Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 26. August 1904. 68. Jahrgang. No. 35. Begründet von Rabbiner 3>n Ludwig Philixpsoik Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt non der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße -*6/4:9, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Veraltete Mlervan?en. Berlin, 23. August, au wirst von gewisser Seite den Juden vor, daß sie sich nicht schnell genug assimilieren und daß sie noch zu viele „obsolete Observanzen" beobachten, die sür unsere Zeit gar nicht mehr passen. Obwohl wir . zunächst sür jede solche Observanz bei uns ebenfalls eine solche gröberer Art auf der anderen Seite Nachweisen könnten und obwohl wir den Vorwurf selbst als unberechtigt zurückweisen müssen, soll uns heute nur eine solche veraltete Einrichtung beschäftigen, die durch den Tod eines bedeutenden Gelehrten, des Professors Karl Weigert in Frankfurt a M., aktuell geworden ist und eigentlich überhaupt nicht von der Tagesordnung kommen sollte. An der Universität Leipzig, einer der hervorragendsten in Deutschland, der Krone des in mancher Beziehung recht rückschrittlichen Sachsenlandes, herrscht noch jetzt die veraltete Observanz früherer Jahrhunderte, daß ein Jude, sofern er nicht zum Christentum Übertritt, nicht ordentlicher Professor werden darf. Daß hierdurch nicht nur die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung, sondern auch der Ruf der früher unbestritten ersten Universität in Deutschland empfindlich geschädigt werden muß, kümmerte den hohen Senat der Leipziger alma mater nicht, als sie dem anerkannt hervorragenden Pathologen, dem unbestritten ersten Bazillenforscher Deutschlands, Karl Weigert, vor 20 Jahren einfach den Stuhl vor die Türe setzten, da dieser lieber auch die ihm bereits in Leipzig eingeräumte außerordentliche Professur aufgab, als daß er, wie sein Lehrer und Meister Julius Cohnheim, dem Glauben seiner Väter untreu wurde, um die ihm als Assistenten Cohnheims gebührende Beförderung auf dessen Sitz, nach des Lehrers Tode, zu erlangen. Der ärztliche Mitarbeiter eines großen liberalen Blattes, der selbst Jude ist, geht um die Tatsache, daß eine große Stätte der Wissenschaft lieber einen der ersten Gelehrten Deutschlands aus seiner Lehrtätigkeit ziehen ließ, so daß er ganz aus der akademischen Tätigkeit ausscheiden mußte, ehe man eine veraltete Observanz abschaffte, mit folgender Umschreibung in seinem Nekrolog auf Weigert herum: „Weigert war zuerst in Breslau, dann in Leipzig Cohnheims Mitarbeiter. Lediglich aus äußeren Umständen wurde ihm (er hatte 1879 in Leipzig eine außerordentliche Professur erhalten) 1884 nach Cohnheims Tode versagt, dessen Nachfolger in Leipzig zu werden." Also nur „äußere Umstände" nennt man den Zwang zur Taufe, die Aufgabe seines religiösen Bekenntnisses! Im besten Mannesalter, . vor gerade 20 Jahren, nahm dieser jüdische Forscher, Karl Weigert von der Lehrtätigkeit an sämtlichen deutschen Universitäten Abschied, um seinen Glauben nicht zu wechseln, wie einen Laborantenrock. Weigert hat, indem er an eine private Forschungsstätte, an das Senckenbergsche Institut in Frankfurt a. M. ging, auf einen großen Wirkungskreis verzichten müssen, aber er hat in der Stille seines Frankfurter Laboratoriums der experimentellen Therapie durch 20 Jahre hindurch noch bedeutende Dienste geleistet. Viele Schüler, die ihn sonst in Leipzig gehört hätten, suchten den bescheidenen Gelehrten nunmehr in Frankfurt auf. Weigert war ein Charakter durch und durch und er selbst hat es niemals beklagt, daß er durch eine veraltete Observanz seines Lehrstuhls beraubt wurde und auf die Krönung seines Lebensgebäudes endgültig verzichten mußte. Aber die Angelegenheit hat doch auch eine prinzipielle Bedeutung. Erinnert diese Resignation eines der hervorragendsten Gelehrten nicht ganz an die Zeit vor 70 Jahren, da so viele Männer der Wissenschaft, weil sie als Juden an den angeblich durch ihre Tradition gebundenen deutschen Universitäten keine Lehrstätte fanden, ins Ausland, zumeist nach Paris und London gehen mußten, an die Zeit, da Männer, wie Munk, Derenburg, Oppert sich von Paris, Valentin, Gluge u. a. an schweizerischen und belgischen Universitäten aus ihren Weltruf begründeten, von ihrem Heimatlande ungastlich vertrieben? Die Glaubenstreue und die Resignation auf das Katheder der damals noch von obsoleten Observanzen und veralteten Zöpfen wimmelnden deutschen Universitäten hat diesen Männern wahrlich nichts in ihrer Laufbahn geschadet. Sie sind trotzdem zu Weltruf gelangt. Ja, es ist vielleicht ein Rückschritt, daß es heute einem deutschen Juden schon schwerer fallen dürfte, sich eine so bedeutende Stellung im Auslande an wissenschaftlicher Stätte zu erringen, als es jenen Exulanten um ihres Glaubens willen in so glänzender Weise vor aller Welt möglich war. Lehrreich und von prinzipieller Bedeutung ist das jetzt durch den Tod abgeschlossene Lebensschicksal Karl Weigerts immerhin; besteht doch die veraltete Observanz, die ihn, den Juden, von seinen Schülern trennte, in Leipzig doch noch heute; und erst vor kurzem ist ein getaufter Jude dort ordentlicher Professor geworden, der aus frommer jüdischer Familie stammt und der sicher nicht übergetreten wäre, wenn man diesen Schritt nicht von ihm gefordert hätte. Auch vor ihm haben schon andere dieses Sacrificio dell intelletto dem Moloch veralteter Observanzen in der alten Universitätsstadt darbringen müssen. Und nicht nur in Leipzig allein. Die deutschen Universitäten wimmeln von solchen „Opfern" der Zeitströmung. Früher erklärten überhaupt nur zwei deutsche Universitäten, Bonn und Breslau, weil paritätisch gestiftet, in der Lage zu sein, Juden in ihren Lehrkörper aufzunehmen. Philipp Jaffö,