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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-19 · Heft 34 (19.8.1904) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 34 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
Seite 407 (sequence 11)
Language
German
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407 wanderten, kletterten, im Schweiße ihres Angesichts die höchsten Höhen erklimmten und dabei nur zu der Ueberzeugung gelangten, daß sie ihre Westen und verwandten Kleidungsstücke erweitern lassen mußten, wenn sie sie nicht zur Disposition oder gar außer Dienst stellen sollten. Das gibt doch zu denken. Ich glaube, daß man allmählich dahinterkommen wird. Laufen mache dick, man klettere sich unfehlbar zur Korpulenz, man klimme sich die Kugelform an. Ist dies erst festgestellt, so wird für die städtische Verwaltung Karlsbads die Frage auftauchen: Was fangen wir mit unseren Wäldern und Höhen an? Dann wird, da man diese doch nicht wegräumen oder unbenutzt lassen kann, die Welt der Aerzte veranlaßt werden, künftig nach Karlsbad nur solche Männer und Frauen zu senden, deren Magerkeit so ausgeartet ist, daß sie keinen Schatten mehr werfen und somit genötigt sind, sich um jeden Preis Fett anzulaufen. Die Kurgesellschaft, welche sich hier vortrefflich ernährt und vielleicht dadurch den geschilderten Zustand selbst verschuldet, ist vor einigen Tagen ziemlich verstimmt gewesen. Nicht durch das Ende des Ministers Plehwe, denn da die anwesenden Polen und Russen nicht sonderlich gut auf den unglücklichen Würdenträger zu sprechen waren, so schienen auch die Bürger anderer europäischer Staaten keine Veranlassung zu hüben, durch die überraschend blutige Depesche sich den Brunnen, den sie tranken, vergiften zu lassen. Aber das von der Pariser „Aurore" veröffentlichte Interview ihres Redakteurs, welcher kurz vor der Katastrophe den Minister Plehwe gesprochen haben wollte, verstimmte doch allgemein. Der russische Minister sollte erklärt haben, die Attentate würden u. a. von den Juden in Szene gesetzt. Ob er es wirklich gesagt hat, wer kann es wissen? Lebende politische Größen werden von den Interviewern mit so unzähligen Lügen ausgestattet, daß man sich denken kann, wie ein toter Mund mit Enten aller Art vollgestopft wird. Plehwe hat vielleicht gar nichts, oder das Gegenteil gesagt. Ein toter Minister ist so recht ein Fressen für den tüchtigen Interviewer, der nicht zu fürchten braucht, dementiert zu werden. Aber der Pariser hatte nun einmal erzählt, daß Plehwe alle Attentate in die Judenschuhe geschoben habe, und da solche Schuhe hier zu Hunderten getragen werden, so war man mit der Indiskretion oder der Lüge des Parisers sehr unzufrieden. So viele Juden aber ich auch sprach, jeder gab mir sein Wort, daß es ihm nicht im Traum einfiele, Equipagen mit Dynamit in die Luft zu sprengen, auch wenn in diesen Equipagen Minister säßen, welche mit dem Grafen Pückler Brüderschaft getrunken hätten. Ein Kommerzienrat sagte mir, er überlasse es vollständig der Vorsehung. die Russen, welche in Kischinew seine Glaubensgenossen mit Weib und Kind massakrierten, zu bestrafen oder lausen zu lassen. Er (der Kommerzienrat) werde niemals eine Bombe unter diese Mörder werfen, einerlei, ob er wie der Mörder Plehwes selbst dabei verwundet würde, oder mit heiler Haut davonkomme. Ich habe ihm dies gerne geglaubt, auch wenn er nicht so treuherzig an dem Becher Bernhardsbrunnen genippt hätte, wie dies tatsächlich geschehen ist. Man muß nur beobachten, mit welchem Gefühl der Sicherheit der Wiener Bürgermeister Dr. Lueger hier jeden Morgen an der Felsenquelle erscheint, oder selbst durch die düsteren Reihen der polnischen Juden schreitet. Wenn er auch nur im Entferntesten fürchtete, daß ihm eine Dhnamitbombe entgegengeschleudert würde, gewiß, er würde den Brunnen zur Befestigung seiner Gesundheit in seiner Wohnung trinken. In den Sitzungen des wahrhaft unparlamentarischen Gemeinderats duldet Lueger wohl, daß die Juden beschimpft werden, als hätten sie auf dem Fischmarkt für einen Guldenfisch vierzig Heller geboten, und er beschimpft sie wohl auch selbst, aber er würde doch ungläubig den Kopf schütteln, wenn einer der Gemeinderäte behauptete, die Juden seien Bombenschmeißer, die Semiten seien Dhnamiten. Wenn ich gefragt würde, ob Lueger etwas zu fürchten habe, so möchte ich im Gegenteil behaupten, daß nur den Männern, mit denen er hier umgeben erscheint, nichts Gutes zuzutrauen ist. Es sollen Gemeinderäte sein, und allerdings sehen sie auch so aus, wie Männer, welche, weil es ihnen Lueger gesagt hat, Kleists Prinz von Homburg für ein Schandstück halten und welche auch sonst noch nichts gelesen haben und von solchen Leuten ist leicht ein Exzeß begangen. Aber unter den Juden ist ganz gewiß kein Bombenattentäter zu finden, und wenn Plehwe mit dem Pariser Interviewer wirklich etwas ähnliches gesprochen hätte, so glaube ich es dennoch nicht. Der historischen Richtigkeit halber füge ich auch bei, daß sich in der Gesellschaft der Gemeinderäte auch Frauen befinden, welche den Eindruck der Tüchtigkeit machen, aber allerdings nur diesen. Hoffentlich können sie wirklich gut kochen. In der Nähe des Tisches, an welchem Herr Lueger mit anderen herniederragenden Gesetzgebern Wiens im Freundschastssaalgarten frühstückt, sitzt gewöhnlich einer der R o t hs-ch i l d, d. h. einer der echten der Halbmilliardüre, nicht etwa ein falscher, der vielleicht nichts weiter kann, als daß er höchstens nicht imstande ist, seine Zinsen zu verzehren. Nein, nein, er'ist ein wirklich echter Rothschild, ein Rothschild vom Faß,' kein Flaschen rothschild, ein Rothschild vom reinsten Wasser, kein Tait-Rothschild. Und dieser Rothschild nun, dieser Mann, welcher mehr Millionen besitzt, als der Schreiber dieser Zeilen um Neujahr herum Rechnungen erhält, und ich sage dies, ohne daß ich jemals jene Millionen und diese Rechnungen gezählt habe, dieser Rothschild nun darf mit all seinem Gelde nichts anderes trinken als drei oder vier Becher heißen Wassers und zum Frühstück nicht mehr Kipfeln und Eier essen, als jeder andere Kurgast, z. B. ich. Das ist doch ein Trost für alle Kurgäste, welche allabendlich ihre Kasse daraufhin prüfen, wie viele Tage sie noch den Anforderungen der Kur zu genügen imstande sind, bis man zu dem Blümchen am Boden der Kasse hinabgelangt ist, welches den berühmten Schmuck der Tassenböden in Sachsen bildet und dem sächsischen Kaffee den gefürchteten Namen gegeben hat. Alle Kurorte der Welt sollten einen Halb- oder Ganzmilliardär unter ihren Gästen aufweisen können zur Beruhigung und zum Trost ihrer unbegüterten Hebräer. Er würde besser wirken als alle Verschönerungen, mit welchen sämtliche Kurverwaltungen die Kurorte ausstatten, um den Gästen den Aufenthalt angenehm zu machen und sie zur Wiederkehr zu ermuntern. Gewiß wird dies keine leichte Aufgabe sein, denn kein Nabob dürfte bereit sein, sich zu dem angegebenen Zweck engagieren zu lassen. Aber vielleicht fände der Staat ein Mittel, meine Idee zu verwirklichen, und dann wäre die Zufriedenheit der Kurgäste aller Konfessionen bedeutend gefördert.- Litrranlchr Mitteilungen. — Leket Joscher des Joseph ben Mose. Erster Teil. Mit erklärenden Anmerkungen von Dr.. I. Frei mann, Rabbiner in Holleschau. Berlin 1903. Selbstverlag des M'kize Nirdamim. — Durch die Herausgabe dieses Werkes, das bisher ein wenig gekanntes Dasein in der Münchener Universität fristete, auf dessen hohen kulturhistorischen Wert aber bereits Männer wie Berliner, Güdemann und Brann hingewiesen haben, hat sich Herr Dr. Freimann ein Anrecht

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