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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-26 · Heft 35 (26.8.1904) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
Seite 418 (sequence 10)
Language
German
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Leben zu retten, mußte ich Dich einer christlichen Familie überlassen : ich wählte Martens und Ursula, weil meine Mutter sie als biedere Leute kannte. Äber, wehenns, Klara! wenn man hier erführe, wer ich bin und in welcher Absicht ich mich hier befinde. Das Geheimnis Deiner jüdischen Abkunft muß daher tief in Deinem Busen vergraben bleiben, damit ich Dir mitteile, was Du zu wissen gewiß sehr begierig bist, und damit wir Maßregeln für die nächste Zukunft besprechen. Vergiß jedoch nicht, daß ein verräterisches Wort von Deinen Lippen mein Leben in Gefahr bringen könnte." Die Fülle der Gefühle, die mich bestürmten, als mich meine Mutter nunmehr verließ, drohte ineine Brust zu zersprengen; rmd dennoch mußte ich alles in mir verbergen: ich mußte sie geheim halten vor jenen, die mir so unendlich lieb und teuer sind, die von meiner frühesten Jugend durch aufopfernde Zärtlichkeit sich ein unbestreitbares Recht auf meine Offenheit und mein kindliches Vertrauen erworben. Ich gehorchte jedoch der gebieterischen Notwendigkeit — und schwieg. Wenn ich bei Dir, mein Bruder, eine Ausnahme mache, so geschieht es, weil ich Dein ehrliches Gemüt kenne und auf Deine Verschwiegenheit rechnen darf. Als meine Mutter Nachmittags wieder kam, befanden wir uns abermals allein. Was sie mir da weitläufig mit so vielen Nebenumständen erzählte, werde ich Dir hier in Kürze, bloß dem Inhalte nach wiederholen. Meine Eltern waren kaum ein Jahr miteinander verheiratet, als in den österreichischen Provinzen die böswilligste Stimmung gegen die Juden sich kund zu geben begann. Der mysteriöse Vorgang mit der Meßnerin bei Enns gab allenthalben den feindlich Gesinnten Stoff, und Veranlassung zu Aufhetzungen, denen der Pöbel, in der Aussicht aus straflosen Raub rmd ergiebige Plünderung, bereitwillig sein Ohr lieh. Die vielen offenen Kundgebungen, wie z. B. Drohungen, Verspottungen und Verhöhnungen, selbst ungeahndete Mißhandlungen einzelner Juden, ließen darüber feinen Zweifel, daß für unser unglückliches Volk eine Katastrophe im Anzuge sei. Mein Vater hatte eine Reife vor nach Italien, denn er betrieb einen doppelten Handel, indem er steierische Produkte dahin führte, und dafür Südfrüchte zurückführte.,. Vor seiner Abreise wurde zwischen ihm, meiner Mutter und meiner Großmutter — Mutter der meinigen — die Verabredung getroffen, freiwillig auszuwandern. Mein Vater sollte auf seiner Reise in den Gemeinden, die er berühren würde, rekognoszieren, um zur Uebersiedelung eine Wahl zu treffen. Leider kam es viel früher zum Ausbruche als man gefürchtet hatte. In allen Orten, wo sich Juden.aufhielten, rotteten sich die Bürger zusammen, plünderten die Häuser derselben, jagten sie hinaus, und die Roheren unter den Rotten, deren es nur zu viele gab, erlaubten sich sogar arge Mißhandlungen, denen viele, besonders Kranke, Greise, Frauen und Kinder unterlagen. Meine Mutter und die Großmutter befanden sich ganz allein in ihrer Wohnung. Das wilde Geschrei Her wütenden Barbaren, untermischt von den lauten, herzzerbrechenden Schmerzenstönen der Gepeinigten drang in ihre Ohren; sie erkannten die furchtbare Bedeutung des Tmnultes in den Straßen und wollten hinaus, um sich den Fliehenden anzuschließen: der Schrecken hatte aber bei meiner Mutter die Geburtswehen befördert — sie war hochschwanger — sie vermochte nicht einen Schritt vorwärts zu machen. Guter Rat war nun teuer. Der Tumult draußen ward immer heftiger und schien sich immer näher zu wälzen; die zwei Frauen wußten, daß ihnen der Tod drohe, wenn sie sich am nächsten Tage noch in den Straßen sehen ließen, und dennoch konnten sie nicht fort; ein Wagen stand ihnen nicht zu Gebote. Der Keller im Hause bot ihnen in diesem Augenblicke der Not die einzige Zufluchtsstätte. Die Mutter kroch mit schwerer Mühe hinunter, und die Großmutter raffte Bettzeug, Wäsche und was an Lebensmitteln im Hause sich vorrätig fand, zusammen und brachte alles ebenfalls hinunter. Das Haus meiner Eltern lag zum Glücke etwas abseits, so daß die Großmutter Zeit hatte, das Nötige an beweglichen Sachen zu beseitigen. Später kamen wohl mehrmals kleine Rotten ins Haus, mochten aber glauben, andere seien ihnen bereits zuvorgekommen; sie nahmen manches mit, was ihnen verwendbar schien, ohne weitere Exzesse. (Fortsetzung folgt.) Louis Drucker, ein Sriginsl aus M-Lerlm. Von Gotthilf Weisstein. enn unsere Väter und Großväter aus ihren Jünglingsjahren, aus der Werdezeit der modernen Weltstadt zu erzählen beginnen und .man fragt sie: „Nun, sag' einmal, Papa, wo war denn damals das meiste Leben?" dann schmunzeln sie höchst verschmitzt und sagen im Nachgenuffe der lustigen, jugendlichen Stunden: „Anr fröhlichsten war's doch beim vergnügten Weinhändler Louis Drucker . . ." Und nun erzählen die alten Herrn von seinen satirischen Scherzen, von seinen originellen Zeitungsannoncen, von seinen guten Weinen und den verrückten Konzerten und „wissenschaftlichen" Vorträgen in dem alten Bacchustempel. Am häufigsten begegnet man in der mündlichen Ueberlieferung folgendem Drucker'schen Scherz. Er annoncierte in den Tagesblättern: „Heilte ist um Mitternacht bei mir ein von Natur rosenfarbenes Pferd zu sehen — es bleibt nur kurze Zeit in meinem Besitz, bitte sich daher nlit der Besichtigung zu beeilen." Natürlich war anr Abend das Restaurant vollgepfropft von Neugierigen und es wurde tapfer gezecht in Erwartung des naturgeschichtlichen Wunders. Endlich, als es Mitternacht schlug, schrie alles: „Drucker, Drucker! Das rosa Pferd!" Und der schlaue Bursche öffnete die Stalltür auf dem Hofe, bei dem matten Schein einer Stalllaterne stand dort ein ganz gewöhnlicher — Schimmel. Den Enttäuschten und Tobenden sagte Drucker dann in seiner ironischen Weise: „Aber meine Herren, es gibt ja auch weiße Rosen ... ich habe mein Wort gehalten." Ferner hört man, daß er einmal am 18. Januar, am Ordensfest, die boshafte Annonce erließ: „Heut werden hier arme Ritter gespeist," — für welchen dreisten Scherz er dann auf einige Zeit in die Stadtvogtei wandern mußte. Zur Ehre des immer mehr schwindenden Berliner Humors habe ich es mir angelegen sein lassen, den Pfaden dieses heiteren Originalgenies nachzugehen; doch nur wenige dürftige Nachrichten sind über ihn zu ermitteln. Außer einem Aufsatz im „Bär" sind meine Hauptquellen Druckers eigene „Werke", seine Flugblätter rc. Ein heiterer Chronist berichtet aus dem Jahre 1837: „Ein neues Wesen mit gutem Humor, ein schöngeistiger Weinhändler und weinhandelnder Schöngeist erhob sich mitten im Bedrängnis der Tage, Herr Louis Drucker. Wir wollen ihm mit seinem eigenen Weine ein Lebehoch bringen; ist dieser nicht der beste, so weiß Herr Drucker, daß er selbst Schuld daran trägt. Uebrigens ist zu erwähnen, daß der lustige Kauz durch Cholera und allerhand Ungemach an der Hand seines Kapellmeisters Hirsch und seiner Achmalia Rindfleisch

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