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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-26 · Heft 35 (26.8.1904) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
Seite 415 (sequence 7)
Language
German
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415 Ueberstuß, und gerade sie hätten die frommen Pilger, welche die Geldströme zum heiligen Lande leiteten, mit scheelen Augen ansehen müssen. Die Päpste aber wußten, was sie taten. Sie ergriffen das Flammenschwert gegen Jerusalem, sie erweckten den religiösen Enthusiasmus Europas, um der römischen Kirche, die durch die Reformen Gregors VIl. zwar gewonnen, durch den Tod dieses gewaltigen Nachfolgers im apostolischen Amte Petri aber auch eine Demütigung erfahren hatte, zu neuem Glanz, zu fest gefügter Herrschaft zu verhelfen. War nun der Pontifex Maximus vor allem darauf bedacht, das Prestige seines Amtes zu wahren, so entstammte die glühende Beredsamkeit, mit welcher die Bußprediger zu meerbesahrenden Abenteuern anspornten, unbedingt den reinsten Quellen. Bernhard von Clairvaux, Abt eines Cistercienser Klosters, „der gefeierte Wundertäter, das Orakel und der Apostel des strengsten Mönchtums", gewann eine ganze Welt für sich durch . das Allheilmittel religiöser Begeisterung. Seine Einbildungskraft war so unbegrenzt, daß er ehrlich an die Kraft seiner Mirakel glaubte. Er exkommunizierte in einer Kirche einen Schwarm Fliegen, so daß alle tot niederfielen; übernatürliche Heilungen der Lahmen, Blinden, Kranken gelangen ihm. Und es gelang ihm auch das Wunder, Gerechtigkeit zu üben gegen ein Volk, dem man mit Elend und Vernichtung drohte, ob-! wohl man gerade im Mittelalter seiner Gesittung und seinem! eifrigen Fleiß so mancherlei zu danken hatte. Der Verkehr mit dem Morgenlande erweckte die Freude der Juden an den Sprachwissenschaften und ihre Kommentare zu den heiligen Schriften aus -damaliger Zeit werden noch heute geschätzt. Auch die Medizin fand unter den Israeliten bedeutende Vertreter, ihre literarische Tätigkeit war von großer Wichtigkeit, und die Erziehung der Jugend humanistisch. Nicht selten kam es vor, daß Mädchen die Bibel in der Ursprache lasen. Trotz der Achtung, die man den standhaften Bekennern des reinen Monotheismus in vielen Ländern zollte, zeitigte der Beginn der Kreuzzüge eine Judenverfolgung, die viele Kinder Israels zu Märtyrern stempelte. Zu Duldern, welche die katholische Kirche sicher heilig gesprochen hätte. Alte Chroniken haben uns herzzerreißende Szenen erhalten, besonders aus Deutschland, wo der Mönch Radulf den Fanatismus gegen die Juden erweckte. Wider solch verbrecherisches Tun wandte sich Bernhard von Clairvaux in Rede, Schrift und Beispiel. Den Wütenden rief er zu: „Gehen wir, suchen wir Zion zu erreichen und am Grabe des Erlösers zu beten, aber hütet Euch, die Stimmen gegen die Juden zu erheben, nicht im guten und nicht im bösen. Wer sie berührt, frevelt, als ob er. die Pupille im Auge von Jesus berührte, denn auch jene sind seine Knochen und sein Fleisch, und Radulf, sein Schüler, hat nicht recht gehandelt. Sind sie es doch, von denen in den Psalmen geschrieben steht: „Denn der Herr wird sein Volk nicht verstoßen, noch sein Erbe verlassen." Darauf, so berichten alte Chroniken, besänftigte sich der Sinn der Kreuzfahrer, sie hörten auf ihren großen Ratgeber und die Plünderungen unterblieben. Nur aus aufrichtiger Üeberzeugung hatte Bernhard so gesprochen, der Mann, der so stolz die härene Kutte der Cistercienser trug, empfing keinen Tribut der Juden, die ohne ihn jämmerlich zugrunde gegangen wären. Im Jahre 1146 richtete der geistliche Diplomat ein Rundschreiben an den Klerus und das Volk des östlichen Frankenreichs, wie man damals das Land diesseits des Rheins nannte. Mit stammender Begeisterung ruft er in diesem Schriftstück — zu Händen des Erzbischofs von Speier — zu neuem Kreuzzug'; aus. Nachdem er den sicheren Weg zum Himmel mit gewandten Worten in Aussicht gestellt hat, ermahnt er von neuem zur Toleranz und Schonung der Juden. Einige dieser Sätze möchten wir hier wiedergeben. „Mit Freuden habe ich gehört, wie heiß Euer Eifer für die Ehre Gottes ist. Dieser Eifer aber muß geleitet werden durch Wissenschaft und Weisheit. Ihr sollt die Juden weder verfolgen noch töten. Ihr dürft sie nicht einmal aus Eurem Lande vertreiben, befragt deshalb die Blätter der heiligen Schrift. Der Prophet erzählt uns die Geschichte dieses unglücklichen Volkes, die Kirche nahm seine Worte auf und leh^t Euch: „Gott wird mich die Art, meine Feinde zu behandeln, lehren." „Die Juden sind lebende Erinnerungen an die Passion des Erlösers, darum leben sie zerstreut in allen Ländern der Welt, das ist die furchtbare Strafe für das Verbrechen, welches sie begangen. Damit aber sind sie genug gedemütigt, sie leben unter der Herrschaft christlicher Fürsten. Auch werden sie schließlich das Heil unserer Lehre einsehen, dann wird Israel erlöst sein. Alle aber, die im Unglauben sterben, werden einen traurigen Tod haben." Dieser Aufruf, dessen Anschauungskreis sür einen Heiligen der katholischen Kirche nur natürlich war, appellierte sehr geschickt an den religiösen Enthusiasmus, der durch die Kreuzfahrer in stärkeren Schwung geraten war; auch die folgende Stelle ist aus den Sitten der Zeit zu verstehen und zu erklären. „In den Ländern, wo es keine Juden gibt," fährt Bernhard fort, „trifft man, ich sage es mit Schmerz, christliche Wucherer, die ein weit böseres Leben führen, als die Juden selbst; in einer Art, daß man sie eher getaufte Juden, denn Christen nennen möchte. Läßt man die jüdische Nation von der Erde verschwinden, was wird dann aus dem Versprechen der künftigen Erlösung, das man ihnen gemacht hat? Und selbst, wenn es sich um heidnische Völker handelte, dürfte man sie so behandeln? Müßte man sie nicht ertragen? Wäre es verzeihlich, sie zu massakrieren? Wenn sich die Juden gegen uns irgend eine Uebeltat herausnehmen, so haben wir die Mittel, sie mit Gewalt zu unterdrücken. Ziemt es sich nun für die christliche Barmherzigkeit, diese Gewalt, Stolze und Böse zu demütigen und entwaffnen, gegen jene zu mißbrauchen, die unterwürfig und gehorsam sind, vor allem gegen die Juden, denen die Gesetze und die Versprechungen der Patriarchen anvertraut wurden, und aus denen endlich, in bezug auf das Fleisch, Jesus Christus selbst hervorging, er der gesegnet ist seit Jahrhunderten und für Jahrhunderte." Noch flammendere Worte richtete Bernhard im selben Jahre an den Bischof von Mainz, um den schändlichen Aufreizungen eines Mönches mit Namen Raoul ein Ende zu machen. „Jene Person, von der Sie mir schreiben, hat weder von Gott noch von den Menschen die Mission zu predigen erhalten. Es ist nicht seines Amtes zu reden und Lehren zu erteilen, sondern sich zu demütigen und zu weinen. Für einen Mönch müßte der Aufenthalt in der Stadt ein wahres Gefängnis, die Einsamkeit aber das Paradies sein. Jener Raoul dagegen flieht die Einsamkeit und achtet die Stadt einem Paradiese gleich. Drei Sachen mache ich ihm zum strengsten Vorwurf. Das Amt des Predigers, welches er mit Frechheit usurpiert, feine beleidigende Verachtung der bischöflichen Würde, und das Lob, welches er dem Todschlag zu erteilen wagt. Wahrlich, das ist eine ungeheure Anmaßung! Wie, möchte ich ihn fragen, seid Ihr größer als der Vater Abraham? Und wagte jener zuzufchlagen, als Gott, der ihm das Schwert in die Hand

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