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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-26 · Heft 35 (26.8.1904) · p. Seite 416

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
Seite 416 (sequence 8)
Language
German
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gedrückt hatte, ihm verbot, davon Gebrauch zu machen? Seid Ihr größer als der Fürst der Apostel? Und fragte nicht auch er den Erlöser, ob er von dem Schwert, mit dem er bewaffnet war, Gebrauch machen dürfe? Sprach nicht Jesus zu Petrus: „Stecke dein Schwert an seinen Ort; denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen?" „Ist es vielleicht sinnlos, daß die Kirche im Orient und Occident sich mit der Bitte zum Herrn wendet, sich der Juden anzunehmen, den dunklen Schleier von ihren Herzen zu nehmen und sie dem Heile zuzuführen? Dieses Gebet aber würde nichts bedeuten, wenn es nicht der festen Hoffnung entspränge, daß jene, welche im Unglauben leben, eines Tages erlöst werden. Böses mit Gutem, Haß mit Liebe vergibt der Herr und es steht geschrieben : Du sollst nicht töten! Auch könnt Ihr lesen im Epistel Pauli an die Römer: „Blindheit ist Israel einesteils widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden eingegangen sei, und also das ganze Israel selig werde." Im Psalter aber wird gesungen: „Der Herr bauet Jerusalem und bringet zusammen die Verjagten in Israel!" Der Verfechter des Rechtes beendete sein Epistel mit folgenden, von Begeisterung durchtränkten Worten: „Hört, Ihr Betörten, Euer Lehrer war vom Anfang zum Ende ein Mörder und Lügner, ja, der Vater der Lüge! O wie sind sie, das eine wie die andere, den Lehren der Propheten und der Apostel zuwider! O, wie dienen sie nur dazu, die Barmherzigkeit zu verspotten und mißzuverstehen die Schätze der heiligen Schriften! O schändliche Ketzerei! O frevelvolle Philosophie! Gebildet aus Irrtum und Lüge, kann solche Geistesrichtung nur die unheilvollen und betrübenden Früchte des Unglaubens tragen." Nicht.ungehört verhallten solche Worte, die alten Chroniken aus jener Zeit, die, was die Juden betrifft, wohl als Buch des Weinens bezeichnet werden können, geben auch Beispiele von werktätiger christlicher Hilfe. In Würzburg am 24. Februar 1147 .waren die Juden zurückgeblieben, während sichdie Christen in den Schutz der Burgen begeben hatten. Die durchfahrenden Kreuzritter fanden einen der ihrigen im Fluß. Sie beschuldigten die Juden des Mordes und brachten sie um. Sie töteten den Rabbi Isaak, der gerade die Bibel erklärte und zwanzig Personen, welche seinen Worten lauschten. Sie verwundeten einen Schüler an der Seite des Rabbi und schleppten seine Schwester in die Kirche, sie verletzten das Mädchen schwer, gossen dann -Taufwasfer über sie und ließen sie für tot auf dem Marmorboden liegen. Eine warmherzige Christin, deren Namen die Chronik verschweigt, fühlte sich vor Mitleid erbeben, die schlich in die Kirche, schleppte die Jungfrau in ihr Haus, wo sie sie verborgen hielt, bis daß sie genesen. Auch den Namen eines fürstlichen Kriegers, der einen bereits verwundeten großen Schriftgelehrten auf fein Roß nahm, erfahren wir nicht. „Laßt ihn mir," rief er den Kreuzfahrern zu, „zu seinem Herzen will ich sprechen, kann ich ihn nicht überzeugen, so sollt Ihr ihn morgen wieder haben!" Sie hörten auf seine Stimme und der Mann war gerettet. „Ein philosophisches Zeitalter hat mit zu großer und . unterschiedsloser Verachtung die Ehren dieser geistlichen Helden abgeschafft," sagt Gibbon, indem er Bernhard von Clairvaux also charakterisiert: „Bernhard stand hoch über seinen Nebenbuhlern und Zeitgenossen, feinen Werken fehlt es nicht an Scharfsinn und Beredsamkeit, und er scheint so viel Vernunft und Menschlichkeit beibehalten zu haben, als mit dem Charakter eines Heiligen nur immer vereinbart werden kann. Fürsten und Päpste zitterten ob des Freimuts seines apostolischen Tadels." Das Buch „Von der Betrachtung", welches Bernhard seinem Schüler, dem Papst Eugen III., als Anweisung, in welcher Art der oberste Priester der katholischen Kirche sein Amt zu verwalten habe, widmete, wird heute noch öfters erwähnt und wurde von den Päpsten bis ins 16. Jahrhundert hinein eifrig studiert. Seine Aussprüche zum Schutz der Juden sind in Vergessenheit geraten. Vielleicht weil die Aufklärung der neuen Zeit dergleichen Ermahnungen nicht mehr vonnöten hat, vielleicht — —? In memoriam. Ein Traumbild von S. Steinberg. ' it freventlicher Gewissenlosigkeit sucht der finstere Glaubenshaß unsere heiligsten Errungenschaften zu vernichten. Sein schamloser Zynismus durchbricht jede sittliche Schranke. Selbst die treuen Toten, Alldeutschlands pflichterprobte Söhne jüdischen Glaubens, die vor nunmehr 34 Jahren ihr Leben für das bedrohte Vaterland todesfreudig dahingaben oder an den Folgen des Krieges frühzeitig ins Grab sanken, sind den brutalen Angriffen fanatischer Glaubens- Hasser straflos preisgegeben. Ein heißer Schmerz brennt in der Seele derjenigen, die einst mit den toten Waffenbrüdern Schulter an Schulter standen, die mit eigenen Augen das ehrenvolle Verhalten der jüdischen Kämpfer gesehen haben, das sich in nichts, unterschied von dem ihrer christlichen Kameraden. Mit tröstender Wehmut gedenke ich jener herrlichen Vergangenheit, da.Not und Kriegsgefahr alle konfessionellen Schranken niederriß, die Liebe zum gemeinsamen Vaterlande jeden engherzigen Unterschied aufhob und nur ein einziges nationales Streben alle Herzen erfüllte. Unter dem tiefen Eindruck dieser unantastbaren Gewißheit weicht die betrübende Gegenwart; ein traumversunkenes Gedenken an die Morgenröte deutscher Freiheit und Einheit führt mich hinan zu den lichten Höhen Walhallas dort droben zur himmlischen Unendlichkeit, wo Deutschlands getreue Toten am Endziel aller Menschen mitleidsvoll herabblicken auf das winzige, irdische Dasein. ... Hier droben unter den ewigen Sternen erblicke ich im Traume die Tausenden verklärten Kampfgenossen mosaischer Religion, brüderlich vereint' wie einst mit ihren christlichen Waffengefährten vor dem unsterblichen Kaiser Wilhelm l., der sie zum ruhmvollen Siege führte. Der greise Schöpfer des neuerstandenen Vaterlandes thront in der Mitte seiner glanzvollen Heldenschar, d.eren Angedenken die Volksseele mit heiligem Stolz bewahrt. Hoch empor ragt die hehre Lichtgestalt Friedrichs des Edlen, Deutschlands heißgeliebter Frühlingskaiser, dessen hoheitsvolles Streben in unvergänglicher Dankbarkeit gewahrt bleibt, so lange deutsche Herzen schlagen. Ein wehmutsvoller-Schatten zieht über das schöne Antli^r des verewigten Lieblings, als aus der Geisterschar die bittere Klage der jüdischen Kämpfer vor ihrem obersten Kriegsherrn anhebt: „Schmerzerfüllt nahen wir Dir, erhabener Kaiser, Du unser Führer in irdischen Tagen und erflehen Deine schützende Gerechtigkeit. Auf Dein Gebot gingen wir, des deutschen Landes waffenfähige Söhne jüdischen Glaubens freudig in den Tod für unseres Volkes Ehre und Freiheit. Ein haßerfüllter, finsterer Wahn verunglimpft unser Angedenken und entweiht durch freche Lüge die Gräber der jüdischen Krieger,

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