Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- Seite 417 (sequence 9)
- Language
- German
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417 die ihren Fahnen den Treuschwur hielten bis zum letzten Atemzuge. Nicht zum Schutze der Toten erheben wir unsere Bitte, wohl aber sür die Lebenden, für unsere Söhne und Enkel, für alle Bekenner unserer Religion, die wehrlos diese Schmach erleiden, eine Schmach, die teuflische Verrücktheit ersonnen hat, um unseren Glaubensgenossen die Liebe zu Kaiser und Reich zu trüben, ihre Freude am gemeinsamen Vaterlande zu erschüttern. Dieses haßerfüllte, deutsche Gesittung entehrende Gebahren droht gewaltsam zu vernichten, was wir im heißen Ringen mit Blut uud Leben opferfreudig einst erworben — und noch im Tode als unser unvergängliches Heiligtum hüten und bewahren."-- Kaum ist der Klageruf verhallt, da ertönt es in feierlicher Stille aus den unermeßlichen Sphären.. „Laßt nicht den Blick Euch trüben von Neid und Haß der flüchtigen Gegenwart. Euer pflichterprobtes Wirken für das erkämpfte Vaterland verkündet ein ehrenreiches Blatt der vaterländischen Geschichte. Seid allezeit eingedenk dieser Anerkennung, die ich Euch aus dankerfülltem Herzen freudig zollte, als der Bau des neuen deutschen Kaiserreichs war vollendet. Sein Fundament ist mit dem Blute aller Landeskinder felsenfest gekittet, und ob auch ein finsterer Wahn in ohnmächtiger Wut Eure Glaubensfreiheit sucht zu schmälern, vertraut der sittlichen Kraft unseres Volkes, dessen Seele rein bleibt vom freventlichen Haß. Im Geiste der bewiesenen Treue pflegt die Vaterlandsliebe Eurer Söhne und Enkel, und wenn die krasse Selbstsucht Verirrter den Glauben ihrer Väter schmähet, dann mögen sie voll Zuversicht emporblicken zu meinem geistesstarken, Recht, Ehre und Freiheit schirmenden Erben deutscher Kaiserherrlichkeit; er, der willensseste, hochgemute Herrscher beschützt mit starker Hand den hehren Siegespreis aus Deutschlands großen Tagen urd gewährt ein gleiches Recht allen seinen pflichtgetreuen Landeskindern." Uns der guten sltrn Leit. Historische Erzählung von Edmund Gregory. lara erzählte nun wie folgt: Du weißt, Joseph, daß seit unserer frühesten Jugend alljährlich ein- oder zweimal eine junge hübsche Tirolerin unser Haus besuchte, angeblich um ihren Kram feilzubieten, von dem auch Frau Tanger sowohl als unsere Mutter Ursula stets etwas kauften, weil die seilgebotene Ware sich ebenso durch Wohlfeilheit als durch Güte der Stoffe auszeichnete. Da die freundliche Frau immer einige Liebkosungen sür uns beide hatte, und niemals kam, ohne uns Zuckerwerk oder Konfitüren mitzubringen, so war ihr Erscheinen nicht nur jedesmal ein Festtag für uns, sondern wir freuten uns immer wochenlang vorher darauf. Als wir größer waren, und auf Näschereien keinen so hohen Wert mehr legten, brachte sie manches sür unfern Putz; und wiewohl Mutter Ursula das verschwenderisch fand, und das Annehmen der Geschenke untersagen wollte, mußte sie doch der freundlichen, herzgewinnenden Ueberredung der Tirolerin nachgeben; wir durften annehmen, und gewannen die freigebige Frau immer lieber. Es fiel mir und niemanden im Hause auf, daß sie mich, so oft sie kam, mit einer frohen Umarmung und warmen Küssen begrüßte und immer ebenso von mir schied; denn ich selbst war ihr ja aufrichtig gut, und erwiderte ihre Liebkosungen nüt wahrer Herzlichkeit. Gestern war sie hier, während ich mich den ganzen Vormittag allein befand. Vater Märtens ist in Angelegenheit des Herrn Tanger in Klagenfurt, und Mutter Ursula ist bei Frau Tanger beschäftigt, die sich unwohl befindet. Ich besserte meinen Strohhut aus, und die Frau, mir gegenüber sitzend, sah mich unverwandt mit den zärtlichsten Blicken an. Endlich bemerkte ich große Tränentropfen, die über ihre Wangen rollten. „Was ist Ihnen, guteWilmer?" — so nannte sie sich — fragte ich mit wahrhaftiger Teilnahme. „Teure Klara!" erwiderte sie, und ihre Zähren stoffen häufiger, „wenn ich Dich anschaue, erinnere ich mich an eine Tochter, die ich in ihrer zartesten Kindheit verlor, und die jetzt die vollkommenste Aehnlichkeit mit Dir haben müßte." „Wie kommen Sie daraus, anzunehmen, daß sie mir ähnlich sehen müßte?" fragte ich. „Weil ich daheim eine nur um ein Jahr jüngere Tochter habe," versetzte sie, „die Dir auch fast auf ein Haar ähnlich aussieht." — Bei diesen Worten zog sie unter ihrem Busentuche ein kleines Futteral hervor, öffnete es, und zeigte mir das Bildnis eines Mädchens in Miniatur, bei dessen Anblick ich unwillkürlich ausries: „Das bin ja ich!" — „Es ist das Bildnis mein jüngern Tochter," sagte sie mit zitternder Stimme; „aber es könnte ohne weiteres auch Dich repräsentieren." Ich versenkte mich im Anschauen des Gemäldes und wurde nachdenklich. „Glaube nicht, teure Klara!" fuhr die Frau fort, und ihre Stimme wurde immer unsicherer, „glaube nicht, daß diejenige, die ich beweine, tot sei; nein sie lebt! Ein furchtbares Mißgeschick hat sie zwei Tage nach ihrer Geburt von diesem mütterlichen Busen getrennt." Diese Worte berührten plötzlich wie ein elektrischer Schlag alle meine Nerven: ich erblaßte und fing an allen Gliedern zu zittern an. „Klara!" schluchzt jetzt die Frau, und erhob die gefalteten Hände zu mir empor, „Klara! spricht Dein Herz gar nichts? Sagt es Dir nicht, daß Deine Mutter vor Dir steht?" Was in diesem Augenblicke in und nüt mir vorging? ich weiß es nicht, Joseph! und wüßte ich es, ich könnte es doch nicht beschreiben. Lange standen wir fest umschlungen in einem Zustande, der fast einer Bewußtlosigkeit ähnlich war, bis die Mutter zusammenbrach und aus einen Sessel nieder sank. Mein lauter Schrei: „Mutter!" brachte sie zu sich. Abermals umarmten wir uns. Es war, als wollten wir einander erdrücken; und wäre dieses geschehen, wahrlich, wir hätten in unserem Verzücken keinen Schmerz empfunden. „Klara!" sagte meine Mutter als wir uns etwas wieder gesammelt hatten, „ich bin in diesem Augenblicke viel zu bewegt, um Dir die traurigen Umstände Deiner Geburt mitteilen zu können; ebensowenig ist Deine gegenwärtige Stimmung geeignet. Dich eine ruhige Zuhörerin sein zu lassen. Wisse aber, daß ein zärtlicher Vater seine Arme nach Dir ausstreckt; die Schwester, die Du hier im Bilde abgezeichnet sahst, und noch zwei jüngere liebenswürdige Brüder liegen daheim auf den Knien, den Allmächtigen anstehend, daß es mir gelingen möge, ihnen die geliebte heißersehnte Schwester zuzuführen." „Was hindert mich, süße Mutter!" rief ich, „sogleich hinzueilen, und allen diesen teuern Wesen zu sagen, daß mein Herz reich genug ist, ihre Liebe mit Liebe zu vergelten?" „Ach!" erwiderte meine Mutter wehmütig, „noch weißt Du nicht alles, mein geliebtes Kind! — Wir sind Juden, Klara! Wir waren einst ruhige Insassen allhier und mußten uns vor einem wütenden fanatischen Pöbel flüchten. Um Dein teures