Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- Seite 420 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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420 bei Potsdam, die aber, wie es scheint, verkrachte. Darauf zeigte er an zwei aufeinanderfolgenden Tagen an: „Großes Konzert und wissenschaftliche Vorträge. Hierauf beginnen theatralische Vorträge, und zwar zum erstenmal: Druckers Asche auf Tornow, ein hypothekarisches Drama. Herr Professor Nudelmüller wird das mir fehlende Gesicht dazu schneiden. Zum Beschluß: Menschenhaß und Reue, Ballet in einem Aufzuge." Am nächsten Tage wird das „hypothekarische Drama" wiederholt. Hierauf folgt: Das Herumirren eines Weinreisenden in der Lüneburger Heide, in dem verzweifelten Moment, worin er, statt Kunden zu treffen, Schafhirten und einen vorüberreitenden Postillon anhült und seinen.Preiskurant ohne Erfolg übergibt." Auf die übertriebene Schwärmerei der Berliner Damenwelt bei der Anwesenheit von Franz Liszt bezieht sich folgender Scherz: „Durch einen glücklichen Zufall bin ich in den Besitz eines Hosenträgers gelangt, welchen der berühmte Virtuose Franz Liszt im Gebrauch hatte. Um den Wünschen vieler Berliner- Damen zuvorzukommen, die kein Andenken von ihm besitzen, werde ich diesen Verlegenheitsaushelfer in kleine Stücke parzellieren und so weit es der Raum gestattet, einem I—den ein Endeten zukommen lassen. Mit Zwangsjacken für tolle Frauen kann ich jedoch nicht aufwarten." Ungefähr bis zunr Jahre 1842 hat Louis Dpucker seine „vergnügte Weinhandlung" in-Berlin geführt. Dann ging es mit ihm herunter und er verschwand vorübergehend von der Bildfläche — natürlich mit einem guten Witz und der ihm eigenen Selbstironie. Er gab nämlich ein Heftchen heraus, in welchem er seine komischen Annoncen und Vorträge zusammenstellte, und zwar unter folgendem Titel: „Louis Druckers seligen Andenkens humoristischer Nachlaß. Berlin 1842. Im Verlage des Verfassers, Poststraße 5, vom 1. Oktober ab Neue Königstraße 47." Die Vorderseite zeigte das Bild des Kapellmeisters mit dem Taktstocke, der vor einem dichtbesetzten runden Tische eben das Zeichen zum Anfang gibt, auf der Rückseite ist das Berliner Schuldgefängnis „Mosers Ruh" genannt, abgebildet, darunter steht die Inschrift: „Louis Druckers Ruhestätte". Doch nach wenigen Jahren war der „vergnügte Weinhändler" obenauf. Das rege Leben und Treiben, wie es vor und nach den Märztagen des Jahres 1848 in Berlin herrschte, mußte einem Humoristen vom Schlage Druckers vorteilhaft sein und seine Weinhandlüng in der „alten Post" an der Ecke der König- und Poststraße war besuchter als je. Er verstand sich auf den Geist der Zeit und wußte, was anzog — es war die Epoche der Flugschriften- und Plakatliteratur angebrochen. Stoßen uns auch seine politisch angehauchten Maueranschläge vielfach durch Plumpheit des Inhalts ab, ist auch manche Anspielung aus die sich überstürzenden Tagesereignisse, auf Reden, Versammlungen und lokale Vorkommnisse jetzt unverständlich geworden, fast immer hat der Humor und ein origineller Einsall die Oberhand. So ließ er einmal zu Silvester ulkige, unpolitische Flugblätter verteilen und ankleben, wo im größten Folioformat gedruckt ist: Louis Druckers Prosit Neujahr. Glück, Zu, Für, Neues, Jahr, Auf, Aehr', Gesundheit, Glück, Geld, Gut, Gesang, Wein, Schöner, Mädchen, Heer, Viel, Durst, Nach, Trauben, Blut. Fidel, Conzert, Witz, Unsinn, He? Allons, Stoff, Wein, Trink', Aus, Syl, Bester, Jubel, Fest, Hurrjeh, Geld, Futsch, Und, Toller, Schmaus. Flasch', Zieht, Nicht — Druf, Faß, Komm', Her, Glas, Kling, Klang, Rutsch, Fort, Schenk, Ein, Llpp'tit, Schon, Wieder, Leer, Besuch, Lo, Cal, Auf, Wort. Freundlicher Gruß Louis Drucker, Vergnügte Wein, Handlung. Aus dieser Periode stammt folgende zeitgenössische Schilderung unseres Helden. „Drucker's Weinstube erhob sich trotz des neuen „Bayerischen Bieres" zu bedeutender Berühmtheit. Hier wurde durch attisches Salz der Durst nach saurem Weine rege gehalten. Drucker, der früher in Weinen „gemacht" hatte, machte jetzt in Witzen zu allen Zeiten das beste Geschäft, das man in Berlin etablieren kann. In einem altertümlichen Hause der Poststraße war eine zusammengedrängte Gesellschaft; es wurden die großartigsten Witze losgelassen, deren Echo man ein halbes Jahr später in den Provinzen als Neuigkeiten hörte. Es war ein Gemisch von Rausch, Katzenjammer und Vermessenheit, was hier zur nächtlichen Stunde sein Wesen trieb. Drucker, der Roue, fast immer etwas angetrunken, wenn er die Gesellschaft eröffnete, und fast ohne Lebenszeichen, wenn sie geschlossen wurde, trieb sein Witze wie ein toller Reiter sein Pferd ... Das ging in einer Karriere über die faulen Zustände und die Schranken der Redefreiheit hinweg ..." Vor mir liegt sein Bild, eine feine Lithographie, mit seinergewohnten Namensunterschrift, ein Gesicht wie eines rechten Epikuräers; rundlich sitzt das Kinn mit dem lustigen Grübchen in den hohen Vatermördern, die Augen scheinen zu lächeln, der sinnliche Mund ironisch verzogen. Er hält ein halbvolles Weinglas in der Hand, hinter ihm auf dem Tisch stehen zwei Flaschen, auf der einen prunkt der stolze Name 1834. Das Bild Druckers ist mit einer Reihe Genrebilder aus seinem Weinhändlerdasein umrahmt, oben zwei böhmische Harfenmädchen, ein Violinist, unten eine besetzte Tafel, zu der die berittenen Kellner Flaschen und Gläser herbeischleppen. Drucker scheint eben das Glas zu heben und zu rufen: „Prosit, lieben Brüder!" Das Porträt ist von niemand Geringerem gezeichnet, als von Adolf Menzel. Anfang der fünfziger Jahre verließ Drucker die preußische Hauptstadt und ging nach Newyork. Auch dort blieb er seiner „vergnügten Weinhandlung" treu; wie mir ein Freund, der vor .mehr als dreißig Jahren in Amerika war, berichtet, hatte er dort wieder eine Wein- und Bierwirtschaft von großer Ausdehnung gegründet. Sie hieß „Zum heiligen römischen Reich" und der Garten war mit Lattenzäunen in den Landesfarben der dreiunddreißig verschiedenen deutschen Länder eingeteilt. Diese einzelnen „Provinzen" nannte er Preußen, Bayern, Sachsen, Bückeburg, usw., und in den meisten waren Angehörige der betreffenden Heimat als bedienende Kellner angestellt und in jeder wurde ein heimisches Erzeugnis an Bier oder Wein ausgeschänkt. Auch dort machte Louis Drucker wieder mit seinen originellen Scherzen viel won sich reden und hatte großen Zulaus. In einer Berliner Kulturgeschichte, in einer Geschichte des Berliner Humors darf aber das Bild des „vergnügten Weinhändlers" nicht fehlen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion Max Bauchwitz in Berlin.