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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-26 · Heft 35 (26.8.1904) · p. Seite 414

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
Seite 414 (sequence 6)
Language
German
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r 414 Mitglied des Neuen Orchestervereins ist. Nun kam noch die Hauptsache. Er komponiert auch. Ironisch bemerkte ich: „Natürlich Symphonien". „Nein, das noch nicht, aber eine Ouvertüre von mir wurde vom Konzertvereinsorchester unter der Leitung Komzaks bereits aufgeführt", imd zeigte mir das Programm, welches diese Nummer tatsächlich enthielt. Aus meine Anfrage erhielt ich von einem bekannten Kapellmeister die Auskunft, er halte F. für sehr talentvoll; ihm zu ermöglichen, sich gründliches musikalisches Wissen anzueignen, wäre sehr wünschenswert re. Dieses zu erreichen, wollte er vorerst Stunden -geben, um das Schulgeld für das Konservatorium aufzubringen, da er am meisten fühlte, daß ihm die Basis zum Fortschritt, die Kenntnis der Theorie vollständig fehlte. — Heute ist er im Konservatorium untergebracht, arbeitet fleißig in der Schule Graedeuer und wir hoffen, daß er die in-ihn gesetzten Hoffnungen in vollem Maße erfüllen wird. Das Schulgeld für das erste Jahr — im nächsten wird er sicherlich davon befreit sein — ist mir von Ihrem Unterstützungsfond zur Verfügung gestellt worden^ Und nun zum Schluffe noch ein recht düstres Großstadtbild. „Ich bitte Sie sehr, sich des Dr. G. wärmstens anzunehmen und für die Erfüllung feiner Wünsche das möglichste zu tun", so lautete die Karte von befreundeter Seite, mit welcher sich Dr. G. bei mir einführte. Gram. Kummer und Sorge sprachen aus dem Gesichte des Petenten eine so beredte Sprache, daß ein Kommentar kaum nötig war. Er war nach Absolvierung des Gymnasiums Postbeamter. Er strebte nach Höherem. Er kam nach Wien, studierte Jus, doch fand er hierin keine Befriedigung, er wandte sich den medizinischen Studien zu, absolvierte diese und wurde zum Doktor der Medizin promoviert und ist nun seit Jahren praktischer Arzt in Wien — ohne Praxis! Momentan ärger daran als ein Bettler! Er beruft sich als Referenzen auf die Professoren Ehrmann und Zuckerkandl, die ihn von den Studienjahren her kennen und wissen, unter welchen Entbehrungen und mit welchem Fleiße er als Student seinen Obliegenheiten nachkam. Heute steht er gegenüber dem Nichts, mit seinem Erwerb nicht imstande, seine Frau und seine zwei Kinder zu erhalten — er bittet, ich möchte ihm eine Anstellung, was immer, wo immer, verschaffen. Auf meine Bemerkung, daß dies bei einem Dr. med. sehr schwer ginge, da wir derartige Aufträge nicht haben, erwiderte er, auf diesen Einwand gefaßt gewesen zu sein: „Nehmen Sie nur mein Doktorat weg, verschaffen Sie mir die Anstellung auf Grund meines Maturitätszeugnisses". Bis heute sind meine diesfälligen Bemühungen ohne Erfolg geblieben. Ich habe versucht. Ihnen einige sogenannte interessante Fälle vorzuführen, das interessanteste hieran ist jedoch, daß sie für den Arbeitsnachweis als solchen nicht nur nichts beweisen, sondern auch, ich muß zum Schluffe dies Geständnis ablegen, als exzeptionelle Fälle keine weitere Bedeutung haben. Wenn die wirklichen Talente durch unsere Förderung eher zum Ziele gelangen, so ist dies an und für sich sehr erfreulich, aber schließlich würden sie auch ohne diese durchdringen, und wenn nicht — dann eben nicht. Mit diesen interessanten Fällen, die jeder von uns im Vorstande reichlich vermehren könnte, wollte ich nur Ihr Interesse wachrufen für die ganz uninteressanten, von denen ich keine Bilder entwerfen kann, denn ohne Lichtstrahl kein Bild, für die Namenlosen,'die gar keine besonderen Merkmale haben, als daß sie Arbeit suchen und keine finden — um Stellen werben — und abgewiesen werden. „Stellenlos", wie viel birgt sich in diesem einen Wort, wie schwer legt sich all das Bittere, alle die Entbehrungen, welche sich an diesen von der Macht der Umstände erzwungenen Müßiggang knüpfen, auf die Seele des Menschen, der auf die Arbeit angewiesen, ihr die Mittel abringt, die ihm die Möglichkeit einer oft so bescheidenen Existenz bieten. Und wenn sich noch zur Sorge um das eigene Dasein der Kummer einer treuen Lebensgefährtin gesellt, wenn zu den eigenen Entbehrungen noch der Schmerz tritt, die Gattin leiden, die Kinder hungern zu sehen, dann wird' die Tragik der Arbeitslosigkeit zur Katastrophe, in der empfindsame,, gefühlvolle Naturen nur zu leicht untergehen. Das sind die eigentlich interessanten Fälle für uns, die Sie mit der Geschäftsgebarung des Arbeitsnachweises betraut haben. Die sollen und müssen unser ganzes Interesse absorbieren und wenn je, so bedauere ich in diesem Moment, daß ich. nicht zu den Gottbegnadeten gehöre, denen es gegeben ist, nicht bloß auf das Gehör, sondern auch auf das Herz zu wirken, um sie zu tätiger Mitarbeiterschaft zu gewinnen, nicht mit materiellen Mitteln, nicht bloß mit Geld, sondern mit Ihrem ganzen Einflüsse, mit Ihren gesellschaftlichen Beziehungen, mit Ihrem persönlichen Eintreten für die Sache, ohne welches wir keine dauernden Erfolge erzielen können. Mit dem Axiom: In der gesamten helfenden Tätigkeit ist die Verhütung der Hilfsbedürftigkeit immer die erste und wichtigste Aufgabe, schließe ich. Die Juden?ur Leit der Lrru??ügk und Lrrnhsrd non Llsirvaux. Von Dr. M. Maraffe. ein anderes geschichtliches Ereignis zeitigte so viel vollständige Widersprüche im Gemüt der Völker wie das Phänomen der Kreuzzüge. Enthusiasmus für große Ideen, hohes Denken, Suchen nach erhabenen Idealen gingen Hand in Hand mit schnöder Habsucht, Unduldsamkeit, aufrührerischem Sinn. „Der heilige Hunger nach Geld," bemerkt einer unserer größten Geschichtsschreiber, „welcher in der Menschheit noch wirksamer ist als der idealste Trieb der Religion, wird uns immer daran erinnern, daß die Hälfte der Geschichte der gemeinen Materie angehört." Wegen dieser gemeinen Materie und aus rohem Fanatismus fiel das Volk, nachdem der erste Kreuzzug gepredigt worden war, zunächst in der Mainzer Gegend, dann in allen-Ländern, durch welche die Haufen zogen, die oft aus schlechtem Gesindel zusammengesetzt waren, über das unglückliche Volk der Juden her, töteten, marterten, brandschatzten sie. Wenn der Papst in einer Bulle erklärte, daß alle die, welche das Kreuz nähmen, der Zahlung ihrer Schulden überhoben und des ihren Gläubigern geleisteten Eides kraft der päpstlichen Machtvollkommenheit entbunden sein sollten, so traf auch diese scheinbar rechtliche Verfügung über Geld und Gut vor allem das unglückliche Volk der Israeliten. Mußten doch diese überall Heimatlosen durch ihre stets unsichere Stellung vor allem darauf bedacht sein, für materielle Güter zu sorgen, um sich den Schutz zu erkaufen, der ihnen von Rechtswegen zukam. Zur Entschuldigung des Papstes sei es gesagt, daß gerade die italienischen Juden keine glänzende Rolle in der Handelswelt spielten; die dortigen Christen standen ihren semitischen Genossen, die in jeder Beziehung benachteiligt wurden, an regem Handelsgeist und spekulativen Ideen nicht nach. Die mittelalterlichen Republiken besaßen durch Schifffahrt und den blühenden Verkehr mit dem Orient Geld im

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