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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-26 · Heft 35 (26.8.1904) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
Seite 413 (sequence 5)
Language
German
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Wir haben eine entsprechend qualifizierte Bewerberin für diesen Posten zuweisen können und die Betreffende hatte recht, den Posten anzutreten. Erstens fand sie Gelegenheit, ihre Fertigkeiten zu üben, und zweitens, was noch wichtiger ist, wird sie bei ihrer nächsten Bewerbung nicht mehr als Anfängerin figurieren. Aber wie gesagt, der Fall ist kraß, jedoch nicht symptomatisch. Geradezu als Schulbeispiel für viele ähnliche Fälle diene folgender Fall: Ich wendete mich an den Inhaber eines der größeren Schreibmaschinengeschäfte, bei dem ich ein gewisses Wohlwollen für unsere Bestrebungen vorauszusetzen berechtigt war und trotz der gemachten Erfahrungen noch heute als vorhanden annehme, wegen Anstellung von Mädchen zum Maschinenschreiben. Ich erhielt sofort eine freundliche Zusage und am nächsten Tage war bereits eine von uns empfohlene tüchtige Maschinenschreiberin versuchsweise in Beschäftigung. Selbstverständlich interessierte es mich zu erfahren, ob man mit unserem Schützling zufrieden sei. Die Auskunft lautete negativ: „Ich habe es Ihnen ja gleich gesagt — es wird schwer gehen. Zu uns kommen die Kunden, wir führen die Maschinen vor, die Schreiberin produziert ihre Tätigkeit an derselben — unwillkürlich schaut man auf die Hände. Schrecklich! Die Person hatte ganz ungepflegte, schmutzige Nägel; leider echt jüdische Schlamperei." Ich beruhigte den Mann, ersuchte um Erneuerung des Auftrages und versprach, die Auswahl selbst vorzunehmen. Dies geschah. Die nach einiger Zeit eingeholte Erkundigung ergab wieder ein negatives Resultat, nur gegenteiliger Natur. „Lieber Doktor! Ich habe es ja vorausgesehen, unsere Mädchen taugen zu so etwas nicht. Die Person erschien mit großer Frisur, mit in die Stirn gebrannten Löckchen — eine echt jüdische Putzgredl." Glauben Sie mir, wären die betreffenden Mädchen nicht Glaubensgenossinnen gewesen, man hätte bei der einen die mangelnde Manicure, bei der anderen die gekrausten Haare nicht bemerkt, oder mindestens nicht als hinreichenden Grund für eine Entlassung erachtet. - Nicht viel besser erging es uns mit einem Kellereiarbeiter, der vorher durch mehrere Jahre bei einer christlichen Weinhändlerfirma bedienstet war. Trotz warmer Empfehlung unseres Kollegen T. bei einem unserer größten Weinhändler (Glaubensgenosse) wurde derselbe wegen seines zu jüdischen Aussehens zurückgewiesen und erst nach neuerlichen Bemühungen desselben Kollegen, und nachdem man in unserem Bureau auf den genialen Einfall kam, den.Mann rasieren zu lassen, fand er daselbst die gewünschte Anstellung. Nicht weil ich dem große Bedeutung beimesse, sondern als Gegensatz zu diesem Falle sei erwähnt, daß jüngst ein als waschechter Antisemit ziemlich bekannter Zuckerbäcker bei einer der größeren Kohlenrutschen der Nordbahn erschien und dort den Geschäftsführer fragte, ob die Kohlenabträger, die bei ihm das letztemal Kohle abluden, Juden wären; als man dies konstatierte — es waren von nns plazierte Arbeiter — und bejahte, erklärte derselbe, man solle ihm nur wieder dieselben schicken, er habe noch nie so tüchtige und fleißige Arbeiter gehabt. Wie gesagt, wir bilden uns auf diese Anerkennung nichts ein, aber verzeichnet mag immerhin der Ausspruch dieses christlichen Antisemiten — gegenüber denen unserer jüdischen — werden. - Doch ich bin in der angenehmen Lage, Ihnen auch erfreuliche Bilder vorzuführen. Eines Tages wurde mir von unserem Schalterbeamten für manuelle Arbeiten ein sehr intelligent aussehender Mann, der als Bauzeichner, Bauleiter, Polier oder „was immer" in Vormerkung stand, als bereits in großer Not befindend, vorgestellt. Ich schickte ihn zu einem uns nahestehenden Ingenieur — dem wir schon so viel Dank schulden — der stellte ihn sofort als Tagzeichner (Diurnist) an, behielt ihn im Auge, erkannte seine Tüchtigkeit, veranlaßte ihn, die Baumeister- Prüfung zu machen, und ebnete ihm auch hierzu die Wege. Heute ist unser Schützling bei einer der größten Bauunternehmerfirmen als Ingenieur mit einem Fixum von 5600 Kronen angestellt. Meiner Stellung als Schriftführer des Vereins zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender verdanke ich die Bekanntschaft von Frau K., Mutter von neun Kindern, einer aus Rußland vertriebenen Schirmmacherin, die von diesem Verein ein Darlehn erhielt. Sie kam vor ungefähr einem Jahre zu uns mit einem Briefe des Oberlehrers der Schule im IX. Bezirk, wo ihr Sohn eben die Bürgerschule absolvierte. Der Oberlehrer macht sie in dem Briese aufmerksam, er finde, daß der Junge im Zeichnen sehr begabt sei, es wäre jammerschade, wenn die Fähigkeit nicht ausgebildet würde. Ich führte den Burschen zu unserem Kollegen im Vorstande, Architekt St., welcher ihn nach vorgenommener Prüfung dem Negierungsrat Camillo Sitte vorstellte. Beide bestätigten das Vorhandensein eines ausgesprochenen Talentes. Zur Ausnahme in die Kun stgewerbeschule zu jung, empfahl ihn Sitte an eine andere staatliche Zeichenschule. Da dort nur Abendunterricht ist, wollten wir ihm, um ihn bei Tag zu beschäftigen, eine Kontoristenstelle verschaffen. Sowohl seine Kenntnisse, als insbesonders seine Schrift reichten hiezu nicht aus. Auf Anraten des Kollegen W. brachte ich ihn in die Handelsschule Allina. Sowohl hier als auch in der Zeichenschule erhielt ich auf meine Anfrage sehr befriedigende Auskunft über den Fleiß und die Fortschritte unseres Schützlings, so daß ich mit Recht erwarten zu können glaube, daß aus demselben etwas Tüchtiges wird. Die allerdings sehr ermäßigten Auslagen für den Unterricht erhielt ich von Ihrem Unterstützungsfonds. Am 8. Oktober vorigen Jahres meldete sich in unseren: Bureau ein junger Mann aus Lemberg mit einer warmen Empfehlung des Direktors der dortigen k. k. Gewerbeschule für Dekorationsmalerei. Laut dem Anmeldeschein sucht er Stellung als Zeichner. Ein Konvolut von Zeichnungen verschiedenster Gattung lag auf unserem Tische, auf welche mich Kollege L. aufmerksam machte. Trotz des überaus günstigen Eindruckes maßte ich mir kein Urteil an und sandte den jungen Mann samt Zeichnungen zu unserem Isidor Kaufmann; Vorstandskollege Direktor K. holte die Meinung von Professor Seligmann ein. Sowohl Kaufmann als auch Seligmann äußerten sich geradezu enthusiastisch über den Jüngling. Er ist bereits in vorzüglicher Schule untergebracht und berechtigt zu den allerbesten Erwartungen, ich nenne ausnahmsweise den Namen Jakob Wietschner, weil ich hoffe, daß er uns allen noch große Freude bereiten wird. Kollege Direktor K. und die Baron Hirsch-Schulstiftung sorgen für sein Fortkommen. Aehnliches erwarte ich von einem jungen Musiker, der sich * ebenfalls im Herbste vorigen Jahres bei mir vorstellte. Er ist 20 Jahre alt, absolvierte die Realschule, besuchte sodann die Technik. Da überkam ihn der unwiderstehliche Drang zur Musik, die er auch bisher als Autodidakt eifrig pflegte. Er spielt, wie er mit an Schüchternheit grenzender Bescheidenheit allmählich erklärte, Klavier, Geige, Viola und Harmonium. Bei dem Gedanken an die Qualität dieses „Spielens" lächelte ich unwillkürlich, bis ich von ihm erfuhr, daß er ausübendes

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