Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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410 der Historiker der Regesten der Päpste, erschoß sich aus Gram über den ihm aufgezwungenen Uebertritt. Professor Samuel, in Königsberg, gleichfalls Pathologe wie Weigert, Verfasser der Streitschrift „Ueber den angeblich protestantischen Charakter der Albertina" war durch die langjährige Versagung der Erlaubnis zum Lehren und durch allerhand Lockungen amtlicher ' und privater Art bereits so mürbe gemacht, daß er einmal im Unmut erklärte, nur das athanasische Glaubensbekenntnis, das er nimmermehr mit seiner Ueberzeugung in Einklang bringen konnte, habe ihn vor einem verhängnisvollen Schritt vom Wege bewährt. Nun wohl, auch diese alten Observanzen, daß ein Jude nicht Professor sein könne, sind jetzt gefallen. Das gastliche Frankfurt a. M. betrauert heute in Karl Weigert einen seiner bedeutendsten Männer; noch mancher Zopf aber wird fallen müssen, noch manche „Observanz", welche der Freiheit der Wissenschaft und des Glaubens zu Hohn im Osten uud Westen besteht. Freilich, es dauert schon, etwas lange, daß wir auf diese Zeit der Befreiung warten. Und die Verlustliste wird von Tag zu Tag größer .... Man erschrickt, wenn man die Personalverzeichnisse der deutschen Universitäten durchgeht, über die große Zahl derer, die ihrer Karriere ihren Glauben geopfert haben. Und täglich fordert die „veraltete,, Observanz" neue Opfer, obwohl die maßgebenden Kreise sich ' längst hätten davon überzeugen müssen, wie gefährlich und verderblich dieses Teiben an sich und nicht zum wenigsten für das religiöse Bekenntnis ist, dem sie diese Neophyten zuführen. Aber es hängt mit der ganzen herrschenden Richtung zusammen und wird nicht früher aufhören, bis eine freiere Richtung mit dieser wie mit vielen anderen veralteten Observanzen gründlich aufgeräumt haben wird. Die Woche. Berlin, 23. August, in hübsches Pröbchen antisemitischer Logik lieferte in dieser Woche der wohlbekannte Rundschauer der „Kreuzzeitung". Es ist zu charakteristisch, um nicht festgenagelt zu werden. Anläßlich des Todes von Waldeck-Rousseau orakelt der große Historiker folgendermaßen: „Nur eins fällt auch hierbei wieder auf: Der Minister eines anderen Landes, der mit der schroffsten Rücksichtslosigkeit durchgreift, um vorhandenen Schäden den Garaus zu machen, findet sehr oft das Lob unserer Linken. . . . Doch wie sieht es unter gleichen Umständen bei uns aus? Was für ein Gezeter geht da von derselben Stelle ans, wenn es sich darum handelt, dem staatsfeindlichen Treiben der Sozialdemokratie scharf entgegenzutreten oder gar dem zersetzenden Wesen des Judentums — wir meinen nicht den einzelnen Juden, gegen den als solchen haben wir nichts — einen festen Riegel vorzuschieben. Wahrhaftig, die Energie, die man wo anders preist, wäre hier oft genug am Platze, und wenn sie versagt, trägt die Hauptschuld fast immer der Lärm jener „Friedfertigen", die wo anders nicht laut genug nach der Polizei schreien können." Eine solche Verdrehung der Tatsachen kann nur ein antisemitisches Gehirn aushecken. Wohlgemerkt: Es handelt sich um die Tätigkeit Waldeck-Rousseaus im Drehfus-Prozeß. Aber der Mann begreift nicht oder will nicht begreifen, daß die „Linke" in Deutschland und namentlich in Preußen, die Energie der Regierung ebenso „gepriesen" hätte, wenn sie gegen die antisemitischen Maulhelden, Hetzer und Agitatoren aufgetreten wäre. Die Phrase von dein „zersetzenden Wesen des Judentums" ist aus dem Pückler'schen Sprachschatz herübergenommen. Ein fromm-christliches Blatt sollte es sich zehnmal überlegen, ehe es sie nachspricht. An das Wohlwollen der „Kreuzzeitung" für den „einzelnen Juden", gegen den sie „als solchen" nichts habe, glaubt wohl selbst der naivste Leser des Blattes nicht mehr, da er ja sehr oft zu bemerken die frohe Gelegenheit hat, wie dasselbe „gegen einzelne Juden" losgeht, ohne daß irgendeine notwendige Veranlassung hierzu vorläge, und wie es selbst „einzelne Juden" fabriziert, um nur gegen das Judentum hetzen zu können. $ Die Nachricht, daß der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand, an das steirisch-kärntnerische fürstbischöfliche Ordinariat von Gurk durch seinen Flügeladjutanten ein ganz offizielles Schreiben gerichtet hat/in dem sich die Bemerkung findet, „daß es den Erzherzog stets sehr unangenehm berührte, bei Juden und ausländischen Antiquitätenhändlern aus Kirchen stammende Kunstgegenstände zu finden", haben wir bereits in der vorigen Nummer gemeldet. Sehr richtig bemerkt hierzu ein deutsches Blatt: „Wäre in diesem merkwürdigen Passus, der hier der wörtlichen Wiedergabe des Schreibens in den österreichischen Blättern entnommen wird, lediglich von „ausländischen Antiquitätenhändlern" die Rede, so könnte man trotz der ungeschickten Ausdrucksweise, die den Hauptpunkt, die Herkunft jener Kunstgegenstände, auf die es den: Auslande gegenüber doch ankomnit, zu betonen vergißt, immerhin vermuten, daß es sich dabei lediglich um jene Art von Patriotismus handelt, die die Kunstdenkmäler der Heimat erhalten will und die etwa in dem italienischen Ausfuhrverbot für derartige Objekte ihren prägnantesten Ausdruck findet. Aber da die „ausländischen Antiquitätenhändler" hier in Verbindung mit den „Juden" auftreten, als eine Doppelgruppe, vor der nach der bischöflichen und erzherzoglichen Meinung die kirchlichen Antiquitäten zu behüten wären, so ist jeder Zweifel ausgeschlossen, daß es sich bei dieser Mahnung „Verkauft nicht an Juden und Ausländer!" um die Betätigung und Erweckung einer abergläubischen Scheu handelt, die alte Werke kirchlicher Kunst, die längst der allgemeinen ästhetisch-historischen Würdigung und der wissenschaftlichen Forschung angehören, für entweiht hält, wenn sie etwa in die Hände Andersgläubiger, gleichviel ob Juden oder sonstige Nichtkatholiken, geraten. Einem Hauptvertreter des alpinen Klerus, der seit Jahrhunderten in seiner großen Mehrheit einer leidenschaftlich reaktionären Richtung huldigt und der die freiheitliche Bewegung in den Städten der prächtigen Gebirgsländer mit eiserner Faust niederzuhalten sucht, auf solchen Bahnen des dunkelsten Aberglaubens und der konfessionellen Feindseligkeiten zu begegnen, kann weiter nicht wundernehmen. Es wäre nutzlos, einem Bischof von Gurk die Worte des Lessingschen Klosterbruders entgegenzuhalten: „Es hat mich oft geärgert, hat mich Tränen genug gekostet, wenn Christen gar so oft vergessen konnten, daß unser Herr ja selbst ein Jude war." Aber daß ein Erzherzog und Thronfolger des heutigen Oesterreich solche dunklen bischöflichen Wege mit beifälliger Aufmerksamkeit verfolgt und die Gelegenheit vom Zaune bricht, sich für derartig gehässig reaktionäre Kundgebung des Antisemitismus und sonstiger reaktionärer Feindseligkeit öffentlich auszusprechen, das erinnert an die Ueberlieferung jener Ferdinande des 17. Jahrhunderts, die soviel Unglück über Oesterreich gebracht hat und, wie es scheint — trotz aller großen Versuche, den Staat im modernen Geiste zu verjüngen — auch in Zukunft wieder bringen sollen. Daß es sich zurzeit nicht mehr wie bei jenen unglückseligen Ferdinanden um einen „spanischen Ratschluß" handelt, sondern allem Anschein nach um einen fanatisch slavischklerikalen Einfluß, der den nach verbürgten Mitteilungen ursprünglich politisch indifferenten, aber lenksamen Erzherzog seit seiner Vermählung mit einer Gräfin Chotek beherrschen soll, ändert nichts daran, daß der mit der schwärzesten reaktionären Tinte geschriebene Brief des Thronfolgers ein trauriges Symptom des Geistes ist, der den „jungen Hof" von Oesterreich beherrscht, und an das Wort des alten Patrioten und Philosophen Carneri erinnert: „Armes Oesterreich!" *