibt. Vor allen Dingen ist kein Gesetz geschaffen, das die bestehenden unhaltbaren Lebensbedingungen von 4,5 Millionen russischen Unterthanen von Grund aus änderte, — vielmehr hat man nichts als eine sogenannte „authentische Gesetzesauslegung" geschaffen. * Wie sehr wir recht hatten, als wir vor dein offiziösen russischen Dementi in bezug auf die letzten Judenverfolgungen warnten, zeigt der folgende Brief von durchaus gut orientierter Seite: „Was die offiziösen Auslassungen betrifft, so sehen wir gern ab von der auf gewisse Kreise berechneten, aber allzu lächerlichen Darstellung der Vorgänge in Ostrowicz, als wären sie ein Racheakt für Schläge, die ein jüdischer Knabe einem „strenggläubigen" Katholiken versetzt haben soll. Tatsache ist, daß in Ostrowicz eine strenge Untersuchung eingeleitet wurde, wenn auch nicht den Juden zu Liebe, so doch wegen des Gendarmeriehauptmanns, der während der Krawalle von den Arbeitern durch Stockhiebe und Fußtritte schwer verwundet wurde; jedenfalls ist da einige Aussicht auf Ahndung der Verbrechen vorhanden. - „Den eingezogenen Erkundigungen" über den Vorfall in Parczew müssen wir jedoch entschieden entgegentreten. Es handelt sich zunächst nicht um einen getauften Juden, sondern um eine Jüdin und nicht um eine Erwachsene, sondern um ein dreizehnjähriges Mädchen Hanne Korn aus Czenstochau, Gouvernement Lublin, und niemand wollte sie „verbergen", sondern ihre Eltern Chainr und Mhriam Korn wollten sie am hellerlichten Tage vor Gericht aus den Klauen der Jesuiten reißen. Dies verursachte wohl einen „Auflauf" von Christen sowohl wie von Juden, aber die einen und die anderen sahen anscheinend teilnahmslos dem stillen Kampfe von Eltern und wildfremden Leuten um ein Kind zu. Erst als der Vertreter des Jesuiten Klopotowski den christlichen Haufen haranguierte und der Polizeigewaltige des Ortes Maxim Tokarski drein ries: „Nun los, Jungens, nach Kischinewer Art!" während sein Gehilfe Osmalski fünf Revolverschüsse abgab, dann erst warfen sich die Christen, allerdings mit Herrn Tokarski und den Gendarmen Melnikow, Zizkin und Golod an der Spitze, auf die Juden. Daß kein einziger Christ zur Verantwortung gezogen wird, nicht einmal der famose Maxim Tokarski, dem übrigens eine der Zeuginnen vor dem Staatsanwalt Nicolai Domochowski und dem Untersuchungsrichter Alexander Karpinski den Versuch einer Notzüchtigung auf den Kopf zusagte —, darüber schweigt sich der offiziöse Telegraph natürlich aus. Dagegen sollten 60 Juden eingekerkert werden, wenn sie nicht bei Zeiten entflohen wären; nur neun befinden sich vorläufig im Gefängnis zu Siedlez, nämlich D. Adler. M. Liebermann, A. Rappoport, I. Pankiewitz, M. Feigenbaum, I. Feigenbaum, M. Oelbaum, I. Weinberg, B. Wildbaum. Welchen Vergehens sie eigentlich angeklagt werden, weiß kein Mensch." "fr Auch von neuen Judenhetzen in Befsarabien ist wieder die Rede. Nachrichten aus verläßlicher privater Quelle besagen, daß in Befsarabien in den letzten 14 Tagen blutige antisemitische Ausschreitungen vorgekommen sind, bei denen mehrere Juden getötet und etwa 80 verwundet wurden. Die Haupthetzer sind die Geistlichen, die von der Kanzel herab blutrünstige Reden gegen die Juden halten, indem sie sie unter anderem beschuldigen, den Krieg mit Japan angestiftet zu haben. Zudem wird von berufsmäßigen Agitatoren unter den unteren Bevölkerungsklassen die Ansicht verbreitet, daß die russische Regierung den Juden volle .Bürgerrechte gewähren wolle und daß die Juden dann die Herrschaft über das rechts gläubige Volk an sich reißen würden. Die Bewegung ist diesmal aus die Dörfer und kleinen Städte des flachen Landes beschränkt. Die antisemitischen Unruhen sind aber diesmal der russischen Regierung offenbar nicht erwünscht, da weitgehende militärische Maßnahmen getroffen wurden, um die Ruhe wieder herzustellen. "fr Dem von uns bereits wiederholt erwähnten Kongreßbeschluffe gemäß ist der amerikanische Botschafter in Petersburg angewiesen, bei Rußland eine andere Behandlung der amerikanischen Bürger jüdischen Glaubens durchzusetzen, als Rußland sie den jüdischen Bürgern anderer Nationen zuteil werden läßt. Die Bundesregierung besteht aus einer radikalen Aenderung der bisherigen russischen Praxis gegenüber amerikanischen Juden. Wir gestehen offen, daß uns selten eine Nachricht solche Genugtuung bereitet hat wie diese. Wir zweifeln auch nicht daran, daß Amerika seine Forderung durchsetzen wird. Man darf aber gespannt darauf sein, ob die europäischen Großstaaten sich nun anschicken werden, dem Beispiel Amerikas zu folgen oder ob sie die schmachvolle Behandlung ihrer Staatsbürger durch die russische Polizeiorgane noch weiter zu dulden gewillt sind. , Die Milchen Änterokkchiere. ie Antisemiten, die offen und ehrlich ihre Meinung sagen und aus ihrem törichten Rassenhaß kein Hehl machen, sind lange nicht so zu fürchten wie die, die immer ihre Aufgeklärtheit betonen, ihren Abscheu vor dem prinzipiellen Antisemitismus, und die doch als einziges und letztes Argument ständig wiederholen: Der Jude darf das nicht und kann jenes nicht, weil — er ein Jude ist. Nur deshalb. Bald würden ererbte Anschauungen verletzt werden, bald würde der Allgemeinheit ins Gesicht geschlagen werden, bald ist die Staatsraison in Gefahr — immer kommt die Opportunität in Frage, immer wird etwas anderes vorgeschoben werden, um das letzte Motiv zu verdecken: den reinsten, entwickeltsten Antisemitismus. Und deshalb ist so schwer gegen diese Art des Kampfes aufzukommen, weil der Gegner hinter seinem Versteck scheinbar freundlicher und ehrlicher Beteuerungen nicht leicht leicht zu fassen ist. .. Zu diesen Opportunitätsantisemiten ist nun auch der Oberstleutnant a. D. Karl von Wartenberg zu rechnen, von dessen schriftstellerischer Vergangenheit man eigentlich etwas anderes hätte erwarten dürfen. Aber — es muß doch verteufelt schwer sein wenn nicht gar ganz unmöglich — alte, eingefleischte Vorurteile abzuwersen, überwundene und überlebte Ueberlieferung neuen Ideen zu opfern. Wenn selbst ein Mann wie der Freiherr von Wartenberg sich zu so rückständigen Betrachtungen verleiten läßt, wie er sie jüngst in einer Berliner Wochenschrift unter dem Titel „Jüdische Unteroffiziere" veröffentlichte, wa^muß man dann-erst von den andern Gleich-