Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1904)
- Date
- 1904-08-19
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang. So. 34. Berlin, 19. August 1904. Vellage zur „Allgemeinen Leitung ließ ZudentumS" Lorrklpondrn-kn und Mchrlchtrn. Deutschland. — Berlin, 14. August. Der Hilfsverein der. deutschen Juden hat für unsere russischen Glaubensgenossen,.: die von der ökonomischen Krisis im Zarenreiche besonders hart betroffen sind, 50 000 Mark bewilligt und bereits 10 000 Mark für dringende Bedürfnisse nach Rußland gesandt. Es ist dafür Sorge getragen, daß die Unterstützungsgelder in rationeller.Weise an die einzelnen Gemeinden verteilt werden. Ferner hat der Hilfsverein der deutschen Juden seine Bewilligung von bOO Rubel für das durch Feuer schwer heimgesuchte Wilkomir um :250 Rubel auf 750 Rubel erhöht, und er hat weitere 1000 Mark, die ihm für diesen Zweck vom Hilfskomitee für die russischen Juden zu Frankfurt a. M. freundlichst zur Verfügung gestellt worhen sind, , zur gleichmäßigen Verteilung an die Abgebrannten, von Wilkomir, Dombrovitza und Korostyschew überwiesen. s Berlin, 12. August. Auf Grund einer chemischen Arbeit hat eine Dame aus Russisch-Polen, Frl. Amalie Hertz, an der Berliner Universität soeben den philosophischen Doktorgrad erworben. Sie ist als Tochter eines jüdischen Arztes 1878 in Warschau geboren und hat dort 1896 die Prüfung aus dem vollen Kursus der Mädchengymnasien bestanden. Zwei Jahre später ließ sie sich in Bern immatrikulieren, dann kam sie 1899 nach Berlin. Hier widmete sie sich dem Studium der Mathematik und der Naturwissenschaften; 1901 erwarb sie noch das Reisezeugnis am Friedrich-Realgymnasium. Ihre Dissertation handelt über die Wanderung der Jonen des Kali um- und des Ammoniumchlorids unter dem Einfluß verschiedener Temperaturen. Fräulein Dr. Hertz erhielt das Prädikat eum lauäs. Sie ist die erste Russin, die hier den Doktorgrad erlangt hat. In der Reihe aller hier promovierten Damen ist sie die zwölfte. Man sieht also, daß nicht bloß „Mandelstamms und Silberfarbs" aus dem Osten hier studieren. Im Gegenteil, man kann statistisch Nachweisen, . daß die überwiegende Mehrzahl der hier studierenden Russen und Polen trotz der großen Schwierigkeiten, die ihnen hier so ziemlich llön allen Seiten bereitet werden, zu den fleißigsten und begabtesten Hörern der Universität wie der technischen Hochschule gehören. .<?. Berlin, 12. August. Nach schwerem Leid'en ist am 11. d. M, der Bankier Alexander Meyer Cohn im 52. Lebensjahre gestorben. Derselbe war Mitbesitzer der renommierten'Firma gleichen Namens und gehörte einer Familie an, deren Namen in der Geschichte der jüdischen Gemeinde Berlin Hellen Klang hat. Er selbst wurde treffend ein Kaufmann mit einem 'Künstlerherzen genannt. Alexander Meyer- Cohn besaß eine der größten und wertvollsten Autographensammlungen der Welt, liebte die Kunst und die Bücher und übte im Stillen die Tätigkeit eines Mäcens aus, dem manches Talent Gutes zu verdanken hat. Die königlichen Museen ebenso wie ändere Kunstanstalten hatten sich wertvoller Schenkungen von ihm zu erfreuen. Besonders aber galt seine Liebe und Aufmerksamkeit der deutschen Literatur und vorab dem Goethe-Archiv in Weimar, dessen Sammlungen er durch schöne Gaben bereicherte. Sein Haus war ein Mittelpunkt der Gelehrtenwelt, mit der er sein ganzes Leben in guter Fühlung blieb. Er war einer der Begründer des Museums für deutsche Volkstrachten, dem er eine große Anzahl von Trachten und Modellen gestiftet hat. Als Vorstandsmitglied des Vereins für deutsche Literatur war der Verstorbene eifrig tätig. In der Versammlung der Goethegesellschaft zu Weimar war Alexander Meyer Cohn eine stets gern, gesehene Erscheinung; er gehörte zu den wenigen, die von der verstorbenen Großherzogin Sophie mit besonderer Huld ausgezeichnet wurden. Er besaß eine reiche Sammlung von Handschriften und Autogrammen, die einen außerordentlichen Wert repräsentiert. Zu seinen Erwerbungen gehören u. a. Briefschaften des Feldmarschalls von Manteuffel, die über dessen Verhältnis zu Bismarck, mit dem er. nicht immer cl'aeeorä war, eigenartige Aufschlüsse geben. Bekanntlich war der Sohn des Feldmarschalls, Jobs von Manteuffel, seinerzeit in Vermögensverfall geraten. und der Nachlaß des Vaters wurde verkauft. Die wertvollsten Briefe erstand Alexander Meyer Cohn. Dieser Umstand gab unserem jetzigen Kaiser Veranlassung, den Verstorbenen zu ersuchen, von einer Veröffentlichung der Briefschaften abzusehen. Die großen Mittel, mit Hilfe deren der Verstorbene im Stillen die Tätigkeit eines Mäcens ausübte, hatte er von seinem Vater, dem längst verstorbenen Begründer des alten Bankhauses, Geheimen Kommerzienrat Meyer Cohn, ererbt. Dieser war der Typus eines alten, biederen Bankiers vom echten Berliner Schlage; der alte Herr hatte es von jeher verstanden, sich mit den Kreisen des hiesigen Hofes in gute Fühlung zu bringender erwarb zu seinen Kunden eine Reihe von Fürstlichkeiten und Mitgliedern des alten'Adels; zu seinen besonderen Gönnern gehörte der ehemalige Generaladjutant weiland' Kaiser Wilhelms I., Graf Lehndorff. Und alle die, die sich ihm anvertrauten, wußten, warum sie es taten.' Ein gutes Stück der echten, warmherzigen Biederkeit des Vaters war auf den Sohn übergegangen. Nicht nur die Geschäftswelt wird Hem Dähingegangenen ein ehrenvolles Andenken bewahren; auch Literatur und Kunst haben in ihm einen-warmherzigen und verständnisvollen Förderer verloren. Und zahlreiche Arme werden den Tod des edlen Wohltäters beklagen, der seit mehr als fünfzehn Jahren im Vorstand der „Gesellschaft der Freunde" wie in vielen anderen Wohltätigkeitshereinen eifrig gewirkt und viele Tränen getrocknet, viele. Existenzen aufgerichtet hat. Sein Andenken sei gesegnet! : sch. Friedland N.-L., 14. August. Ueber die Erbauung der, wie gemeldet, demnächst zum Abbruch bestimmten Synagoge, sowie über die Anfänge, die Glanzzeit und die Auflösung der hiesigen Gemeinde meldet die Chronik folgendes: Die Regierung Kursachsens, zuH.em Friedland gehörte, erlaubte den Juden, in Leipzig und hier Friedhöfe anzulegen. Die Folge war, daß sich hier an der Grenze eine große Anzahl Juden ansiedelten. Noch im Jahre 1849 hatte Friedland 100 jüdische Einwohner, die einen schwunghaften Handel trieben. Steuer- und Amtsgerichtsbezirk reichten bis nach Neuzelle und zwangen die Bewohner nach hier zu kommen. Im Jahre 1761 erwarb die jüdische Gemeinde 18 sächsische Ellen Land zur Erbauung des Tempels, 1777 wurden 6 sächsische Ellen zur Erweiterung und 1810 noch 2 Berliner Ellen erworben. Der bisherige Landbesitzer überließ es der Gemeinde in Erbpacht gegen eine Entschädigung von 49 Mark. Im Jahre 1821, als Friedland vollständig eingeäschert wurde, verbrannte auch der Tempel, und mit ihm die Frau und Tochter des Rabbiners. Der Tempel wurde bald darauf in seiner jetzigen Gestalt wieder aufgebaut und war größer als die beiden für die Stadt- resp. Landgemeinde bestimmten christlichen Kirchen. Damals war die Zahl der jüdischen Einwohner größer als die der evangelischen. 1846 wurde um den jüdischen Friedhof eine hohe massive Mauer gezogen, zu deren Erbauung Rotschild aus Frankfurt a. M. 1000 Gulden (2000 Mark) beisteuerte. Nach der Vereinigung der Niederlausitz mit Preußen fiel der Grenzhandel weg. und nun verzogen auch die jüdischen Bewohner. So waren denn seit Jahren wohl noch eine Synagoge und ein jüdischer Friedhof, aber kein jüdischer Einwohner mehr hier. Nur bei Todesfällen wurden die Leichen noch aus Äeeskow und Lieberose nach hier gebracht und Gottesdienst in der Synagoge abgehalten. — Dresden, 12. August. Der Verwaltungsbericht und die Jahresrechnung der Israelischen Religionsgemeinde aus das Jahr 1903 ist ausgegeben worden. Die Gemeinde hatte Ende 1903 : 537 (524) stimmberechtigte Mitglieder. Ausgenommen wurden 1903 : 4^7 (54) Mitglieder. Ausgeschieden sind 1903: 34 (34), davon 19 (13) infolge Ablebens, 8 (18) infolge Wegzuges, 5 (O) wegen Steuerrestes, f (3) wegen Austrittes aus dem Judentums. Die Neligionsschule besuchten 1903: 294 (327) Schüler: 162 (168) Knaben und 132 (159) Mädchen. Die Religionsschule (Johannisstraße 18) hat 6 Knaben- und 6 Mädchenklassen mit je zweijährigem Kursus für die unterste und die oberste Klasse. An ihr unterrichten Rabbiner Dr. Winter als