Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- Seite 419 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228617--61060-3274863- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sich glücklich bis auf unsere Tage hindurchgewühlt hat, und zwar, wie er versichert, ohne dabei Grüneberger getrunken, verschenkt oder auch verkauft zu haben. Es will das immer viel sagen und verdient alle Beachtung; Herr Drucker ist eine neue Berliner Merkwürdigkeit, die wir jedem, der einen tüchtigen Odem hat, von Noah abstammt und sich dieser Abstammung nicht schämt, in mehr als Augenschein zu nehmen raten." So konnte denn auf Grund dieser chronistischen Notiz festgestellt werden, daß Louis Drucker kurz nach Neujahr 1837 seinen Weinschank eröffnet hat, und zwar mit folgender j Annonce: I „Erfrischungs-Anzeige. Um dem drückenden Mangel an Weinhandlungen zu begegnen, werde ich zum Wohle der durstenden Menschheit am 4. Januar 1837, 5 Minuten nach Sonnen-Untergang, in der Roßstraße Nr. 29, eine Weinhandlung eröffnen. Lokal, Kellner, meine Wenigkeit und sonstige Utensilien werden ein harmonisches Ganze bilden, welches nur von der Reinheit meines Lagers und meiner Grundsätze übertroffen werden soll. Nur um sich von der Wahrheit zu überzeugen, lade ich meine von Durst geplagten Mitbürger und Freunde zum fleißigen Besuche meines Lokals ergebenst ein, allwo sie sich belehren können, wie alt die Wein-Komposition in Deutschland sei." Wie aus verschiedenen Andeutungen in seinen späteren •. Annoncen hervorgeht, hatte Drucker (der vermutlich aus Schlesien stammt) bereits ein bewegtes Leben hinter sich, als sich ihm, wie er schreibt, „seit dem 4. Januar dieses Jahres eine goldene Ader in seinem neuen Unternehmen öffnete." Die Woche etwa zweimal ließ nun Drucker seine mit witzigen Zeitanspielungen gewürzten Annoncen, die zum Teil sehr originell erfunden sind, vom Stapel, und er hatte bald großen Zulauf. Die jetzt gewöhnliche und beliebte „Franko-Prise" in vielen Berliner Restaurants zeigte Drucker, der sich stets „vergnügter Weinhändler" Unterzeichnete, also in den Zeitungen an: „Um meine Pflichten als Weinhändler zu erfüllen, fühle ich mich dringend veranlaßt, Sonnabend den 6. Mai eine freundschaftliche Soiree zu veranstalten, wobei ich noch bemerke, daß, um den gerechten Schmerz ob der Kosten nicht zu vermehren, ich gern erbötig bin, meinen verehrten Gästen die gangbarsten Sorten Schnupftabake franko Berlin, Roßstraße XXIX, zu liefern."' Und mit der Maibowle verfuhr er also: „Gestützt auf das Ehrenwort der Spandower Gemüsefrauen, mich heute mit frischem Waldmeister zu versehen, ermangele ich nicht, hiermit öffentlich anzuzeigen, daß ich mich ohne Zeitverlust dem Maitrank widmen werde, und empfehle gleichzeitig die Konsumtionsflasche ä. 17V-2 Sgr. in vorzüglichster Qualität." Ein Witz von Drucker, der ganz Berlin amüsierte, war, daß er im Sommer in seinem Gartenlokale seine Kellner auf veritablen Ponnies zu den Tischen heranreiten ließ, und daß die Gäste auf diese „chevalereske" Art bedient wurden. So zeigteer vielfach an: „Bedienung ä cheval", und einmal: „Die Stelle eines dritten berittenen Kellners ist bei mir vakant; diejenigen Reiter erhalten den Vorzug, welche der lateinischen und griechischen Sprache mächtig sind." Ein besonderes Anziehungsmittel war seine bereits erwähnte Kapelle, die, unter der Leitung des Kapellmeisters Hirsch, ans drei sogenannten „Harfenjulen" bestand. Die Hauptkraft scheint Fräulein Amalie Rindfleisch gewesen zu sein, die er manchmal als „Achtmalie Rindfleisch" oder „Achmale" annoncierte. So lauten zum Beispiel einige dieser musikalischen Ankündigungen: „Donnerstag den 4. Januar 1838. Zur Feier der Rückerinnerung vergnügt verlebter Festabende: Grande Soiree, bei welcher mein erster Kapellmeister Hirsch zum ersten Male aus einer römischen 8-Saite, ' und zwar rückwärts, vortragen wird. Fräulein Amalie hat das Gelübde getan, an diesem Abend das allgemeine Vergnügen durch ihren Gesang nicht stören zu wollen. Die böhmischen Damen: Brigitti, Franziska und Bebi Kreitel werden binnen acht Tagen von ihrer Kunst- und Urlaubsreise nach Tirschtiegel zurück erwartet." I Einmal heißt's am Ende: „Fräulein Bebi ist heiser, und ich grüße teilnehmend." „Aujourd’hui Dienstag le 9. Januar 1838: Grande Soiree rnusieale (zwanglos). Wegen Abnahme der schönen Winterabende um 6V2 Uhrneue Kunstproduktionen: 1. Ouvertüre aus dem Kalif von Bagdad, -Wohlgeboren. 2. Variationen über die betriebsamen Flöhe. 3. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold: leise Arie von Frl. Achtmalie Rindfleisch. Zum Beschluß: Die Nachtwandler, wozu ergebenst einlade. Heute: Anfang 67* Uhr Spandauerstraße 49. NB. Die Wagen der geehrten Herrschaften fahren in bekannter Ordnung vor und wieder ab. Die Fußgänger sind in dieser Beziehung keinen Beschränkungen unterworfen. 2.Wollenr echtvergnügt sein-Jubelfe st mit Instrumentalmusik. Die Lieferung der Gesangtöne in zwanglosen Heften hat sich Fräulein Achtmalie heute ausschließlich Vorbehalten. Wie vorteilhaft die Teilnahme an meinen Föten auf den Sanitätszustand im allgemeinen wirkt, geht aus der letzten wöchentlichen Totenliste hervor, indem nicht ein einziger der mich gütigst Besuchenden darin aufgeführt ist! Letztes April-Plaisier Montag den 30. April 1838. Großes unverfälschtes vielharmonisches vergnügtes Abendbewußtsein, nebst eingelegten Arien von 8male Rindfleisch und Begleitung. Auch wird mein Premier-Kapellches Hirsch, Wohlgeboren, veränderungshalber zum ersten Male in Sommer Hosen erscheinen. NB. Anfang sogleich; Ende nach Belieben. Subskriptionen auf in diesen Tagen erscheinende Maikäfer werden nur noch bis zum 3. Mai angenommen; später tritt der erhöhte Ladenpreis ein. Dienstag und Mittwoch den 27. und 28. März nach der Erschaffung der Welt: Grande Soiree für Kenner mit astrachanischem Beleuchtungs-Kaviar. Herr Kapellmeister Hirsch wird die Ehre haben eine Nasenkantate, und Fräulein Achtmale Rindfleisch, festgeschnürtes Mitglied, eine Ochsen- Menuette (frei nach Haydn) vortragen. Applaus nach Belieben. Zur Beruhigung teile ich ergebenst mit, daß mein Keller durch den hohen Wasserstand durchaus nicht gelitten hat." Auch allerlei komische Aufführungen setzte Drucker in seinem Lokal in Szene. Da war ein Mimiker, der den nom de guerre „Professor Nudelmüller" führte, und ein Taschenspieler namens Ehrlich, von dem es heißt, „er werde u. a. einen Solotanz auf einem Storch produzieren." Bei einer Hyazinthenausstellüng, „die sich durch Verwelkung und Geruchlosigkeit besonders auszeichnet, hat Herr Professor Nudelmüller die Nolle der Sperlinge aus Gefälligkeit übernommen." Im Sommer hatte Drucker eine Filiale in Tornow